Die indische Regisseurin Mira Nair gewann für "Monsoon Wedding" den Goldenen Löwen des Filmfestivals Venedig 2001. In ihrem Film (Rezension siehe Feuilleton vom 17.04.02) erzählt sie von einer Punjabi-Familie, deren Mitglieder in alle Welt verstreut sind und sich zu einer Hochzeit in Neu Delhi treffen.
Sie gelten seit Ihrem Debüt "Salaam Bombay!" als realistische Filmemacherin, haben sich aber bei "Monsoon Wedding" stark von Bollywood inspirieren lassen. Warum?
Eines Tages werde ich vielleicht einen richtigen Bollywood-Film drehen, aber noch können die Bollywood-Regisseure das viel besser als ich. Bollywood ist heute ein wesentlicher Teil unserer indischen Kultur. Im modernen Indien gilt Bollywood als trendy und hip, sogar bei den jungen Leuten. Als ich jung war, haben wir diese indischen Kino-Seifenopern als "high kitsch" abgetan - das damalige Bollywood-Kino erschien uns als eine Art "Dr. Schiwago" auf Indisch. Heute sind diese Filme viel raffinierter und anspruchsvoller gemacht; heute gehören die Tänze und Songs aus dem Bollywood-Kino in den besseren Familienkreisen zum Kulturgut. Für mich ist "Monsoon Wedding" eine ironische Hommage an Bollywood.
Spielt denn die Familie im modernen Indien noch so eine große Rolle wie im Film?
Die Familie ist der Anker des indischen Lebens. Wir werden von Anfang an zur Selbstlosigkeit erzogen: Zuerst kommt die Familie, erst dann man selbst. Das Individuum wird unter dem Gewicht der Familie erdrückt, aber es profitiert auch von deren Liebesangebot. Die Familie mag sich ändern, aber die Bedeutung des Familienlebens wird bei uns nie zerstört werden. Deshalb haben sich auch die arrangierten Hochzeiten bis heute gehalten. Man spricht jetzt von semi-arrangierten Hochzeiten: man stellt Braut und Bräutigam einander vor, sie haben dann ein paar Monate Zeit, sich zu testen. Ich glaube, dass die arrangierte Hochzeit im Hinblick auf Scheidungen gar nicht so schlecht wegkommt, weil die Familie immer als Puffer fungiert.
In "Monsoon Wedding" wird ein Kinderschänder geächtet. Wie sind Sie auf das Thema Pädophilie gekommen?
Ich habe beim Casting mit dreihundert Schauspielern gesprochen, jeder zweite kannte so eine Situation. Es gehört zu den dunklen Stellen in unserem Leben, über die man nicht spricht. In Indien haben wir keine Talkshows wie in Amerika, wo alles verhandelt wird - bei uns ist die Etikette sehr wichtig, solche Dinge bleiben streng unter Verschluss. Ich wollte eine Familie zeigen, die in ihren Grundfesten erschüttert wird.
Warum haben Sie sich ausgerechnet die Hochzeit ausgesucht?
Weil die Hochzeit, vor allem die einer Tochter, vom Tag der Geburt an von der Familie geplant wird. Die Hochzeit ist der Moment, da man der Welt und der Gemeinschaft zeigen will, wer man ist. Sie ist das wichtigste Ereignis im Leben; alle kommen aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Es ist der beste Zeitpunkt, um die condition humaine in all ihren Facetten zu erforschen. Es war auch eine Erzähl-Entscheidung, die uns erlaubte, sehr unterschiedliche Themen auf mehreren Ebenen zu verhandeln.
Was war Ihre wichtigste Aufgabe beim Dreh?
Wir hatten acht Szenen pro Tag zu bewältigen, ein Mammutprogramm. Im Schnitt waren 21 Personen auf dem Set, viele Anfänger, die noch nie vor einer Kamera standen. Ein Chaos! Meine Aufgabe bestand oft darin, eine Atmosphäre herzustellen, in der Fehler erlaubt sind, in der man sich lächerlich machen kann.
Haben Sie als Frau Probleme im Filmgeschäft?
Ich weigere mich, mein Geschlecht als Problem zu sehen. Ich bin heute privilegiert genug, um Leute zu finden, die meine Arbeit unterstützen wollen. Ich bin erfolgreich, habe nie Geld verloren. Ich bin unabhängig von Natur aus. Ich möchte von niemandem vereinnahmt werden, übrigens auch nicht von Hollywood. Ich werde deshalb erst wieder in Hollywood arbeiten, wenn ich dort harmonische Arbeitsbedingungen vorfinde. Das Leben ist kurz; es gibt viele Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden.
Das Gespräch führte Marli Feldvoss.
PROKINO // Erfolgreich und schlau: Mira Nair