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Wir wollen zurück nach Hamburg

Schlange stehen, stempeln gehen: Universal Music Deutschland ist nach Berlin umgezogen

Jens Balzer

Niemals zuvor und niemals danach an diesem Abend war der Jubel so groß wie in jenem Moment, als Jan Eißfeldt den traurigen Menschen ihr Heimatlied sang. "Wer von euch ist aus Hamburg? Zeigt mir eure Hände!", skandierte Eißfeldt in seinem herrlichen, halb noch genäselten, halb schon hinausgeschnupften Waterkantdialekt. "Hamburg! Hamburg!", antworteten ihm die Menschen und reckten die Faust, als wären sie jetzt bereit, mit Eißfeldt für ein besseres Leben zu kämpfen. In einer schöneren Stadt. "Wir wollen zurück nach Hamburg", rappte Eißfeldt mit seinen Absoluten Beginnern anschließend, und die Menge, die traurig am Friedrichshainer Spreeufer stand und dem Hamburger Trio auf seiner Schwimmbühne mit dem Namen "Hamburg" zuschaute, rappte mit ihnen wie aus einer einzigen Kehle.

Am Sonnabend feierten Universal Music Deutschland ihren Umzug aus Hamburg nach Berlin. Mehrere tausend Menschen zwängten sich durch die neuen Bürogebäude an der Stralauer Allee oder schubsten sich auf dem schmalen Spreeuferstreifen vor der "Hamburg"-Schwimmbühne herum. Bevor der aufrechte Jan Eißfeldt mit seinen Hamburg-Hymnen begann, hatte auch schon der Konfektionsjazzer Till Brönner ein bisschen bedröhnt in die Posaune geblasen; und die No Angels vergriffen sich bei ihren Gesangsversuchen einmal wieder so herzzerreißend untalentiert in den Harmonien, dass das Publikum jeden Playback-Einsatz erleichtert beklatschte.

Der Weg nach oben

Wer fliehen wollte, konnte versuchen, in die VIP-Lounge auf der Dachterrasse zu klettern - dazu musste man sich in einem eigenen Universal-Pass freilich zunächst sechs Visumsfelder freistempeln lassen, eines für jedes der Subunternehmen, die zu dem Konzern gehören: Polydor, Motor, Mercury, Urban, Klassik/Jazz und schließlich noch Koch Volksmusik. Spielte man das Spiel mit, irrte man, bevor man hoch hinaus durfte, stundenlang über das unübersichtliche Gelände am Boden, suchte die unter Camouflage-Netzen abgeschirmten Stempelstationen und reihte sich vor diesen dann in lange Schlangen abstempelungswilliger Passbesitzer ein.

Schlange stehen, stempeln gehen: damit wollte die zuständige Event-Agentur ursprünglich wohl die wirtschaftliche Realität in der neuen Universal-Stadt karikieren. Inzwischen passt das Bild freilich auf die Firma selbst: Wie Berlin, ist ja auch Universal pleite. Als man im Frühjahr 2001 den Fortzug aus Hamburg verkündete, standen die Aktien des Mutterhauses - des französischen Mischkonzerns Vivendi Universal - noch bei satten 70 Euro pro Stück. Am 1. Juli, als Universal das neue Friedrichshainer Gebäude bezog, lag das gleiche Papier noch bei 23 Euro; in den folgenden beiden Tagen stürzte es bis auf 14 Euro und 13 Cents. Das liegt nicht nur an der üblichen Flaute im Medienbereich. In der Vorwoche hatte sich außerdem noch Vivendis Chief Executive Officer Jean-Marie Messier - Besucher der letzten Popkomm kennen ihn als "Ich bin der Retter der Medienwelt"-skandierenden Popmessias - beim Chief-Executive-Officer-üblichen Versuch der Bilanzfälschung erwischen lassen; nun ist er gefeuert und sein Nachfolger plant, den Konzern zu zerschlagen.

In Berlin mussten die Partygäste derweil für ihr Büfett selber bezahlen, eine Plastikschale mit Basilikumnudeln kostete 3 Euro. Unter den gegenwärtigen Umständen - darüber war man sich sowohl in den Abstempel- als auch in den Basilikumnudelschlangen einig - hätte der Umzug wohl nicht mehr stattgefunden. Wobei es ja aber von Anbeginn an zu den Umständen dieses Umzugs gehörte, dass niemand wusste, warum Universal überhaupt umziehen wollte. An den "Hamburg! Hamburg!"-rufenden Mitarbeitern hat es wohl jedenfalls nicht gelegen; als Firmenchef Tim Renner die Pläne im vergangenen Jahr erstmals auf einer Betriebsversammlung verkündete, wurde er, wie zu hören war, von der Belegschaft ausgepfiffen und -gebuht.

