Peter Struck hat es seinem Vorgänger zu verdanken, dass seine Amtszeit als Verteidigungsminister mit einem historischen Ereignis begann. Es war Rudolf Scharpings Idee gewesen, den polnischen Staatspräsidenten Aleksander Kwasniewski am 20. Juli, dem Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler, zum sechsten öffentlichen Gelöbnis in den Bendlerblock einzuladen. Als erster ausländischer Staatsmann hielt er vor den 500 Rekruten und 2 000 geladenen Gästen am Sonnabend eine Rede. Nach der Feier sagte Struck: "Das war heute ein außergewöhnlicher Tag. Nicht nur für mich persönlich."
Auf Deutsch hatte sich Kwasniewski an die jungen Soldaten gewandt. Er sagte, die Bundeswehr sei eine Armee, die den Menschen Frieden, Sicherheit und Freiheit bringe. "Sie können stolz darauf sein, Teil dieser Armee zu werden." Struck sprach in seiner Rede viel von "Innerer Führung" und wünschte den Rekruten "Soldatenglück".
Viele Journalisten hatten sich nach dem überraschenden Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums noch kurzfristig für das Gelöbnis akkreditiert. Sie, die Soldaten, die Beamten aus dem Ministerium wollten wissen, wie der Neue sich macht. Und sie wollten wissen, ob er gedient hat. "Das haben wir so schnell nicht herausgefunden", sagte ein Bundeswehrsprecher. "Im Bundestagshandbuch steht jedenfalls nichts." Die Frage wurde dann von Struck beantwortet. Nein, er habe nicht gedient, er sei wegen seines Studiums zurückgestellt worden. Das schien niemanden zu stören. Der Sprecher sagte: "Dafür sieht Struck ein bisschen aristokratisch aus." "Richtig preußisch", sagte sein Kollege. Als Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag habe Struck Integrationsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen bewiesen, das qualifiziere ihn für seine neue Aufgabe. Und außerdem kennt man es schon bei der Bundeswehr, dass der oberste Dienstherr keine Uniform getragen hat. Auch Strucks Vor-Vorgänger Volker Rühe war nicht beim Bund.
Den CDU-Politiker will Struck bald zu einem Erfahrungsaustausch treffen, ebenso wie Helmut Schmidt, der auch mal Verteidigungsminister war. Den Rat von Rudolf Scharping sucht er offenbar nicht. Der wurde am Sonnabend auch nicht vermisst. Ein langjähriger Ministeriumsmitarbeiter sagte kühl, dass er schon viele Verteidigungsminister erlebt habe, aber noch keinen, der gefeuert wurde. Und er sagte, dass Scharping nach seiner Planschaffäre sowieso bei der Truppe unten durch war.
Für Struck waren dies gute Startbedinungen. Beim Gelöbnis gab er sich Mühe, militärisch aufzutreten. Kerzengerade stand er auf dem Paradeplatz, die Hände an den Hosennähten. Mit dem polnischen Staatspräsidenten im Gleichschritt zu bleiben, fiel Struck jedoch nicht so leicht. "Die Polen haben einen anderen Takt als wir. Wir haben den 114er", erklärte der Sprecher. "114 Schritte pro Minute."
Kwasniewski flog direkt nach dem Gelöbnis nach Warschau. Die Bootstour auf der Spree, die Scharping mit ihm geplant hatte, fiel aus. Für ein paar ausgewählte Rekruten und ihre Familien gab es noch einen Empfang.
Die Rekruten haben am Sonnabend gelobt, "der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen". Struck sagte, diese Formel nehme er auch für sich in Anspruch. Er wird am Donnerstag vereidigt, kurz bevor er nach Kabul fliegt.
BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Letzte Kontrolle vor dem Gelöbnis. 500 Rekruten waren am Sonnabend im Bendlerblock angetreten.