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Restleben eines Sitzpinklers

"Schmidt" von Alexander Payne zeigt einen großartigen Jack Nicholson

Anke Westphal

Die meisten Leute gehen gern ins Kino - vermutlich möchten sich aber die wenigsten von ihnen mit alten Männern befassen, Männern, die zu viel Zeit und Prostataprobleme haben. Der Film "Schmidt" (im Original "About Schmidt") entwirft das Porträt eines solchen Mannes: Warren Schmidt ist ein durchschnittlicher Langweiler, zwanghaft veranlagt und wenig attraktiv, doch dann verschiebt sich das Gefüge seines übertrieben geordneten Lebens. Der Schriftsteller Louis Begley hat diesen Prozess aus Enttäuschung und Erkenntnisgewinn, Dissoziation und Restrukturierung in einem berühmt gewordenen Roman beschrieben; der 1961 geborene US-amerikanische Regisseur Alexander Payne adaptierte Begleys Roman im Jahr 2002 fürs Kino. Wenn ein alter, mählich verlotternder Mann nun doch Heerscharen ins Kino treiben wird, so vor allem deshalb, weil Payne die Rolle des Warren Schmidt mit Jack Nicholson besetzt hat, und es braucht tatsächlich jemanden wie Nicholson, um einen Film über einen ollen Rentner zum Ereignis zu machen: einen Schauspieler, der das Hässliche als Dimension des menschlichen Charakters souverän zu durchleuchten weiß und der ebenso viel Boshaftigkeit wie Sensibilität für das traurig Banale aufbringt. "About Schmidt" präsentiert Nicholson in seiner seit Jahren interessantesten Rolle.

Die ersten Bilder von Paynes Film zeigen einen Angestellten an seinem Schreibtisch. Der Versicherungsagent Schmidt, 66 Jahre alt, lauscht dem Ticken der Bürouhr, seine Sachen sind gepackt, in wenigen Minuten wird er in Pension gehen. Punkt fünf Uhr greift er seinen falben Staubmantel und schließt die Tür hinter sich. Das stille Drama einer entfremdeten Existenz liegt in diesen ersten Bildern, und Payne unternimmt nicht mehr und nicht weniger, als dieses Drama eines Menschen, dem sein Leben plötzlich nicht mehr passt, weil er ein anderes für sich nie auch nur erwogen hat, zu entfalten und schmerzhaft zu lösen.

Höchst befremdlich (der unerwünschten Vertrautheit wegen) wirkt dieser Mann, ein Mann ohne großartige Eigenschaften und Interessen, der seine Kreuzworträtsel nicht mehr mag und die spießigen Überraschungen seiner Ehefrau verabscheut. Denn auch im Privaten führt Schmidt ein entfremdetes Leben, in einem Reihenhaus mit geblümten Tapeten und gestreiften Vorhängen (vielleicht ist es auch andersherum) und mit einer Gattin, die ihn eigentlich als Störenfried betrachtet, bis sie der Tod beim Hausputz ereilt. Natürlich wählt Schmidt den billigsten Sarg; nun ist er also allein zu Haus. In einem untauglichen Versuch von Einsamkeitsabwehr will er seine Tochter Jeannie (Hope Davis) wieder an sich binden, doch die lebt weit weg und möchte bald heiraten - einen wenig aussichtsreichen Wasserbettenverkäufer mit Fu-Manchu-Bart. Schmidt mag ihn nicht. Seiner Unfähigkeit zur prinzipiellen Sinngebung, zur Einfühlung auch, versucht Schmidt durch Reisen zu entgehen.

Diese Reisen erfolgen in Gedanken und mit dem Campmobil, sie sind das große Durchwurstelmotiv von Paynes neuem Film. Im Fernsehen sieht Schmidt einen Werbespot für ein Kinderhilfswerk; was auch immer ihn dazu bringt, Kontakt aufzunehmen, er tut es - bald sieht man Schmidt Briefe schreiben an Ndugu, einen kleinen afrikanischen Jungen, dem er sich öffnet wie jenem Freund, den er - so suggeriert es der Film - nie hatte. In den Briefen schönt Schmidt die kargen Tatsachen seines Lebens ein wenig, beim Schreiben überwältigt ihn mitunter ein Zorn, den er hurtig unterdrückt: Zorn über den öden Ruhestand, darüber, dass die Frau ihn nötigte, im Sitzen zu pinkeln - die Summe aller jemals erfahrenen Demütigungen liegt in Nicholsons Stirnfalten, wenn er Schmidts Briefe schreibt, wenn er auf dem Klo die Polyesterhosen runterlässt und seinen bleichen, welken Arsch entblößt.

Auch der Film lässt gewissermaßen die Hosen runter: wenn er die allamerikanischen Brief-Verlautbarungen des Warren Schmidt mit den Bildern seines realen Alltags konfrontiert, indem er etwa das moderate Summen von Nicholsons Off-Erzählung gegen die Vermüllung des Schmidtschen Reihenhauses schneidet. Paynes Inszenierung ist fließend; liebevoll wird die Ereignislosigkeit einer kleinen, erstarrten Existenz in wenigen Details festgehalten: ein Sessel, eine Stehlampe und ein sichtlich gealterter Hauptdarsteller, der in der ganzen Blüte seiner Endlichkeit prangt. Der Regisseur hat Jack Nicholsons knattermimenhaften Hang zum Dämonischen streng an die Leine gelegt. Selten sah man den Schauspieler sich so einer Rolle unterordnen, aber es geht hier auch um alles - darum, was man mit seinem täglich neu beginnenden Restleben anfängt. Warren Schmidts großes Unglück liegt darin, dass er weder so recht glücklich noch unglücklich ist - die Frustrationen haben beständig an ihm genagt, wurden aber nie so übermächtig, dass er sich für ein anderes Leben entschieden hätte.

Insofern geht dieses Porträt eines ollen Rentners doch Heerscharen von Zuschauern an. Eine Möglichkeit, besser zurechtzukommen als Schmidt, handelt Payne in der Figur Roberta Hetzels (Kathy Bates) satirisch ab: Jeannies Schwiegermutter in spe ist eine Frau, die mit der ungeniert klischeebeladenen Inszenierung ihrer Existenz als alt gewordenes Hippiemädel und esoterisches Sinnlichkeitsmonster vollauf identifiziert ist. Wie Bates und Nicholson sich eines Abends gemeinsam im Whirlpool vor Robertas leicht verwahrlostem Häuschen finden, sie bedrohlich offensiv, er ganz verhuscht und allzu sehr von ihrer erotischen Dienstbarkeit bedrängt - das ist großes Kino über das Altwerden, großes Kino auch über Fluch und Segen des Selbstbetrugs.

Schmidt (About Schmidt) USA 2002. Regie: Alexander Payne, Buch: Alexander Payne & Jim Taylor nach dem gleichnamigen Roman von Louis Begley, Kamera: James Glennon, Darsteller: Jack Nicholson, Kathy Bates, Hope Davis, Dermot Mulroney u. a.; 124 Minuten, Farbe.

WARNER BROS. Verhuschter Blick in den Abgrund einer kurzen Zukunft: Jack Nicholsons Knattermiene, ganz undämonisch.