Das einstige "Schaufenster Afrikas", die Elfenbeinküste, droht in einem Bürgerkrieg zu zerfallen. Eine westafrikanische Eingreiftruppe soll stationiert werden, um einen brüchigen Waffenstillstand zu überwachen. Die Berliner Zeitung sprach mit Ahmadou Kourouma über die Situation in seinem Land und über sein neues Buch "Allah muss nicht gerecht sein", das mit dem begehrten französischen Literaturpreis Prix Renaudot ausgezeichnet wurde.
Wird die Elfenbeinküste zu einem "gescheiterten Staat", so wie das Nachbarland Liberia?
Ich hoffe, dass sich die Situation nicht so entwickeln wird wie in Liberia oder Sierra Leone. Es ist zuerst einmal wichtig, den Ursprung des Konflikts zu verstehen. In der Elfenbeinküste hat keine Nationale Konferenz stattgefunden. Solche Konferenzen wollte man nach dem Ende des Kalten Krieges in allen afrikanischen Staaten abhalten. Auf ihnen fanden sich Machthaber und Opposition zusammen, die Machthaber bekannten sich zu ihren Fehlern, man vergab ihnen, aber sie verloren ihre Macht.
Der Held Ihres jüngsten Romans erklärt die "Nationale Konferenz" als "großen politischen Jahrmarkt, den man in allen afrikanischen Ländern um 1994 veranstaltet und wo jeder erzählt, was ihm so durch den Kopf geht."
Voilà. In der Elfenbeinküste fand keine Nationale Konferenz statt. Der Diktator Houphouet ernannte einen Nachfolger, von dem er behauptete, er sei sein Sohn. Der war unfähig. Er wollte die "ivoirité" erfinden, er glaubte eine neue Theorie entdeckt zu haben.
Und was heißt Ivoirité?
Ivoirité soll heißen: die Menschen der Elfenbeinküste. Wer ein echter und wer ein falscher Ivorer ist.
Ist das eine Identität jenseits des Stammesdenkens, oder ist das eine Stammesidentität?
Sagen wir, die Menschen aus dem Süden sind nach dieser Theorie die Ur-Ivorer, und die Leute aus dem Norden sind keine.
Dann wären Sie - als jemand aus dem moslemischen Norden - also kein Ivorer?
Genau.
In Liberia und Sierra Leone herrscht schon seit langem Krieg. Sie beschreiben diese Kriege in Ihrem neuen Roman "Allah muss nicht gerecht sein" und sprechen darin - oder Ihr Erzähler, der ivorische Kindersoldat Birahima, spricht darin - von einem "Stammeskrieg". Ist es das wirklich? Man könnte auch von einem Bandenkrieg oder einem Bürgerkrieg sprechen.
Es ist ein Bürgerkrieg, den manche einen Stammeskrieg nennen. Aber eigentlich ist es ein Bürgerkrieg. In Liberia etwa gehört Charles Taylor (Milizenführer und formal Präsident des Landes, die Red.) selbst zu gar keinem Stamm. Er ist ein Amerikaner, der nach Liberia gekommen ist, um zu kolonisieren.
Trotzdem scheinen die multiethnischen Staaten in Afrika zu scheitern. Woher kommt das?
In Afrika gibt man überraschender Weise den Staaten, die in Unordnung versinken, viel mehr Bedeutung als denen, die entstehen. In Afrika ist die Demokratie auf gutem Wege. Manche Staaten haben sie schon - Mali, Benin -, im Senegal steht man kurz davor, ebenso in der Elfenbeinküste. Alle kämpfen für die Demokratie. Nur die Demokratie kann uns retten.
Ihr Buch erinnert den deutschen Leser an Grimmelshausen: So wie der junge "Simplicissimus" einfältig die Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges beschreibt, so beschreibt der Kindersoldat Birahima die Schrecken des Bürgerkriegs.
Ja, man hat mir davon erzählt. Ich muss mir das Buch unbedingt besorgen.
Wie könnte die Gewalt in Westafrika enden? Am Ende des Dreißigjährigen Krieges hat sich ja ein staatliches Gewaltmonopol herausgebildet. In Afrika zerfällt es.
Ich bin sicher, dass auch in Afrika am Ende die Herausbildung eines stabilen Staates stehen wird. Denn es gibt keine andere Lösung.
