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Massenvergewaltigungen in Sierra Leone

Human Rights Watch fordert Strafe für Verbrechen von Bürgerkriegssoldaten

Frank Räther

JOHANNESBURG, 17. Januar. Ein Jahr nach dem Ende des Bürgerkrieges in Sierra Leone hat die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Massenvergewaltigungen in dem Land aufgedeckt. In einem 79-seitigen Bericht, den die Organisation am Donnerstag in New York veröffentlichte, führt sie die Aussagen von minderjährigen Betroffenen auf. So erzählt ein elfjährigen Mädchens aus Sierra Leone. "Ich wurde von sieben Rebellen im Alter von fünfzehn bis siebzehn Jahren vergewaltigt. Dorfbewohner sahen dies alles mit an, wagten aber nicht einzugreifen, um mich zu beschützen. Der Kommandeur wollte meine Tante zur Frau nehmen, doch als sie sich weigerte, wurde sie ermordet."

Hunderte tote Frauen

Eine 16-Jährige erzählt, wie Rebellen sie aus ihrer elterlichen Hütte geholt haben. "Sie zwangen mich zum Ausziehen. Dann wurde ich von zehn Rebellen vergewaltigt. Sie standen in einer Reihe an und sahen zu, bis die Reihe an ihnen war. Einer von ihnen war gerade mal zwölf Jahre alt." Eine Zehnjährige berichtet, dass sie in ihrem Ort nach dem Überfall der Rebellen acht junge Mädchen liegen sah, alle mit verstopftem Mund, gespreizten Beinen und Blut dazwischen. Keines der Mädchen überlebte diese Tortur. Human Rights Watch hat im vorigen Jahr Hunderte Frauen und Mädchen über derartige an ihnen verübte Verbrechen interviewt.

Doch keiner der Täter ist zur Rechenschaft gezogen worden. Weder die Polizei noch die Justiz gehen diesen Taten nach. "Sierra Leone war berüchtigt für das Amputieren von Händen und Armen", klagt der Afrika-Direktor der Organisation, Peter Takirambudde. "Vergewaltigungen mögen nicht mehr sichtbar sein, doch sie sind genauso unmenschlich." Sexuelle Gewalt sei während des Bürgerkrieges weit verbreitet gewesen.

Den Schätzungen von Human Rights Watch zufolge waren etwa eine Viertelmillion Frauen und Mädchen davon betroffen und leiden noch immer unter den physischen wie psychischen Folgen. Allein von den Befragten wurde jede Vierte in der Folge des Missbrauchs schwanger. Viele wurden von ihren Familien und Dorfgemeinschaften ausgestoßen. In dem zehnjährigen Bürgerkrieg war für die Rebellen die Vergewaltigung oft das erste, was sie nach dem Überfall auf eine Siedlung taten. Um die Besiegten zu demütigen, mussten oft Väter und Mütter zusehen, wie ihre Töchter missbraucht wurden. Kindersoldaten wurden dazu gebracht, sich an Frauen zu vergehen, die ihre Großmutter hätten sein können. Selbst Schwangere wurden bei diesen Gewaltorgien nicht verschont. Viele Mädchen und Frauen wurden hinterher auch entführt und von den Rebellen in ihren Camps als Sexsklaven missbraucht.

Missbrauch fortgesetzt

Die Organisation drängt nun darauf, dass diese Verbrechen endlich geahndet werden. Das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen, das in diesem Jahr die Arbeit aufnehmen soll, müsse sich damit ebenso befassen wie die in Sierra Leone nach südafrikanischem Vorbild gebildete Wahrheitskommission - auch, um in der Öffentlichkeit ein entsprechendes Bewusstsein zu schaffen. Denn, so heißt es in dem Bericht, noch immer gelten Frauen in Sierra Leone als minderwertig und hätten im sexuellen Bereich kaum Rechte. Daher sei Sexualmissbrauch auch nach dem Bürgerkrieg weit verbreitet. Die meisten Polizisten nähmen Klagen über Gewalt in den Familien oder Vergewaltigungen kaum ernst. Zudem fehle es ihnen an Kenntnis von Untersuchungen solcher Fälle. Die Gerichte seien ohnehin korrupt, und von Traumabehandlungen der Betroffenen habe nie jemand gehört. Wenn die Täter wissen, dass es bei Vergewaltigungen faktisch Straffreiheit gäbe, wird sich dies fortsetzen. "Noch immer sind Frauen und Mädchen die verletzlichsten Glieder der Gesellschaft Sierra Leones."

BLZ/RITA BÖTTCHER