In Johannes Brahms Erstem Klavierkonzert gehen die Ausdruckswogen hoch. Jahrelang hat der junge Komponist mit der Form, mit dem genialen Hauptthema gekämpft, und ob am Ende alles so ausgewogen geraten ist, wie er es sich vorgestellt hat, kann man bezweifeln. Manche Interpreten jedenfalls werden durch die Sturm-und-Drang-haften Unschärfen der Form dazu verführt, den Vortrag rhapsodisch aufzuweichen und das Tempo nach Gutdünken zu modifizieren, wohl weil sie annehmen, damit dem wechselnden Gefühlsinhalt gerecht werden zu können.
Dass dabei oft eher ein graues Einerlei entsteht, und wie sehr man sich an dieses Einerlei schon gewöhnt hat, das zeigten Gerhard Oppitz und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter seinem Chef Marek Janowski am Freitag im Konzerthaus. Alles an Janowskis Interpretation schien auf scharfe Kontraste angelegt: Das ruhig ausatmende Adagio etwa bildete eine Antithese zum Kopfsatz. Mit solcher Klarheit konnte der Gegensatz aber nur entstehen, indem Janowski im ersten Satz die Einheit des Tempos wahrte - dadurch verlor sich dieser Satz nicht in hundert Tönungen, sondern beschränkte sich auf die Gegenüberstellung von schroffem Haupt- und kantablem Seitenthema. Wie oft wird hier das expressive Pulver verschossen, wenn etwa für dieses Seitenthema das Tempo zu stark gedrosselt wird. Dann nämlich erscheint der Charakter des zweiten Satzes, der wie der erste im 6/4-Takt steht, vorweggenommen, und damit wird das ganze Adagio tendenziell überflüssig.
Allzu antikonzertant
So handelte es sich in Janowskis Darstellung vielleicht um Schwarzweißmalerei, aber um eine heilsame. Selten dürfte man den ersten Satz so aggressiv, mit gleichsam stählernen Kanten gehört haben, Janowski nahm ihn schnell und im Ton sehr direkt. Gerhard Oppitz spielte ebenfalls ohne sentimentale Drücker. Seine manuelle Brillanz, die schwierigen Oktaventriller im Hauptthema etwa kamen kristallklar heraus, wirkte dadurch jedoch oft nur gut sortiert. Beinah zu stark integrierte er seinen Part in das Orchester, als ob es darum ginge, dem ästhetischen Klischee von der "Symphonie mit obligatem Klavier" zu genügen, mit dem die Romantiker gegen das leere Klingeln des Virtuosenkonzerts zu Feld zogen. Man mochte sich bei Oppitz fragen, warum dieses Stück ein Konzert geworden ist, wenn dieser Einzelne für das Ganze nichts bewirkt? (Hat sich Brahms vielleicht auch manchmal gefragt; ursprünglich war es als Sonate für zwei Klaviere konzipiert.)
Also sah man dem Schluss etwas besorgt entgegen, denn hier wirft üblicherweise der Solist in einer Kadenz, die den Übergang vom Moll ins Dur mehr erschummelt als auskomponiert, das Steuer herum.Hier hatte die Interpretation eine große, überraschende Erkenntnis: Der Solist muss im Grunde gar nichts machen, das Dur, das er ansteuert, wird erst vom Folgenden bestätigt, einer Folge von Episoden, die Janowski gegen Brahms "meno mosso"-Anweisung so knapp am Tempo-Zügel hielt, dass man sie als notwendige Stationen auf dem Weg vom zarten Dur-Vorschein zum Schlusstriumph verstand: Der rhetorische Überdruck, mit dem die Kadenz sonst meist vorgetragen wird, stempelt diese Episoden zu funktionslosen Anhängse ln. Bei Janowski und Oppitz wurde deutlich, wie anders als Beethoven Brahms seinen Dur-Schluss konzipiert hat: Eben nicht als Durchbruch durch eigene Tatkraft, sondern als allmählich begriffenen Trost von außen.
Solche Wahrheitsmomente vermochte der erste Teil des Konzerts nicht zu bieten. Brittens "Sea-Interludes" aus "Peter Grimes" sind natürlich für den großen Klangfarben-Gestalter Janowski ein Paradestück, und das RSB realisiert das auch prächtig. Für die Darstellung von Sibelius 7. Symphonie jedoch ist das zu wenig, mangels bewusster Führung des musikalischen Dialogs etwa zwischen Streichern und Bläsern überzeugte das Stück nicht.