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Ich bin übrig geblieben

Der Weg der Pianistin Grete Sultan von Berlin nach New York

Wolfgang Rathert

Grete Sultans Apartment im Greenwich Village ist gefüllt mit persönlichen Andenken. Neben Erinnerungsstücken an ihre Familie bewahrt die Pianistin in den Räumen ihres Heims, einem typischen New Yorker Loft, die Zeugnisse ihrer zweiten Existenz in den USA. Zwar kann die 96-Jährige aus gesundheitlichen Gründen kaum noch spielen, aber in der Wohnung stehen noch immer zwei Flügel für Unterrichtszwecke. Grete Sultan ist stolz darauf, dass arrivierte jüngere Pianisten ihr vorspielen, um ihr Urteil zu hören.

Die Erinnerungen an die Vergangenheit vor dem Exil hütet sie ebenso sorgsam wie ihre Muttersprache, in deren sehr zarter und klarer Diktion der trockene, unsentimentale Berliner Tonfall unüberhörbar ist.

Im Februar dieses Jahres ist Grete Sultan in New York das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen worden. Einer Frau, die 1906 geboren, von sich selbst sagt, "übrig geblieben" zu sein. Auch wenn sich von Wiedergutmachung streng genommen kaum sprechen lässt, so ist es von enormer symbolischer Bedeutung, dass ihr - als einer der wenigen noch lebenden Persönlichkeiten aus dem Kreis der Emigranten - diese Ehrung zuteil wurde. Es wird uns doch nur selten bewusst, welche Schreckensdimension das Exil für den Einzelnen, seine Familie und sein Umfeld darstellte und wie groß der Aderlass war, den die Vertreibung der besten Köpfe Deutschlands in der "geistverlassenen Epoche" (Eric Voegelin) bedeutet hat. Dies gilt gerade auch für die Musik: Denn die meisten der Exilierten sind inzwischen verstorben, ihre Namen den Jüngeren kaum mehr bekannt, obwohl sie als Komponisten, Interpreten oder Musikhistoriker Maßstäbe gesetzt hatten und nun zur kulturellen Blüte ihrer neuen Heimatländer, allen voran die USA, wesentlich beitrugen. Ihren verwaisten Platz auf deutschen Podien und Lehrstühlen nahmen oft Opportunisten und Karrieristen ein.

Grete Sultan gehört jener Generation deutsch-jüdischer Musiker an, die durch das kulturelle Reizklima der Weimarer Republik geprägt wurden und unter normalen Umständen hier eine große künstlerische Laufbahn eingeschlagen hätten. Stattdessen musste sie 1941 unter Lebensgefahr in die USA fliehen, wo sie seitdem in New York lebt und arbeitet.

Geboren wurde Grete Sultan in Charlottenburg als Tochter einer gutbürgerlichen und emanzipierten deutsch-jüdischen Familie. Ihr Vater war ein Geschäftsmann, den Max Liebermann porträtiert hat, ihr Onkel Georg Sultan ein berühmter Chirurg in Neukölln; in der von den Sultans bezogenen Grunewald-Villa pflegten sie die Hausmusik ebenso wie den Austausch mit der intellektuellen Elite der Stadt. Gretes eminente musikalische Begabung trat früh hervor: Das Kind spielte Klavier und bald auch Orgel, inspiriert durch das Erlebnis großer Interpreten, die in der damaligen "Welthauptstadt des Klavierspiels" Berlin gastierten. Die Aufführung von Klavierkonzerten Mozarts durch Busoni in der Philharmonie im Dezember 1921 zählt noch heute zu den unvergesslichen Eindrücken Grete Sultans, die stets versuchte, die im Konzert gehörten Werke zu Hause sofort nachzuspielen. Ihre Fähigkeiten legten den Gedanken an eine Musikerlaufbahn nahe, und so unterzog sie sich im April 1922 der gestrengen Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik. Grete wurde einem der innovativsten Klavierpädagogen der Zeit, dem Russen Leonid Kreutzer, zugeteilt.

