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Unschuldig schuldig

Die Wahrheitskommission kommt nach Smitsrivier. Gillian Slovo erzählt vom vielfachen Verrat in Südafrika

Martin Z. Schröder

Die letzte Erinnerung der Eheleute Sizela an ihren Sohn ist das Bild, wie er in einen Polizeiwagen geprügelt wird. Nach mehr als zehn Jahren wollen sie endlich erfahren, wo seine Gebeine verscharrt liegen. Die Wahrheitskommission kommt nach Smitsrivier.

Der Roman von Gillian Slovo spielt 1998 in Südafrika. Sein Thema ist der Verrat. Als dreizehn Jahre zuvor der Ausnahmezustand in Südafrika herrschte, folterten weiße Polizisten, unterstützt von schwarzen Hilfskräften, die schwarzen Freiheitskämpfer zur Aussage. Heute stehen die Peiniger und Mörder von damals vor der Wahrheitskommission und vor Gerichten und sollen sich gegenseitig dem preisgeben, was für Gerechtigkeit gehalten wird.

Gillian Slovo erzählt aber vom Verrat in weiterer Hinsicht, von dem der Heimat, wenn man fortgeht, und vom Verrat in der Liebe. Sie zeigt nicht nur, wie abscheulich Vertrauensbruch ist, sondern auch wie er sich manchmal schicksalhaft ergibt.

Verrat ist ein zugleich pathetischer und schmutziger Stoff, Gillian Slovos Roman über das Zusammentreffen von Opfern und Tätern braucht lange, um dramatisch zu werden. Was hätte doch ein Vorwort von fünf oder zehn Seiten diesen großen Stoff und wichtigen Roman entlastet! So aber bekommen wir es mit einem sterbenden Rechtsanwalt zu tun, dem guten Weißen, der sich während der Apartheid auf die Seite der Unterdrückten stellte, und mit seiner Anwaltsschülerin, die er von ihrem neuen Wohnsitz in New York zurück nach Hause holt, damit sie ihm hilft. Weil Slovo dieser Verbindung Spannung geben wollte, muss der Leser die Eifersucht von des Anwalts Ehefrau und die Zweifel der schönen jungen Juristin über sich ergehen lassen. Der Anwalt und die Anwältin diskutieren zudem nun immer wieder die politische Situation, damit der Leser sie versteht. Das klingt so: ",Unsinn, Sarah! Er wischte ihre Worte beiseite. ,Kräfteverhältnis! Du darfst nicht vergessen, dass es 1990 zwei Lager gab. Mag man sie nennen, wie man will: die Folterer und die Freiheitskämpfer oder die staatstreuen Polizisten und die Terroristen. Zwischen ihnen herrschte Krieg, und es war Zeit, Frieden zu schließen. So wurde die Wahrheitskommission geboren. Grimmig funkelte er sie an; sollte sie es doch wagen, ihm zu widersprechen." Das tut sie auch und entgegnet so steif wie in einem Lehrfilm der Anstalt für politische Bildung: "Willst du damit sagen, dass eure Wahrheitskommission bestenfalls ein Kompromiss ist?" Diese Diskussion hat sogar der Zeitungsleser im Kopf - hier zu Lande vielleicht verstärkt, weil die Deutschen das Bewältigungsproblem anhand der Stasi und der Rente für "Staatsnahe" in der DDR ebenfalls diskutiert haben.

Bewegend dagegen sind die Auftritte der Eltern des toten Steve Sizela: "Wie sehr hatte sein Junge leiden müssen? Hatte er geschrieen? War er tapfer gewesen?" Und die Mutter streicht mit der Hand über ein Foto an der Wand und sagt: "Dieses Bild hilft mir, den letzten Anblick von meinem Sohn zu vertreiben. Den Anblick von meinem getretenen Sohn auf der Erde."

Die peinliche, ekelhafte Frage ist, welcher von zwei Freiheitskämpfern den anderen verraten hat. Das ist ein großer Konflikt, wie bei Schiller tritt der Treuebruch selbst aus den Menschen heraus und "schielt auf die Unschuld mit verschlingendem Blick". Jeder weiß, dass man Gefolterten den Verrat nicht vorwerfen kann, sie verüben ihn stellvertretend für die Folterer. Aber trotzdem müssen sie die Last des Verrates tragen.

Nur die ehemaligen Polizisten wissen, wer was über wen gesagt hat. Gesagt? Gekeucht, herausgepresst: nackt, mit einem nassen Sack über dem Kopf, gefesselt, beschmutzt, den Kopf nach hinten gebogen, gewürgt, in Todesangst. Die New Yorker Anwältin erfährt, wer sich unter diesem Druck unschuldig schuldig gemacht hat und begeht neuen Verrat. Weil sie sich in den heute noch lebenden der beiden Freunde von damals verliebt hat, der nun Parlamentarier ist, verschweigt sie ihm die Folgen seines Verrats.

Interessant, aber kaum ausgearbeitet sind kompliziertere Fragen: Welches Verhältnis entwickeln Peiniger und Opfer zueinander? Warum ist von Zuneigung und Zärtlichkeit die Rede? Das Opfer war entkleidet, es gab nicht näher beschriebene Berührungen, und der Folterknecht erzählt, wie er sich in den Gequälten hineinversetzen muss, um zum Ziel zu gelangen. Wie macht man das?

In starken, bewegenden Szenen treffen der Parlamentsabgeordnete und ein Polizist, sein früherer Peiniger, vor der Wahrheitskommission aufeinander. Sie spielen neue Rollen, aber noch immer ist der Gefolterte ein Opfer, denn der andere weiß um die Achillesferse. Doch erst das Opfer vermag, was die Justiz allein nicht könnte: dem Täter die Maske vom Gesicht zu reißen und sein zweites, sein böses und gewalttätiges, sein intimes Antlitz zu zeigen. Nur ist der Sadismus des Polizisten wiederum so steif beschrieben wie seine späte Entdeckung der Moral, als er hinter Gittern ins Grübeln gerät. So bleibt der Eindruck von diesem Roman zwiespältig, spannende Szenen wechseln sich ab mit ermüdenden.

Gillian Slovo: Roter Staub. Roman. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Antje Kunstmann, München 2001. 336 S. , 21,90 Euro.