Ich habe nur ein Vaterland und das heißt Deutschland. Und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teil angehöre, so bin ich auch nur ihm und nicht nur einem besonderen Teil desselben von Herzen ergeben." Dies ist das Bekenntnis des Reichsfreiherrn Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, des preußischen Staatsministers, der Deutschlands Einigung voraussah, als diese noch in ungewisser Zukunft lag. Das Denkmal für den Staatsreformer, das 1875 auf dem Dönhoffplatz an der Leipziger Straße in Berlin aufgestellt worden war, soll im August wieder in die Nähe des alten Ortes. Aber diese Entscheidung des Stadtentwicklungssenators Peter Strieder und seines Baustaatssekretärs Hans Stimmann muss heute als ein Abschiebeakt erscheinen. Von gründlicher geschichtlicher Recherche und von Wertschätzung zeugt sie nicht.
Der Freiherr vom Stein, geboren 1757 in Nassau an der Lahn, studierte in Göttingen Jura und wurde, seit 1780 im preußischen Staatsdienst, 1804 zum Minister für Finanzen und Wirtschaft berufen. Nach dem Zusammenbruch Preußens 1806, als Folge der Schlacht bei Jena und Auerstedt, trat Stein an die Spitze der gesamten Zivilverwaltung. Seine Gesetzesreform von 1807/08 schränkte die monarchische Alleinherrschaft ein. Mit der Abschaffung der Gutsuntertänigkeit, der Aufhebung des Zunftzwanges, der Heeresreform, der rechtlichen Gleichstellung der Juden und der Verpflichtung des Staates zur Ausbildung seiner Bürger schuf Stein in enger Zusammenarbeit mit seinen Freunden Wilhelm von Humboldt, Gneisenau und Scharnhorst die Grundlagen des bürgerlichen Staates - mit Wirkung bis heute.
Die Neubestimmung des Verhältnisses von Individuum und Staat entsprach der sich anbahnenden industriellen Revolution und führte letztlich zur Bildung der Nation. Stein, auf Weisung Napoleons wegen Konspiration gegen die Fremdherrschaft entlassen, schuf im russischen Exil die Vorraussetzungen für den nationalen Befreiungskampf, zu dem sich schließlich 1813 in Breslau König Friedrich Wilhelm III. zögernd mit dem Aufruf "An mein Volk" entschloss.
Bürgervereine aus ganz Deutschland bezahlten einst das Denkmal für den verdienstvollen Staatsmann, das die Bildhauer Schievelbein und Hagen schufen. Es wurde damals auf dem Dönhoffplatz gegenüber dem provisorischen Gebäude des Abgeordnetenhauses aufgestellt, da der geplante Standort an der Straße Unter den Linden "mit Intentionen von höherer Seite nicht übereinstimmte": Kaiser Wilhelm I. wollte den unbequemen Reformer nicht in Sichtnähe seines Palais Unter den Linden haben. Aber bereits 1899, mit dem Umzug des Abgeordnetenhauses in die Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße), hatte der Denkmalsort seinen ideellen Bezugspunkt verloren. Eine absehbare - gewollte? - Entwicklung fand ihren vorläufigen Schlusspunkt. Dies war der erste Akt der Tragik-Posse um das Denkmal.
Den Krieg überlebte das Standbild im ausgelöschten historischen Umfeld. Die Neubebauung mit Plattenhochhäusern und der Ausbau der Leipziger Straße zur achtspurigen "Autobahn" machten die Unangemessenheit des Standorts nun auch aus ästhetischer Sicht augenscheinlich. Steins Denkmal erhielt nach gründlicher Geschichts- und Standortanalyse in der DDR zu Recht einen Ehrenplatz Unter den Linden Nr. 1 vor dem damaligen Außenministerium. Einem würdigen Andenken Steins schien endlich Genüge getan.
Nach der Wende jedoch weicht das Außenministerium der Rekonstruktion der Kommandantur und auch Steins Denkmal verliert seinen Platz. Jetzt soll es zwischen die Plattenbauklötze der östlichen Leipziger Straße zurückversetzt werden - zur Erinnerung an einen längst verschwundenen historischen Standort und an eine kaiserliche Fehlentscheidung. Der Freiherr vom Stein, eine der großen Persönlichkeiten deutscher Geschichte als topografischer Erinnerungsträger - genug des grausamen Spiels!
Das Denkmal gehört in ein Umfeld, das der nationalgeschichtlichen Bedeutung Steins gemäß ist. Dieser zentrale Ort bietet sich bald an einem Platz, der dem Gebäude des Bundesrates gegenüberliegt. In Zusammenhang mit der Neubebauung des ehemaligen Wertheim-Areals mit Wohn- und Geschäftshäusern wird er 2003/04 entstehen. Dort, mitten in einer Fußgängerzone, stünde Stein auf einer Achse zwischen Bundesrat und den ehemaligen Ministergärten mit den Neubauten der Vertretungen der Länder beim Bund. Die Gesellschaft Historisches Berlin setzt sich für diesen sinnstiftenden und würdigen Standort für das Denkmal Steins ein. Mit den Stimmen namhafter Historiker will sie heute von einer Konferenz aus die Berliner aufrufen, sie in diesem Engagement für eine bürgerschaftliche Kultur zu unterstützen.
Die Autorin lebt als Bildhauerin in Berlin. Sie ist Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft Historisches Berlin e.V.
Informationen unter: www.GHB-online.de
Steins Gesetzesreform von 1806/07 schuf die Grundlagen des bürgerlichen Staates - mit Wirkung bis heute.
Foto: GESELLSCHAFT HISTORISCHES BERLIN Das Standbild des Freiherrn vom Stein am alten Standort, dem Dönhoffplatz