Im kalifornischen Malibu ist Gott der Besitzer eines Fitness-Studios: Ein schwarzer Riese mit Oberschenkeln "je so breit wie ein Stuhl", einer, der sich aus dem Ghetto hochgekämpft hat, ein "Mike Tyson in sanftmütiger Version". Man nennt ihn God, weil er aussieht wie das Monster Godzilla und jedem zu einem göttlichen Körper verhelfen kann. Sonst gibt es in Malibu weder göttliche Allmacht noch Vorsehung, sondern bloß grausamen Zufall. Oder? Unter den großen, letzten Fragen macht es Leon de Winter einfach nicht in seinem neuen Roman, der im Original unübersetzbar genial "God s Gym" heißt. Leger wie ein Billardmeister spielt er die bunten Kugeln "Schicksal", "Zufall" und "Wiedergeburt" über die Bande seiner breit angelegten Romanebene, und versenkt jede von ihnen genau im richtigen Moment, auf Nimmerwiedersehen.
Wer sich einen Kinoabend, nicht aber das selbstvergessene Eintauchen in eine satte und schicke Bilderwelt sparen möchte, lese Leon de Winter. Gratis darf man nebenher an einigen existenziellen Problemen knabbern.
God zerstört am 22. Dezember 2000 Joop Koopmanns Leben: Auf dem Sozius seiner Harley Davidson befördert er Joops 17-jährige Tochter Mirjam nicht wie geplant ins "Paradise Cove Beach Café" zur Geburtstagsfeier, sondern geradewegs in den Tod. Freilich ohne eigenes Verschulden und ohne selbst auch nur einen Kratzer davonzutragen. Auf dem viel befahrenen Pacific Coast Highway ist er in eine Ölspur geraten, die Mirjam ins wahre Paradies verwies. Der Verlust der geliebten Tochter wirft den Schriftsteller und Drehbuchautor Joop aus der Bahn seines wohl situierten, innig zweisamen Lebens: Baby baden, Binden kaufen, der erschrockene Blick auf eine plötzlich erwachsene Frau im Badezimmer - Erinnerungen, die nur ihm gehören, und denen er sich doch nicht überlassen kann.
Es kommt ihm einiges in die Quere. Zu viel für einen Roman, möchte man meinen: Der niederländische Jude Joop wird vom israelischen Geheimdienst überredet, dem vermeintlichen Terroristen Omar nachzuspionieren. God macht sich derweil zu Joops Diener, entdeckt das Judentum und sorgt für einen angemessenen Abschied von der Tochter: In der rührend tragikomischen Szene sitzen beide mit Baseballkappen auf dem Kopf in einem Boot, von dem sie Mirjams Asche über dem Meer ausstreuen, während God dem verwirrten Joop den Kaddisch vorsagt. Und schließlich taucht Joops Cousine Linda auf, seine erste Lehrerin in der Schule der Sexualität, einst eine "wilde Katze", nun buddhistisch in blassroter Baumwolle. Sie bringt die schillernde Kugel namens Wiedergeburt ins Spiel und tischt Joop und dem Leser die Geschichte eines buddhistischen Mönchs auf, der die Reinkarnation von Joops im KZ getöteten Großvater sein soll.
Es ist eine von den Unwägbarkeiten des Alltags, von Terrorangst und den Gebrechen des Neuen Markts gezeichnete kalifornische Kulisse, die de Winter, sanft ironisch, mit pseudoreligiösem Opium benebelt: Und siehe da, nichts ist mehr sicher. Wirkt der Mossad-Verbindungsmann wie ein Abgesandter des Teufels, entwickelt Joop für den Terroristen ungeahnte Sympathien. Wollte Joop sich die spirituellen Anwandlungen Lindas ("Irisdiagnose, Aromatherapie, Horoskope") vom Leibe halten, unterzeichnet er am Ende einen Vertrag mit einer Bank, wonach ihm das von jenem Mönch hellseherisch aufgespürte Erbe seines Großvaters übertragen wird.
Da versteht man God nur zu gut, der Einsicht finden möchte, "tiefere Einsicht". Er kehrt zum Anfang der Geschichte zurück: Zu jener Ölspur, die Mirjam das Leben kostete. Er rekonstruiert diese Spur bis hin zum Erfinder des U-Haul-Lieferwagens und zum Erdbeben, bei dem die Ölwanne des Wagens beschädigt wurde. Und er hat seine Rekonstruktion fein säuberlich für Joop aufgeschrieben: in diesem Buch. Gott ist ein Autor. Autor einer, wie man nur beipflichten kann, "schönen Geschichte für Sie", einer "Geschichte über Hoffnung und Glück".
Leon de Winter: Malibu. Roman. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes, Zürich 2003. 432 S. , 22,90 Euro.