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Der Freischwimmer

WM-Debütant Christoph Metzelder, 21, weiß schon, wo das Wasser tief ist

Christof Kneer

MIYAZAKI, 28. Mai. Der letzte Eintrag auf www.metzelder.de datiert vom Sonntag, den 26. Mai. "Als alter Silberpfeil-Fan", schreibt der Ich-Erzähler, habe er sich sehr über David Coulthards Sieg beim Formel 1-Grand Prix in Monaco gefreut, "im Gegensatz zum roten Kelly". Vielleicht sollte man wissen, dass es sich beim roten Kelly keinesfalls um ein unentdecktes Mitglied jener Familie handelt, die Lagerfeuerlieder ohne Lagerfeuer singt. Aber ein Popstar ist er schon, der Kelly, irgendwie jedenfalls. Bürgerlich heißt der Kelly Sebastian Kehl, er ist Fußball-Nationalspieler, Ferrari-Fan und außerdem der beste Kumpel von Christoph Metzelder, welchem wiederum die Homepage gehört.

Es ist vielleicht ganz gut, dass das Online-Tagebuch am Sonntag, den 26. Mai abbricht. Hätte Christoph Metzelder die Gedanken niedergeschrieben, die am Montag im WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft in ihm aufschossen, dann wäre das womöglich ein ziemlich unhöflicher Eintrag geworden. "Ich war schon überrascht", sagt Metzelder vorsichtig, wenn man mit ihm über den Artikel sprechen will, den "Der Spiegel" am Montag in seinem Sportteil drucken ließ. Im Zusammenhang mit Metzelder fallen da Begriffe wie "altklug" und "staatsmännisch", unter anderem, weil der 21-Jährige am 11. September via Homepage "den Angehörigen der Terror-Opfer" sein "Mitgefühl" aussprach. "Ich finde es nicht gut, dass die Thematik 11. September ins Lächerliche gezogen wird", sagt er, "und der Reporter hätte mir doch sagen können, dass er das altklug oder staatsmännisch findet. Dann hätten wir da noch mal drüber reden können."

Die Zeiten sind härter geworden für die Jungprofis, die seit der Vergabe der Weltmeisterschaft nach Deutschland branchenintern nur noch als "Generation 2006" geführt werden. "Vielleicht muss ich mir vorhalten lassen, dass ich zu naiv gewesen bin", sagt Metzelder, "weil man mit mir bisher immer nur gut umgesprungen ist." Der Verteidiger Christoph Metzelder ist ein intelligenter Bursche, er hat das Abitur mit einem Schnitt von 1,8 bestanden, aber auch er hat erst begreifen müssen, dass es Anstoß erregen kann, wenn man als Sportler auf einer bunten Homepage verkürzte weltpolitische Botschaften loswird. "Jetzt weiß ich, dass die Schonfrist vorbei ist", sagt Metzelder.

Es ist nicht einfach für einen 21-Jährigen, wenn er jetzt schon weiß, dass das Land von ihm in vier Jahren nichts weniger als den Weltmeistertitel verlangt. "Wir Jungen reden da oft drüber", sagt Metzelder, "und viele sehen es schon eher als eine Belastung an." Schon im vorigen Sommer hatte der Herthaner Denis Lapaczinski nach der Rückkehr von der U 20-WM in Argentinien geklagt, "dass es bisher immer hieß, der deutsche Nachwuchs kann nichts und plötzlich sind wir die kommenden Weltmeister".

Aber vermutlich muss man sich um Christoph Metzelder keine Sorgen machen. Bislang hat sich das Schicksal noch immer im rechten Moment mit ihm verbündet. "Eine Reihe glücklicher Zufälle", so nennt er es selbst, hat ihn bislang durchs Leben getragen. "Ich habe anfangs überhaupt nicht daran gedacht, Profi zu werden", sagt er. In Schalkes B-Jugend durchlitt er "ein Katastrophenjahr" und floh nach Münster. In der Regionalliga entdeckte ihn Borussia Dortmund, und jetzt ist er deutscher Meister. Er hat auch nicht daran gedacht, Stammspieler zu werden. Aber dann verletzten sich im Sommertrainingslager 2000 ein paar Stammspieler, und Metzelder spielte, und er spielte gut. Er hat auch nicht daran gedacht, Nationalspieler zu werden. Aber dann verletzten sich im Mai 2001 ein paar Abwehrspieler, und Rudi Völler holte diesen jungen Burschen aus der U 21. Er hat auch nicht daran gedacht, zur WM zu fahren - aber dann verletzten sich Jens Nowotny und Marko Rehmer und Christian Wörns, und jetzt wird der Jungspund mit seinen sechs Länderspielen eventuell Stammspieler sein bei den Weltfestspielen des Fußballs.

Trikottausch mit Inzaghi

Vielleicht ist es das, was manche Beobachter an diesem freundlichen jungen Mann irritiert. Auf der einen Seite ist Metzelder ein richtiger 21-Jähriger, ein großes Kind, das freudig erzählt, dass es schon einmal mit dem großen Milan-Stürmer Filippo Inzaghi das Trikot getauscht hat. Auf der anderen Seite hat ihm die Vorzugsbehandlung des Schicksals eine gewisse Gelassenheit geschenkt, die ihn viel selbstsicherer wirken lässt als einen 21-jährigen Berufsanfänger. "Ich bin oft plötzlich ins kalte Wasser geworfen worden", sagt er selbstbewusst, "aber ich habe mich zum Glück immer freischwimmen können."

Wie weit ihn seine Schwimmkünste bei der WM tragen werden, ist ungewiss. Der Freischwimmer weiß inzwischen, dass das Wasser draußen ziemlich tief ist. Ein langer Pass aus dem Mittelfeld, ein kleiner Stellungsfehler, und schon war der Argentinier Kily Gonzales an ihm vorbei, am 17. April beim Testländerspiel in Stuttgart gegen den WM-Favoriten, und während Metzelder sich noch sortierte, flog schon die Flanke zur Mitte, wo Sorin das Tor des Tages köpfte. "Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss", sagt er.

Aber vermutlich hat ihm das Schicksal auch den richtigen Lehrmeister geschenkt. "Jürgen Kohler habe ich viel zu verdanken", sagt er. Obwohl von Metzelder in Dortmund auf die Bank verdrängt, hat der alte Recke dem Jungmann viele nützliche Tipps zukommen lassen. "Jürgen hat mir gezeigt, wie man den Gegenspieler im Luftkampf so anrempelt, dass er nicht zum Kopfball hochkommt." Wenn das das Schicksal hört.

Foto: M. I. S. /BERND FEIL Noch nicht drin, aber nah dran an Völlers erster Elf: Christoph Metzelder.