Die Regisseure Paul und Chris Weitz sind Amerikaner und als solche für die Sperma-selige Teenie-Komödie "American Pie" verantwortlich, doch in "About a boy", ihrer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby, finden sie zu angemessener Untertreibung. Haupturheber des hier dargebotenen nachlässigen Humors ist Hugh Grant, der in der Rolle eines egomanen Singles einfach alles richtig macht. Was bedeutet, dass er keine komödiantischen Extras herbeizappelt, sondern sicher auf witzigen Dialogen segelt, die schon im Roman so gut sind, dass man sie zu großen Teilen einfach aus dem Buch übernommen hat.
Grant spielt Will, jene Art von frei flottierendem Einzelwesen, das neidische Familienvorsteher gern mit dem Satz "Du hast ja keine Verpflichtungen" abstrafen. Will hat nicht nur keine familiären Verpflichtungen, er muss auch nicht arbeiten, lebt er doch recht gut von den Tantiemen eines populären Weihnachtslieds, das sein verstorbener Vater vor Jahren verfasst hat. Legen ihm Freunde in erzieherischer Absicht ihr Neugeborenes in den Arm, spiegelt sich hilfloses Entsetzen in Wills Zügen. Der Mann ist die Essenz eines Hornby schen Helden: Entwicklungspsychologisch zwischen Kind und Mann fossilisiert, der Nabelschau vollkommen abgeneigt und nur in Bezug auf seine Musik- und die Markenvorlieben unbedingt treu. Man muss Will nicht sympathisch finden, um seiner Figur Vergnügen abzugewinnen - sein dreister Unernst ist schlicht entwaffnend. Wenn jeder Mensch eine Insel ist (wovon Will überzeugt ist), dann sei er - Ibiza. Hören wir ihm weiter zu: "Mein Leben ist die Will-Show, und das ist definitiv kein Ensembledrama."
Eine derartig unbekümmerte Egozentrik wird sich kein Filmheld bewahren können, der nicht, wie Patrick Bateman in "American Psycho", zum Killer mutieren soll. Doch Will soll ein Mensch unter Menschen werden, mit Gefühlen und allem Drum und Dran. Das klingt bedrohlich, wenn man an die brachialen Methoden denkt, mit denen Filme den Typus des Zynikers gemeinhin zu bekehren versuchen. Die meisten dieser Versuche sind vergessen, denn nichts ist langweiliger als die wundersame Metamorphose zum Gutmenschen, mit Ausnahme vielleicht von "Besser geht s nicht", einem zu Recht Oscar-prämierten Film, in dem Jack Nicholson vom Soziopathen zum Mitmenschen wird, ohne dass es quälend wirkt. Auch Wills Entwicklung wird gewissermaßen respektvoll vermenschlicht; das Kind in sich wird er nicht verleugnen müssen.
Zunächst jedoch erleben wir Will in seiner ganzen Ruchlosigkeit. Als routinierter Frauenheld entdeckt er eine neue Welt - die Welt der allein erziehenden Mütter. Wie sich herausstellt, ist diese Spezies wegen ihrer Dankbarkeit und Anspruchslosigkeit besonders geeignet, von Will verschlissen zu werden. Um Single-Mütter kennen zu lernen, schließt er sich unter Vorspiegelung eines Sohnes einer Selbsthilfegruppe Alleinerziehender an. Dort sitzen Frauen, die T-Shirts mit Aufschriften wie "Lorena Bobitt for Surgeon General" tragen. Will schlägt sich tapfer; er gibt sich trotz seines kompletten Nicht-Begreifens sehr sensibel und lernt auch bald die liebenswerte Suzie kennen, die eines Tages den Sohn einer Freundin zu einem Ausflug mitbringt. Eine entscheidende Begegnung: Mit Marcus bricht die Kompliziertheit der Welt über Will herein. Zunächst scheint der Junge nur ein schauderhaft angezogenes, verschrobenes und schrecklich unbeholfenes Kind zu sein - im Gegensatz zu Will, der ein teuer gekleidetes, charmantes und vorwitziges Kind ist. Marcus sieht nicht nur unglücklich aus, er IST kreuzunglücklich - und Nicholas Hoult, dicklich und etwas tranig, ist endlich ein Kinderdarsteller, der seiner Rolle jede Restsüße austreibt.
Vom Ausflug zurückgekehrt, finden Will und der Junge dessen Mutter Fiona (Toni Collette) bewusstlos vor. Sie ist depressiv und hat versucht, sich umzubringen. Fortan wird Marcus jeden Tag mit dem Schlimmsten rechnen und die Mutter vor weiteren Kurzschlusshandlungen zu bewahren suchen. Dazu braucht er Hilfe. Also taucht Marcus tagtäglich vor Wills Wohnungstür auf. Doch der Tag von Ibiza-Will ist mit "Glücksrad", Shopping und Restaurantbesuchen komplett ausgefüllt. Marcus wird dieses Bollwerk narzisstischen Selbstschutzes langsam erschüttern.
Dies ist im Film ein sehr widerständiger und darum auch sehr sehenswerter Prozess: Will sträubt sich lange gegen Marcus Unglück, greift dann aber, als er ihn nicht mehr ignorieren kann, zu Hilfsmaßnahmen, die streng seiner Lebenswelt verhaftet bleiben. Weil der unhippe Marcus in der Schule von den Klassenkameraden verspottet wird, kauft Will ihm ein Paar schicke Turnschuhe. Doch die Schuhe werden geklaut, und wenn Marcus in Socken und voller Angst vor Strafe vor seiner Mutter steht, ist das ein grässlich trauriger Moment - der Moment, in dem der Zuschauer vorwegempfindet, was Will erst begreifen muß: dass es Situationen im Leben gibt, die so beschissen sind, dass sie sich mit kosmetischen Reparaturen nicht bessern lassen.
Will wird, das sei versichert, seine boshafte Lethargie behalten. Wenn ihm allmählich dennoch eine Prise Mitmenschlichkeit dämmert (und er sich erstmals sogar ernstlich verliebt), bietet der Film allerorten Schutz vor Sentimentalität. Visuell ohne gesteigerten Ehrgeiz und nur mit einigen gerafften Montagen Eindruck machend, verlässt sich "About a boy" ganz auf den Text. Als Marcus Mutter den selbstlosen Menschen in Will zu entdecken glaubt und ihm gerührt für die Fürsorge dankt, wehrt der Mann erschrocken ab: "Nein, nein, ich bin wirklich so oberflächlich, wie es scheint." Gott sei Dank - wieder ist eine Verfilmung eines Nick-Hornby-Romans gelungen.
About a boy oder: Der Tag der toten Ente (About a boy) GB 2001. Regie & Drehbuch: Paul und Chris Weitz, Darsteller: Hugh Grant, Nicholas Hoult, Toni Collette, Rachel Weisz u.a.; 101 Minuten, Farbe.
Foto: UIP Ein wenig mehr Begeisterung hätten wir von Will (Hugh Grant) schon erwartet! Schämen soll er sich!