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Zeichen aus dem Sagenreich

Der Bildhauer Joachim Dunkel starb 77-jährig in Berlin

Helmut Börsch-Supan

In die jüngere Berliner Kunstgeschichte hat Joachim Dunkel sich zunächst als Zeichner eingeschrieben. Er zeichnete gleichsam räumlich, wie das hier zu Lande kaum noch üblich ist. Auch seine Skulpturen sind dreidimensionale Zeichnungen, von innen nach außen gewachsen. Die Oberfläche ist von Linien durchfurcht. Manchmal hat ein plastisch modellierter Körper einen flach ausgeschnittenen, wie gezeichneten Kopf. Am Dienstag wurde bekannt, dass der Bildhauer Joachim Dunkel, geboren 1925 in Berlin, am 10. Juni nach schwerer Krankheit gestorben ist.

Dieser Künstler trug eine Figurenwelt in sich, bei der die Zahl der Akteure begrenzt war. Wenn er zeichnete, sprangen sie aus seiner Vorstellungswelt heraus auf das Papier. Manche dieser Figuren kamen aus der Literatur: Reineke Fuchs, die Ilias, überhaupt die griechische Sage. Dunkel illustrierte nie, er paraphrasierte. Auch Tiere gehörten zu seinem Personal, vor allem Pferde, sich aufbäumende, ferne Nachfahren von Leonardos Skizzen. Mischwesen wie der Minotaurus schlagen die Brücke zwischen dem Tier- und Menschenreich. Figuren sind stets von etwas bewegt, auch wenn sie ruhig dasitzen. In den Bildnisköpfen spricht das Geistige aus den eingekerbten Vertiefungen.

Als Porträtist kam Dunkel unter den heutigen Bildhauern kaum jemand gleich, doch er machte keine Karriere im Dienst der Eitelkeit. Es musste schon eine Beziehung zu jenen Menschen geben, von denen er das Wesentliche, nicht das Schmeichelnde herausstellte. Er war ein denkender Künstler, aber nie ein theoretisierender. Er war geistvoll, manchmal sarkastisch, weil er ein scharfes Auge für die Defizite seiner Umgebung besaß. Er konnte darüber spotten und mit Lachen den Ärger hinunterspülen, der dennoch an ihm nagte. Er hatte etwas von einem Vogel, der kein wärmendes Gefieder mehr besitzt, er erschien mir immer wie jemand, der friert.

Berlin hat ihn nicht mit Zuspruch erwärmt. Beweise der Wertschätzung kamen eher von außerhalb. Preise und Ehrungen hat der einstige Schüler von Eva Schwimmer und Bernhard Heiliger vor allem bis etwa 1960 in anderen Kunstzentren der Bundesrepublik erhalten. Da er mehr auf die Vervollkommnung seiner Kunst als auf Aufstieg durch Anpassung bedacht war, geriet er im Kunstbetrieb ins Abseits. Dennoch wurde er 1974 an die Hochschule für Bildende Künste Berlin berufen, wo er bis zur Pensionierung wirkte. Es gibt keinen Schüler, der ihn ersetzen könnte. Die große, einst von Schadow begründete Tradition der Berliner Bildhauer scheint zu versiegen.

Foto: AKG/GERD SCHÜTZ Der Berliner Bildhauer Joachim Dunkel in den 70er-Jahren im Atelier.