Die Situation der Aufnahmeprüfung ist für Grete Sultans Persönlichkeit und Temperament charakteristisch: Sie musste zunächst vorbereitete Werke von Bach, Beethoven und Chopin vortragen und hatte dann ein ihr unbekanntes Stück binnen einer Stunde einzustudieren. Das junge Mädchen warf nur einen gelangweilten Blick auf die Noten und entspannte sich stattdessen mit gymnastischen Übungen. Als die Kommissionsmitglieder den Raum wieder betraten, sollen sie die Kandidatin bei einem Kopfstand überrascht haben; er stand ihrer Aufnahme nicht im Wege, da sie als "sehr begabt" eingeschätzt wurde. Sie konnte nun für drei Jahre ihre Ausbildung an einem Ort absolvieren, dessen geistiges und kulturelles Klima so anregend war, dass die Hochschule in den 20er-Jahren Weltruf genoss. Im März 1925 schloss Grete Sultan ihr Examen mit Auszeichnung ab. Kreutzer schrieb vorausschauend im Abschlusszeugnis: "Sie zeichnete sich durch bemerkenswerte Reife, Musikalität und Logik aus, so dass sie von vornherein jedem Stück gerecht werden konnte."

Als moderne junge Frau war es für sie selbstverständlich, sich unvoreingenommen der neuen Musik zuzuwenden. Ihr erster Klavierlehrer, der deutsch-amerikanische Pianist Richard Buhlig, hatte ihr Interesse geweckt. Dieser eminente Beethoven-Interpret engagierte sich für die Musik Schönbergs und Strawinskys, aber auch für die damals in Europa Furore machenden Cluster-Stücke des amerikanischen "Ultra-Modernisten" Henry Cowell. Und neben ihrer Zusammenarbeit mit dem fortschrittlichen Kreis der Berliner Komponisten um Eisler und Wolpe, zu dem sie um 1930 stieß, erweiterte die junge Pianistin kontinuierlich ihr klassisch-romantisches Repertoire. Sie setzte ihre Studien privat bei dem berühmten Edwin Fischer fort, mit dem sie noch 1935 auf eine Tournee durch Ostpreußen ging, um Werke für zwei Klaviere von Bach und Mozart aufzuführen. Der italienische Meister-Cellist Enrico Mainardi wurde ihr Duo-Partner, und mit dem seit 1910 in Berlin lebenden chilenischen Pianisten Claudio Arrau schloss sie Freundschaft.

Auch nach den Nürnberger Gesetzen versuchte Grete Sultan weiterzuarbeiten, etwa durch Privatunterricht und Auftritte in Konzerten des Jüdischen Kulturbundes. Die Familie zerbrach schließlich: Die Enteignung ihres Hauses zwang sie zu mehrfachen Umzügen; Gretes Bruder und seine nicht-jüdische Verlobte begingen Selbstmord, nachdem ihnen die Heirat verweigert worden war; ihr Onkel nahm sich 1942 das Leben, um der Deportation zuvorzukommen. Der Vater starb unter ungeklärten Umständen am Tag der Ausreise, so dass es nur der Mutter gelang, in die Schweiz auszureisen.

Die Versuche Buhligs und Arraus, Grete Sultan ein amerikanisches Visum zu verschaffen, führten in letzter Minute zum Erfolg: Sie verließ im Frühjahr 1941 in einem verplombten Güterzug zusammen mit anderen jüdischen Flüchtlingen Berlin in Richtung Frankreich; bis auf einen Handkoffer mit Kleidung musste sie alles zurücklassen. Nach einer mehrtägigen Reise erreichte der Zug schließlich Lissabon, wo Grete Sultan Wochen der Unsicherheit und Angst durchlebte. Eine Viertelstunde, bevor das Visum seine Gültigkeit verlor, konnte sie ein völlig überbesetztes Schiff besteigen, von einer jüdischen Hilfsorganisation mit einem Ticket und etwas Geld ausgestattet.