Erstaunlich ist für hiesige Leser, welche Rolle die Magie in ihrer Beschreibung des Krieges hat. Birahimas Begleiter Yacouba lebt sogar davon, dass er am laufenden Band Fetische für die Kämpfer herstellt.
Aber sehen Sie mal, was in Deutschland geschah, das hatte doch auch die Religion zur Grundlage. Und die Magie - so nennt man eben die afrikanische Religion. Im Dreißigjährigen Krieg haben die Leute auch geglaubt, dass ihr Gott sie beschützt. Das ist dieselbe Sache. Die Magie schützt. Die Menschen in Afrika sind Moslems, manche Katholiken, aber sie haben ihren Glauben mit der afrikanischen Religion vermischt. Die Afrikaner sind sehr gläubig. Die afrikanische Religion besitzt zwar keinen Propheten, keine Theorie, aber sie ist nicht so dumm, wie man annimmt. Die Japaner sind auch Animisten, aber gleichzeitig doch sehr wissenschaftlich.
Sind die Kindersoldaten, um die es in Ihrem Buch geht, ein neues Phänomen in Afrika?
Das ist ein neues Phänomen. Es gibt zwei Quellen für die Rekrutierung von Kindersoldaten: Der Krieg kommt in ein Dorf, die Eltern werden getötet, die Kinder bleiben übrig und werden mitgenommen. Oder aber, wenn der Krieg überall ist, dann ziehen es streunende Kinder oft vor, Kindersoldaten zu werden, statt vor Hunger zu krepieren. Und die Straßenkinder sind selbst ein neues Phänomen. Das liegt daran, dass Mütter mit ihren Kindern in die Städte aufbrechen; dort können sie die Kinder nicht in die Schule schicken und sie nicht ernähren, und deshalb ziehen die Kinder in den Straßen herum.
Warum werden diese Kinder als Soldaten angeheuert? Nur weil sie billiger sind?
Aber ja. Sie sind viel billiger. Man benutzt sie, gibt ihnen Drogen. Diese Kinder wollen leben, sie suchen etwas zu essen. Die Leute ziehen sie vor, weil man ihnen alles auftragen kann. Irgendwas. Sie sind da. Sie gehorchen.
Ihr Buch ist sehr kritisch gegenüber vielen afrikanischen Politikern. Kann es in diesen Ländern überhaupt gekauft werden?
Das Buch verkauft sich sehr gut in Afrika! In Abidjan haben wir zehntausend Exemplare verkauft. Das ist viel. Seit dem Ende des Kalten Krieges kann in Afrika jeder sagen, was er will. Wir haben Presse- und Meinungsfreiheit.
Sie haben Ihr Buch den "Kindern von Dschibuti" gewidmet.
Mir haben Kinder in Dschibuti zur Idee des Buches verholfen. Sie baten mich, über die Bürgerkriege in Afrika schreiben, weil ich doch ein großer Schriftsteller sei. Die Eltern dieser Kinder kämpften in Somalia und hatten sie nach Djibouti in die Schule geschickt.
Sind Sie noch in Kontakt mit den Kindern von Djibouti?
Ach was! Die Kinder sind erwachsen. Leute aus Frankreich wollten, dass ich das Buch Kindersoldaten gebe. Aber die Kindersoldaten sind Straßenkinder. Sie können nicht lesen. Sie interessieren sich nicht für das Buch. Sie haben ganz andere Probleme.
Das Interview führten Marika Bent und Christian Esch.
Allah muss nicht gerecht sein // Kourouma wurde 1927 in der Nähe von Boundiali, Elfenbeinküste geboren. Nach der Unabhängigkeit des Landes unter Diktator Félix Houphouet-Boigny schloss sich Kourouma der Opposition an und musste das Land verlassen. Er kehrte 1993 in seine Heimat zurück.
Allah muss nicht gerecht sein erschien im Albrecht-Knaus Verlag, München 2002. 223 S. , 19,90 Euro. Zuvor erschien vom selben Autor auf deutsch: Die Nächte des großen Jägers. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2000. 358 S. , 19,90 Euro.
Foto: BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Wer gilt noch als echter Ivorer? Ahmadou Kourouma, 75 Jahre alt.