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Der "Stern" hat sich für die Freilassung eines Sexualstraftäters engagiert. Doch der wurde rückfällig

Andreas Lesch

Für Siegfried Weischenberg ist die Sache ein "Unfall". Er weiß auch, wie es zu dem Unfall kam. Dadurch, dass "Medien glauben, eine Gutmenschenhaltung einnehmen zu müssen". Das aber sei nicht ihre Aufgabe, meint Weischenberg. Der Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Uni Hamburg beschäftigt sich seit langer Zeit mit medienethischen Fragen - doch die jüngste Diskussion um den "Stern" ist auch für ihn kein gewöhnlicher Fall.

Was passiert war? Am 8. März 2001 forderte die Hamburger Zeitschrift in großen Lettern: "Lasst diesen Mann frei!" Der Mann, das war Wilfried Sabasch. 1971, im Alter von 17 Jahren, hatte er eine Frau überfallen und bedrängt - ein sexuell motivierter Übergriff. Seitdem saß Sabasch in der Forensischen Abteilung des Landeskrankenhauses Neustadt (Holstein). Im Juni 2000 wandte sich Sabaschs Anwältin Christa Peter an den "Stern". Sie legte zwei Gutachten vor, die zeigen sollten, dass ihr Mandant zu Unrecht noch inhaftiert sei. Der "Stern" gab darauf beim Mainzer Professor Johannes Glatzel ein drittes Gutachten in Auftrag und finanzierte es auch. Glatzel, laut "Stern" "einer der renommiertesten und erfahrensten Psychiater der Bundesrepublik", kam zu dem Schluss, Sabasch werde zu Unrecht festgehalten: "Gutachter und Gerichte haben nicht bemerkt, dass der Grund für die gerichtliche Einweisung des Wilfried S. in eine psychiatrische Klinik seit langem entfallen ist."

Das Krankenhaus sah das anders, es stufte Sabasch in Gutachten als "verführbar" und "schwachsinnig" ein. Doch ein zweiter, vom Gericht bestellter Gutachter schloss sich Glatzels Expertise an. Im Mai 2002 entschied das Landgericht Lübeck, Sabasch sei freizulassen. Wenige Wochen später wurde er wieder verhaftet. Er hatte, so die Polizei, in Uetersen/Schleswig-Holstein eine Frau vergewaltigt.

Zwar warnt der Schleswig-Holsteinische Richterverband vor "vorschnellen populistischen Schuldzuweisungen", doch die Frage stellt sich: Dürfen Medien selbst aktiv handeln? Sollten sie sich nicht besser auf das Berichterstatten beschränken? Weischenberg findet, der "Stern" sei ein hohes Risiko eingegangen, besonders in diesem Fall: "Es war nicht sein eigenes Risiko, sondern das eines Menschen." Gerade die Gefährlichkeit von Sexualstraftätern sei "von außen extrem schwer zu beurteilen. Da verheben Journalisten sich leicht". Der "Stern" zeigte sich in einer Pressemitteilung dann auch reuig: "Wir tragen in diesem Fall eine Mitverantwortung und werden uns dafür bei dem Opfer entschuldigen." Zudem biete man konkrete Hilfe an.

Die emotionale Berichterstattung aber werde man beibehalten. Schließlich, so Sprecher Frank Plümer, sei "diese Nähe zum Schicksal eines der typischen Merkmale des ,Stern ". Womöglich führt sie in diesem Fall zu einer Rüge vom Deutschen Presserat. Dessen Geschäftsführer Lutz Tillmanns sagt: "Ich könnte mir vorstellen, dass Beschwerden dazu reinkommen."