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TENNIS

Der ewige Zweite

Barbara Klimke

Es war sein Schicksal, immer der Zweite zu sein. Selbst als er 1991 in Wimbledon siegte und glückstrunken den wertvollsten Pokal in den Händen hielt, den der Tennissport zu bieten hat, bot er dem Publikum hier zu Lande nur eine Wiederholung. Wimbledonsieg? So etwas hatte Boris Becker zu diesem Zeitpunkt schon dreimal vollbracht. Michael Stich gewann in seiner Zeit als Tennisprofi 18 bedeutende Turniere - er wäre der Erste, der Beste, das Idol seiner Generation gewesen, wäre nicht alles, was er leistete, in den Augen der Liebhaber dieses Sports kurz zuvor schon einmal dagewesen.

Es war ihm wohl vorherbestimmt, immer Zweiter zu sein. Er stieg - welch grausame Fügung - sogar in der Weltrangliste nur auf bis zu Platz zwei. Von diesem Schicksal hat er sich bis zuletzt nicht befreit. Denn falls Michael Stich, 33 Jahre, geplant hatte, den Deutschen Tennis-Bund (DTB), die Spieler und die Öffentlichkeit zu überraschen mit der Ankündigung, sein Amt als Daviscup-Kapitän niederzulegen, so kam er erneut zu spät. Als Stich am Montag zu einer Pressekonferenz in Karlsruhe erschien, hatte sich die Botschaft bereits herumgesprochen. Der alte Rivale Boris Becker konnte es sich anlässlich eines Schaukampfes in New York nicht verkneifen, die Neuigkeit, leicht verklausuliert, schon vorab zu verkünden. Selbst mit seiner eigenen Rücktrittserklärung kam Michael Stich als Zweiter.

Womöglich hätte sein Engagement als Verantwortlicher für die Tennisnationalmannschaft, das Daviscup-Team, nicht nach nur elf Monaten enden müssen, wenn er nur ein Mal Erster hätte sein dürfen. Doch als vor vier Jahren die Stelle zu besetzen war, da entschied sich das DTB-Präsidium gegen den als intellektuell und unterkühlt geltenden Stich und für den populären Becker. Später, als Becker zurücktrat, überging ihn der Verband erneut und übertrug die Aufgabe dem Becker-Intimus Carl-Uwe Steeb. Erst vor einem Jahr bat der Verband endlich Michael Stich um Hilfe.

Zu diesem Zeitpunkt hatte dieser sich bereits aufs Klavierspielen verlegt und war als Geschäftsmann unabhängig geworden von seinem Sport; den Schwerpunkt seiner Arbeit bildet ein gemeinsam mit Ärzten gegründetes medizinisches Rückenzentrum in Hamburg. Dennoch übernahm Stich den Posten des Daviscup-Kapitäns als Ehrenamt - und erbte all die Probleme, die sich angehäuft hatten in den Becker-Jahren. Er traf auf ein Team, das sich aufgerieben hatte in jahrelangen Eifersüchteleien und das in tiefer Skepsis fremdelte vor einem als übermächtig empfundenen Chef. Beckers Herrschaft über das Daviscup-Team hatte junge Spieler vergrault und ein ganzes Verbandspräsidium in den Rücktritt getrieben.

Stich hat sich mit Becker inzwischen versöhnt. Möglicherweise hält er den ersten deutschen Wimbledon-Sieger tatsächlich noch für gut genug, sich im Daviscup-Doppel in zwei Wochen in Karlsruhe mit den Profis aus Venezuela zu messen. Jedenfalls hatte Stich Becker ernsthaft nominieren wollen. Er unterschätzte dabei jedoch die Widerstände der neuen Generation, die Beckers Dominanz aus eigenem Erleben kannte. So bleibt es das Schicksal Stichs, des zweiten deutschen Wimbledon-Siegers, noch einmal über Boris Becker zu stolpern.