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Er hatte sooo süße Hasenzähnchen

"8 Mile": Eminems grandioses Kinodebüt

Jens Balzer

Eigentlich passiert hier nichts. Und doch alles. Dieser Film zeigt wenig mehr als die Spanne eines ängstlichen Luftholens, eine Konzentration der Sinne, eine zitternde Ausrichtung des Willens. Aber man sieht, wie sich etwas formt. Und erscheint. Und wie es dann wieder verschwindet.

Am Beginn dieses Films steht dieser kleine verschüchterte weiße Möchtegernrapper, den die finsteren Typen in seinem Viertel bloß "Bunny Rabbit" zu rufen pflegen - nach einem Kosenamen seiner Mutter ("er hatte sooo süße Hasenzähnchen als Kind") -, auf dem versifften Herrenklo dieser versifften Diskothek im versifftesten Viertel Detroits und bereitet sich händeringend, augenreibend und vor Nervosität ins Herrenklo kotzend auf diesen einen großen Moment seines Lebens vor. Endlich! Endlich will er im Rapkampf beweisen, dass er der größte Rapper der Stadt ist; dass er alle Kontrahenten, die im Rapring gegen ihn antreten wollen, bis aufs Blut beleidigen und vollrappen kann - so lange, bis sie so beleidigt und vollgereimt und an die Wand gerappt sind, dass ihnen nichts mehr einfällt, womit sie zurückreimen und -rappen könnten. Er holt tief Luft, kotzt noch einmal ins Klo und geht dann hinaus und sieht dem zu erniedrigenden Gegner tief ins Gesicht. Zehn Sekunden. Zwanzig Sekunden. Dreißig Sekunden. Doch die Worte, die ihm nun kommen müssten, kommen ihm nicht - nicht auf dieser Bühne, nicht vor dieser rasenden Zuhörerschaft, die ihm immer nur das eine zubrüllt: "This is HipHop. You don t belong here. You re a tourist." Der verschüchterte weiße Möchtegernrapper verstummt; er wird vom Rapringrichter ausgezählt, vom Publikum ausgebuht und rennt durch einen Hinterausgang zurück zu seiner Mutter nach Hause.

Wobei das Zuhause ein versiffter Wohnwagen im versifftesten Wohnwagenpark Detroits ist und seine alkoholabhängige arbeitslose Mutter sich gerade beim Koitus mit einem von ihm gehassten ehemaligen Highschool-Kommilitonen befindet. Es kann also immer noch schlimmer kommen.

Es kann aber auch besser werden. Am Ende dieses Films steht der verschüchterte weiße Möchtegernrapper - nachdem er zwischendurch auch noch von seiner Freundin betrogen, von der Mutter aus dem Wohnwagen geworfen und von einer verfeindeten Straßengang grün und blau geprügelt worden ist - auf dem Tiefpunkt seines irdischen Daseins zum zweiten Mal im Vorraum der Rap-Battle-Bühne und konzentriert sich und sammelt seine Reime und Rhythmen. Und diesmal geht er hinaus und sieht dem zu erniedrigenden Gegner ins Gesicht und rappt ihn voll und beleidigt ihn, dass er rot werden müsste, wenn er nicht so schwarz wäre . und die schwarzen Freunde des schwarzen Rappers jubeln dem möchtegernschwarzen weißen Rapper dennoch zu. Dennoch! Endlich! Nun gehört er zu ihnen! Erhobenen Hauptes geht er durch den Vorderausgang wieder hinaus. Und kehrt zu seiner alkoholkranken, arbeitslosen Mutter in den Wohnwagenpark zurück.

