Gemeinhin stellt man sich unter einem Engländer ein Lager-Bier trinkendes Wesen vor. Wer hingegen, wie der Held in Magnus Mills zweitem Roman, Topham s Excelsior Bitter trinkt, dem muss schon ein besonderes Schicksal vorbehalten sein. Und noch etwas: In früheren Zeiten waren für das Schicksal die Königsdramen Shakespeares zuständig. Dort wurde geliebt, gehasst und gemordet, was die Sprache hergab. Auch in "Indien kann warten" gibt es eine Figur, die eine Krone trägt. Hier wird allerdings lediglich gebaut, gemolken und gepflanzt, und zwar alles, was das lokale Anzeigenblatt an Materialien, Tieren und Saatgut zu bieten hat. Die Krone ist nicht ohne Grund nur aus Papier, denn was das Englischsein des Engländers angeht, so ist dieses angeblich selten mit einer solchen Selbstironie geschildert worden wie von Magnus Mills.
Bereits mit seinem Debüt "Die Herren der Zäune" legte Mills, der bis dahin als Busfahrer tätig war, ein komisches Stück britischer Literatur vor. In seinem neuen Roman lässt er einen namenlosen Ich-Erzähler, der eigentlich mit dem Motorrad nach Indien fahren will, einen Zwischenstopp auf einem Campingplatz im Nordosten Englands einlegen. Da der See glitzert, die Sonne strahlt und die Berge grüßen, bleibt er. Ein Platzregen vertreibt die Touristen aus der bis dahin wohl temperierten Sommerfrische. In der nun kühlen Herbstlandschaft findet sich der Erzähler allein wieder. Bis Mr. Parker, der Platzwart, erscheint, und ihm anbietet, gegen ein paar Auftragsarbeiten künftig kostenlos im Regen zu zelten. Dieser Mr. Parker ist ein Tausendsassa, der praktisch alles kann: "Ich habe Ahnung vom Landtrockenlegen, Bäumepflanzen, Zäunebauen und Holzfällen. Ich kann die Hydraulik in den meisten Traktoren austauschen und mache alles an meinen Fahrzeugen selbst. Früher habe ich auch noch gepflügt, gemolken, die Schafe geimpft und gewaschen. Ich habe Faulgruben gebaut. Ich kenne die inneren Mechanismen der Watforder Jauchepumpe." Der Erzähler richtet sich im Tätigkeitswahn des Platzwarts häuslich ein. Er wird nun nicht nur dazu angehalten, den Zaun zu streichen, den Bootssteg zu reparieren, eine Ankerkette zu bauen und das Schuppendach zu vernieten, sondern von Mr. Parker zusammen mit der Kreissäge an den Rest des Dorfes für Schreinerarbeiten vermietet.
Spätestens hier ist klar, dass Magnus Mills die Arbeit schätzt und seinen Erzähler dementsprechend fest mit den Füßen auf dem Boden stehen lässt. Aber wie hält es der Autor mit dem poetischen Mehrwert seiner Geschichte? Zu sehen ist nichts, zu hören auch nichts, man rüttele und schüttele ein bisschen . Das Geräusch der Kreissäge ist alles, was aus dem Buch herauskommt. Schaut man wieder in das Buch hinein, wird dort gerade der Erzähler zu einem nützlichen Glied der Dorfgemeinde, der Himmel über ihm, die Natur neben ihm und die Sätze zwischen ihnen aber nicht lyrischer.
Dann fallen die Blätter, das Wetter wird stürmisch und die Weihnachtsbäume wachsen. Wird s jetzt poetisch? Nein, denn Vögel singen keine mehr, da die Bäume gespritzt wurden. Und wie sieht s mit Indien aus? Indien wartet geduldig weiter, und am Abend geht der Erzähler in den Pub, um seine Pints Topham s Excelsior Bitter zu trinken. Dort lernt er die einzige junge Frau im Landkreis des Romans kennen. Schwärmerisch verdreht sie ihre Augen, als er ihr von seiner geplanten Reise in den Orient erzählt. Doch dann haut sie einfach ab. Aus Indien kehrt Marco zurück, der mit Abstand der "faulste Mensch" ist, den der Erzähler je getroffen hat. Er verführt Mr. Parkers minderjährige Tochter auf dem Heuboden, anstatt ihr bei den Hausaufgaben zu helfen. Da selbst vom Heuboden keine Poesie zu vernehmen ist, rüttele und schüttele man den Roman ein letztes Mal . Jetzt fängt es an zu scheppern. Es ist allerdings nur der Milchwagen, mit dem der Erzähler den See umrundet. Da er neuerdings früh am Morgen die Milch ausfahren muss, fehlt ihm für den Heuboden spät am Abend ohnehin die Zeit. Schluss mit der Poesie! Aber wie hält es Magnus Mills denn nun mit dem Humor?
Seinem Roman zufolge ist es komisch, wenn ein Engländer im Sommer zur Erholung an einen See reist, um zu rudern und sich Weihnachten dort beim Streichen der Boote wiederfindet. Wirklich? In England wurde der Roman ein Bestseller. Es ist wahrscheinlich nicht zu viel versprochen, dass man zumindest auf den letzten Seiten des Romans auch hier zu Lande über seine Art des Humors wird lachen können. Magnus Mills:
Indien kann warten. Roman. Aus dem Englischen von Katharina Böhmer. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2002. 229 S., 18,90 Euro.