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Und Gott schaut freundlich aus den Geigen

Die Berliner Symphoniker bei den Jüdischen Kulturtagen

Jan Brachmann

Als Felix Mendelssohn-Bartholdy einmal eine Aufführung seines 42. Psalms für Chor, Sopran und Orchester erleben musste, war er verärgert. Man hatte, für sein Empfinden, die Musik zu "rauh" hervorgebracht. "Zart" aber wollte er sie haben. Und zart klang sie am Donnerstag in der Philharmonie, als die Berliner Symphoniker, die Berliner Singakademie und die Sopranistin Mimi Sheffer unter der Leitung von Lior Shambadal dieses Stück aufführten.

Man hätte sich die Klangfarben-Aureolen noch schimmernder, die orchestrale Milchglasscheibe noch milchiger denken können, die Durchsicht auf die inneren Konturen des Satzes noch verhangener. Aber was im Orchester unentschlossen wirken mochte, wurde bei der Sopranistin Mimi Sheffer zur gestalterischen Konsequenz: Sie hat das Wort völlig zurückgenommen in den Klang, den Text nicht deklamiert, sondern in reinen, stillen Gesang aufgelöst. Nicht, dass die Worte dabei unverständlich geworden wären, aber ihr Gehalt zerging völlig in Stimmung.

"Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir", beginnt der Psalm. Geschrien aber wird bei Mendelssohn nirgends. Es ist ein Glaube, der keine Bedrängnis kennt. Er kuschelt sich in die Geborgenheit des Grundton-Orgelpunkts. Der Einklang mit dem Zeitgeist macht ihn ruhig und sicher. Es ist der Zeitgeist protestantischer Bildungsreligiosität, der für den Glauben eine unanstößige "eigne Provinz im Gemüte" (so der Theologe Friedrich Schleiermacher im Jahr 1799) reserviert hält. Darin kann dann das fromme Gefühl ungestört bei sich selbst sein und auf Filzpantoffeln einen inneren Spaziergang durch das Museum der Frömmigkeit unternehmen.

Den 11. Vers des Psalms hat Mendelssohn nicht vertont. Er redet davon, dass das Bekenntnis des Glaubens die Gefahr eigener physischer Vernichtung ("ein Mord in meinen Gebeinen") provoziere. Und verschwiegen hat Mendelssohn auch den Ort, an dem der Psalmist zu Gott schreit: "im Jordanland vom Hermon, vom Mizar-Berg her". Trotzdem wurde dieses Stück eines getauften Protestanten bei einem Konzert der Jüdischen Kulturtage aufgeführt. Dieser Querstand ist nicht leicht aufzulösen.

Bei dem symphonischen Gottesdienst "Avodath Hakodesh" von Ernest Bloch ist dies viel leichter einzusehen. Zumindest hat Bloch sich bei der 1933 vollendeten Vertonung der vollständigen Morgenliturgie für die Sabbatfeier auf "die Stimme des Blutes", der Rasse und den Geist des Alten Testaments berufen. Diese Musik sollte bekenntnishaft das sein, was Mendelssohns Musik niemals sein wollte: jüdisch. In ihrer Begeisterung für pentatonische und modale Wendungen (die englischer, russischer und auch jüdischer Folklore gemeinsam sind) unterscheidet sie sich aber kaum von der Musik etwa eines Ralph Vaughan Williams.

Man hat solche Klänge mit großen Landschaftsaufnahmen in amerikanischen Bibelfilmen zu verbinden gelernt. Sie wollen verzaubern und überwältigen. Die Berliner Symphoniker haben sie ohne Schwelgerei, mit großer Ruhe, leicht und hell ausgespielt. Es ist Musik, die diesem Orchester liegt, und die wohl sagen will, dass Gott, der Herr, vor allem eines ist: freundlich.