"8 Mile" ist eine Art Remake von "Rocky"; nur, dass hier das Ende nicht so hoffnungsfroh ist. "8 Mile" ist ein Film über einen fabulösen Erfolg, der aus Demütigung und trotziger Gegenwehr rührt. "8 Mile" ist auch ein Film über seinen Hauptdarsteller Eminem - so weit sich dessen Biografie im "Rocky"-typischen Dreischritt von Demütigung, trotziger Gegenwehr und fabulösem Erfolg nacherzählen lässt. Und "8 Mile" ist ein Film über HipHop - so weit sich Hip-Hop heute noch ganz "Rocky"-gerecht als Boxen mit Worten verstehen lässt; als Kunst des MCens und Rappens, des Worte-fließen-lassens und rasenden Reimens. Was außerhalb des so genannten Alternative HipHop gegenwärtig gleichwohl nur selten gilt - was aber kein Alternative- (und schon gar kein Mainstream-) HipHoper so geschmeidig, so zornig und zugleich so melancholisch beherrscht wie Eminem. Der Soundtrack, den er zu "8 Mile" abliefert, ist jedenfalls die beste - und das heißt: die allgemeingültigste - Musik, die er jemals aufgenommen hat. Anders als frühere Eminem-Raps, erschließt sie sich auch jenen Hörern, die weder den Rap kennen noch die Raprituale, die man in "8 Mile" kennen lernt. Auch der Film strebt, bei aller Faszination am Subkulturellen und Schwer-zu-verstehenden, vor allem nach Allgemeingültigkeit: Im Wunsch seines Helden, sich in schwer verständlichen, scheinbar sinnlosen Kunstregeln zu üben, sieht er gerade das Allgemein-Wesentliche der Kunst.

"8 Mile" ist ein Film über Kunst. Kein Kinofilm und erst recht kein Popfilm der letzten Jahre hat sich so unermüdlich, so leidenschaftlich erregt und doch gedankenvoll um dieses eine Thema gedreht: wie Kunst entsteht; warum man Kunst schafft; wozu Kunst gebraucht wird. Alles, was Eminem rappt, alle Rhythmen und Reime, die sich in ihm bilden, dienen nur diesem einen Zweck: dem Elend und dem Wahnsinn der Welt zu widerstehen; zu ertragen, was zu ertragen ist. Oder anders gesagt: Alles, was ihm im Verlauf dieses Films widerfährt; alles, was er zwischen seinen Auftritten auf der Rapbühne an Enttäuschungen, Betrug und Erniedrigungen erträgt - all das hat sich am Ende als bloßes Material für eine Schöpfung erwiesen, die das Alltagselend überstrahlt. Darum auch ist der unbewegliche Eminem von allen Nicht-Schauspielern im Kino gegenwärtig der beste: weil sein unbeweglicher Mangel an Schauspiel in uns stets den Eindruck erweckt, Zeuge eines unsichtbaren Schöpfungsprozesses zu werden; weil man hinter der Stirn, hinter der man nichts sieht, ständig sieht, wie sich etwas formt.

Am Ende wird, was sich in Eminem formte, aus ihm wie eine gewaltige Worthefe quellen. Und man versteht, dass man diesen ganzen, kurzweilig geschriebenen, gut besetzten und interessant fotografierten Film über doch nur auf diesen einen Moment der Katharsis gewartet hat - auf diesen einen Moment, in dem Realität und Fiktion sich vertauschen und uns Eminem, der lauteste Provokateur, nun als der traurige und verletzliche und große Künstler erscheint, der er in Wirklichkeit ist. Was für ein Wandel. Und doch: Ein Wandel, der keiner ist . aber wie schnell ist das dann alles auch wieder vorbei.

8 Mile // USA 2002; 111 Minuten, Farbe.

Regie Curtis Hanson Drehbuch Scott Silver Kamera Rodrigo Prieto Musik Eminem Darsteller Eminem (als Rapper), Kim Basinger (als seine Mutter), Mekhi Phifer, Brittany Murphy u. a.

Unbedingt zu empfehlen ist der Besuch der Originalfassung.

Der Soundtrack "8 Mile" (u. a. mit Eminem, Obie Trice, 50 Cent, Xzibit) ist bei Motor/Universal erschienen.

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Foto: UIP Darum ist Eminem von allen Nicht-Schauspielern im Kino gegenwärtig der Beste: Weil man hinter der Stirn, hinter der man nichts sieht, ständig sieht, wie sich etwas formt.