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Trau schau wem!

"19": ein Entführungsdrama von Kazushi Watanabe

Claus Löser

Usami steuert sein Moped durch den nachmittäglichen Verkehr von der Universität nach Hause. Ein freundlicher junger Mann, der einer Gruppe Ortsunkundiger bereitwillig den Weg weist, sogar seine Richtung ändert, um ein paar hundert Meter lang vor dem Auto der Fremden herzufahren. Doch an einer Kreuzung wird ihm plötzlich der Weg abgeschnitten, die eben noch Hilfsbedürftigen zerren Usami in ihr Fahrzeug, preschen mit dem Entführungsopfer davon. Auf der Fahrbahn zurück bleibt ein einzelner Schuh des hilfsbereiten Studenten. Die Kidnapper stellen keinerlei Forderungen, scheinen kein eigentliches Ziel zu verfolgen. Usami dient ihnen vielmehr als eine Art Maskottchen für beiläufige Vergnügungen: ein Großeinkauf im Supermarkt (ohne zu bezahlen), ein Besuch im städtischen Zoo, schließlich ein Ausflug zum Strand. Zuletzt findet der Albtraum einen überraschend gewaltlosen Abschluss, doch für den unfreiwilligen Reisebegleiter bleibt nichts, wie es war.

Kazushi Watanabe legt mit seinem Debütfilm einen Geniestreich vor: einen lakonischen Kommentar zur entfremdeten Welt, der seine Kraft gleichermaßen aus digitaler Kameratechnik wie aus archaischen Urängsten speist. Die Interpretationsmöglichkeiten sind reich, die Eleganz des Films besteht aber darin, sich eindeutigen Zuordnungen zu entziehen. Befragt nach der Herkunft des Titels, verweist der Regisseur auf den Umstand, sich im zarten Alter von 19 erstmalig mit dem Thema beschäftigt zu haben. Ergebnis war damals ein Super-8-Film, in dem der Regisseur auch gleich die Hauptrolle übernahm.

Nicht nur deshalb ließe sich "19" als Adoleszenz-Drama lesen, als Versuch einer schöpferischen Bewältigung des von der endgültigen Abnabelung ausgehenden Schocks. In der fünf Jahre nach der Schmalfilmversion entstandenen Variante spielt Watanabe nun einen der drei Entführer - mit zunehmendem Alter hat sich seine Perspektive offenbar von der des unmittelbar Betroffenen auf die eines Tatbeteiligten verlagert. Eine Metamorphose, die sich auch innerhalb des aktuellen Films vollzieht: Mit zunehmender Dauer und nach einigen missglückten Fluchtversuchen vollzieht sich unweigerlich die Integration des Studenten ins Ensemble der Desperados. Spätestens als ein weiteres Opfer rekrutiert werden soll, realisiert Usami seinen schleichenden Rollenwechsel. Paradoxerweise macht ein letzter Ausbruchversuch ihn endgültig zum Täter.

So funktioniert "19" auch als Parabel auf die Korrumpierbarkeit des Einzelnen in totalitären Systemen. Doch in dem Maße, da nach dieser Initiation die Hierarchie innerhalb der Machtkonstellation undurchsichtig bleibt, wird eine weitere Ebene der Handlung evident. Nach der "Verhaftung" (ganz im Sinne Kafkas) bleiben alle Uhren stehen, die Entführer sind namenlos, bei ihren Passagen durch die japanische Wirklichkeit scheint das Quartett für seine Umgebung unsichtbar zu sein. Das Geschehen vollzieht sich quasi in einer metaphysischen Zwischenwelt, im Limbo zwischen Leben zum Tod. Die Entführer dienen dabei als rabiate Boten der Transzendenz, die ihren Schützling nach einer Reihe von Prüfungen zurück in seine irdische Existenz schicken.

"19" erweist sich bei aller formalen Einfachheit als ein überaus komplexes Leinwanddebüt, das über seinen weiten Assoziationsraum hinaus auch mit vielen liebenswerten Details über sein Herkunftsland aufwartet. Einige Handlungsmomente entfalten ihren absurden Humor erst aus solchen nationalen Eigenheiten wie dem Sauberkeitswahn oder der bis zur Penetranz ritualisierten Höflichkeit. Bände spricht der Film auch über die Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft. Frauen besitzen in "19" nämlich nicht die geringste Bedeutung.

19 Japan 2001. Regie und Buch: Kazushi Watanabe; 82 Minuten, Farbe.

Foto: GAGA COMMUNICTIONS / PIFFL MEDIEN Würden Sie diesen Typen den Weg erklären?