Warum also dann? Dass es, wie Renner und seine Mitarbeiter bis heute unablässig erklären, ums Anzapfen der "Kreativenergie" in der "tollen Musikstadt" Berlin gehe, glaubt ihnen natürlich kein Mensch. Zwar werden nirgendwo in Deutschland so viele Schallplatten mit trendigem Elektronikgefrickel gefüllt. Doch für einen Musikkonzern, dem es musikkonzernmäßig vor allem um gut verkaufbaren Pop gehen muss, ist die Berliner Popszene zweifellos eine der am wenigsten interessanten.

Aber auch die 10 Millionen Euro Subventionen, die man mit dem ehemaligen Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner ausgehandelt hat, fallen bei einem geschätzten Jahresumsatz von 600 Millionen Euro kaum ins Gewicht. Ist Universal also ausschließlich um des Umzugs willen umgezogen - um auf diesem Weg, wie bei Umzügen üblich, überzählige oder überalterte Mitarbeiter loszuwerden? Nach eigenen Angaben nimmt die Firma "60 Prozent" ihrer 500 bisher in Hamburg ansässigen Mitarbeiter mit nach Berlin; andererseits habe man auch schon wieder "200 Neue" eingestellt. Selbst wenn diese natürlich jünger sind als die alten und schlechter bezahlt - ob einen das schon für die dauerhaft schlechte Laune der nach Berlin strafversetzten Hamburger entschädigt?

Auf Wasser gebaut

Bleibt eigentlich nur die Vari- ante, die man sich unter Popjournalisten seit jeher am liebsten erzählt: dass es sich bei der ganzen Geschichte um ein Kompensationsgeschäft handelt. Seit 1999 sind ja die ehemals rein kommunalen Berliner Wasserwerke teilprivatisiert; zu 49,9 Prozent gehört die "Berlinwasser"-Holding einem Konsortium aus RWE, Allianz und Vivendi Universal. Diese Teilprivatisierung wurde allerdings nur unter der Maßgabe erlaubt, dass die Konzerne in Berlin "wettbewerbsfähige" Arbeitsplätze schaffen - egal, in welcher Sparte.

Die Berliner Popindustrie - aus Wasser geschöpft, auf Wasser gebaut? Natürlich wird man von keinem Universal-Offiziellen ein Eingeständnis erhalten, dass sich der Einzug in die Hauptstadt einer schnöden Rochade im Ver- und Entsorgungsgewerbe verdankt. Aber während die wundervolle Hamburger Band Turtle Bay Country Club das letzte Konzert des Abends bestritt ("Wir fahren morgen wieder nach Hamburg zurück! Und ihr müsst leider hier bleiben! Tschüß!"), dachte man, dass die traurigen Neu-Friedrichshainer ja vielleicht doch noch ein wenig Hoffnung besitzen. Steht bei der fälligen Neustrukturierung des Konzerns nicht das lukrative Wassergeschäft Vivendi Environnement als Erstes zur Veräußerung an? Könnte also nicht mit dem gemeinsamen Dach auch der Deal "Wasser gegen Musik" hinfällig werden? Die Universal-Mitarbeiter dürften dann in ihr geliebtes Hamburg zurück. An die Waterkant.

Universal Music // Seit dem 1. Juli hat der Musikkonzern Universal seine deutsche Zentrale in Berlin.

Im neuen Bürogebäude in Friedrichshain, einem ehemaligen Eierkühlhaus, sind fast alle Labels vereint: Mercury, Motor, Polydor, Urban sowie Classics/Jazz. Nur Koch Volksmusik bleibt in München.

Universal Music Deutschland hat einen nationalen Marktanteil von rund 30 Produzent. Zu den erfolgreichsten Künstlern zählen Rammstein, Rosenstolz und No Angels.

Universal Music International gehört zu dem Mischkonzern Vivendi Universal, der u. a. noch in den Bereichen Telekommunikation, Kino & Fernsehen sowie Wasserver- und -entsorgung tätig ist.

Foto: BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Dieser Blick auf Berlin kann es allemal mit der Ansicht auf die Hamburger Innenalster aufnehmen.