Die Ankunft in Manhattan, an einem verregneten Tag im Juni 1941, wirft ein gleißendes Licht auf die existenzielle Notlage des Asyls: Sie war ohne Kenntnisse der fremden Sprache, ohne Geld - es war ihr auf dem Schiff gestohlen worden - und ohne Zukunftsperspektive. Da sie keine New Yorker Adresse vorlegen konnte, drohte ihr die Abschiebung. Unter abenteuerlichen Umständen konnte sie doch noch das Schiff verlassen und Buhlig kontaktieren. Durch ihn gelang es ihr, an der Ostküste beruflich Fuß zu fassen und seinen Schüler, den Komponisten John Cage, kennenzulernen. Er sollte über Jahrzehnte ihr wichtigster Freund, künstlerischer Weggefährte und - nach dem Tod ihrer Mutter, die sie zu sich geholt hatte - auch ihr Partner im Schachspiel werden. (Eine Zeit lang waren Cage und sein Lebenspartner, der Choreograf Merce Cunningham, zudem ihre Wohnungsnachbarn.) Im Lauf der Jahrzehnte hat sie alle wichtigen Klavierstücke Cages einstudiert. Noch 1991, ein Jahr vor Cages Tod, feierte sie mit der Aufführung der ihr gewidmeten monumentalen "Etudes Australes" - einem der schwierigsten Werke der Klavierliteratur des 20. Jahrhunderts - in Zürich Triumphe.

Obwohl Grete Sultan Pionierarbeit für die Neue Musik in den USA leistete, blieb sie, wie schon in Berlin, dem klassischen Repertoire treu. Sie wurde von Toscanini eingeladen und spielte auf ausgedehnten Tourneen durch Nord- und Südamerika Großteile der Sonaten Beethovens und des Klavierwerkes von Bach. Als eine der ersten Pianisten gab sie die "Goldberg-Variationen" mit sämtlichen Wiederholungen und ohne Unterbrechung im Konzert. Nach Europa ist sie nur noch sporadisch gereist: Zwar trat sie an ihrer alten Wirkungsstätte, der Hochschule für Musik (der heutigen Universität der Künste) mehrfach auf; eine dauerhafte Rückkehr kam für sie angesichts des Schicksals ihrer Familie, an das heute nur noch das Familiengrab auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof erinnert, nicht mehr infrage.

Getragen von einer ungeheuren Willensstärke und Liebe zur Musik, hat Grete Sultan, die als eine der großen Pianistinnen des 20. Jahrhunderts gilt. im Lauf eines langen Lebens nicht nur ihr persönliches Schicksal gemeistert, sondern auch einen unverwechselbaren Stil geformt. Er sollte für die jüngere Generation beispielhaft bleiben - in der Demut und Objektivität gegenüber dem Werk, in der Toleranz gegenüber den unterschiedlichen ästhetischen Welten der Musik, vor allem aber in der Klarheit und Ausdrucksintensität eines Klavierspiels, das deutlich macht, dass es in der Kunst wie im Leben um alles oder nichts geht. So sind Grete Sultans Aufnahmen von Werken Bachs, Beethovens, Schönbergs, Debussys, Wolpes und Cages schon jetzt das historische Vermächtnis eines unbeirrbaren und vorbildlichen Künstlertums, dessen Weg von Berlin nach New York führte und das nun zum Glück aller Musikliebhaber wenigstens akustisch wieder zu uns zurückgekehrt ist.

Die Aufnahmen Grete Sultans sind auf den Labels Wergo (Cage, Etudes Australes) und Concord/Laborrecords (The Legacy, Vol I/II) erhältlich. Am 21. September 2002 strahlt das Hörfunk-Programm Radio 3 des SFB das Feature "32 Betrachtungen über Grete Sultan" von Jean-Claude Kuner aus.

Foto: Als die Kommissionsmitglieder den Raum wieder betraten, sollen sie die Kandidatin bei einem Kopfstand überrascht haben.

Foto: Grete Sultan in ihrem Heim in Greenwich Village. Die nachgebildete Hand ihres Klavierlehrers bewahrt sie zur Erinnerung.