Als das Tuch abgenommen wird, sagt der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber, nun stehe im Foyer der Staatsbibliothek am Kulturforum "ein beklemmendes Bekenntnis zum Widerstand". Es solle jeden erinnern, der vorbeigehe an der Skulptur - und in einer Bibliothek sind das tagtäglich viele.
Das Erinnern ist in rosafarbenen Marmor geschlagen. Die Skulptur ist nur 118 mal 62 Zentimeter hoch und 46 Zentimeter tief. Der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka beließ den Block auf der linken Seite roh. Umso detaillierter bearbeitete er den Kopf, der den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) darstellt. Am Mittwochabend wurde die Arbeit der Berliner Staatsbibliothek von Wolfgang Huber als Dauerleihgabe der Evangelischen Landeskirche übergeben.
Die Übergabe des Bonhoeffer-Steins an die Staatsbibliothek ist eine künstlerische Begleitung dessen, was das Haus bereits vor sechs Jahren erhielt: Damals konnte der Nachlass des Theologen erworben werden - all die Dokumente dieses ungewöhnlichen Lebens. So die zahlreichen, in viele Sprachen übersetzten Schriften, die sich einer "weltlichen" Interpretation biblischer Begriffe widmen und die Forderung an den Menschen richten, zu seiner Diesseitigkeit zu stehen. Nur wenige Schritte entfernt von der Skulptur ist ein Teil dieser Dokumente in einigen Vitrinen ausgebreitet.
Hrdlicka hat, als er 1977 mit der kirchlichen Auftragsarbeit am Stein begann, Bonhoeffers Schriften gelesen und ein paar Fotos zu Hilfe genommen - er meißelte dem Theologen eine hohe gewölbte Stirn und einen kräftigen Unterkiefer. Bonhoeffer, so beschrieb es dessen enger Freund Eberhard Bethge, soll einen ausgeprägten runden Kopf, eine kleine, fein geformte Nase und einen sensitiven Mund gehabt haben und einen schwergliedrigen Körper von federnder Kraft. Von all diesen Merkmalen etwas formte Hrdlicka aus dem Stein - als zeichenhaftes Erinnerungsstück, das weit hinausgeht über die fotografischen Vorlagen: Hrdlicka hat Bonhoeffer einen Strick um den Hals gelegt, als Zeichen des Martyriums. Noch in den letzten Kriegswochen wurde der evangelische Pfarrer, der es ausgeschlagen hatte, nach Amerika zu emigrieren (was ihn gerettet hätte), Opfer der Nazijustiz. Am 9. April 1945 starb er mit 39 Jahren in Flossenbürg. Er hatte zum mündigen Christsein ermutigt und gelehrt, "dass Christen aus Gründen des Gewissens zum Widerstand gegen die Schändung elementarer Menschenrechte genötigt sind".
Schon 1933 hatte er öffentlich die nationalsozialistische Hetze gegen die Juden verurteilt und deutlich gemacht, wie sich die Kirche seiner Auffassung nach verhalten sollte - so nämlich, dass sie nicht die Opfer versorgte, die unter die Räder staatlichen Rechtsbruchs gerieten, sondern "dem Rad selbst in die Speichen" griffe. Gemeint war aktiver Widerstand. Bonhoeffer wurde verhaftet als ein Mann, der aus der Bergpredigt eine politische christliche Verantwortung schlussfolgerte - als ein Hauptvertreter der Bekennenden Kirche, die das Christentum für unvereinbar erklärte mit der NS-Rassenideologie.
Wie man es von Hrdlickas Porträtskulpturen - anders als von seinen provozierenden freien Plastiken und den Radierzyklen - kennt, geriet auch die Bonhoeffer-Büste eher geschlossen, ohne expressiv auffahrende Details. Der Strick um den Hals ist der einzige Hinweis auf auf den gewaltsamen Tod. Das Hinrichtungswerkzeug ist für den Bildhauer aber auch ein plastisches Stilmittel, denn das Detail, das die Gewalt symbolisiert, bildet in dieser Arbeit zugleich auch die Grenze zwischen bearbeitetem und rohem Stein. An diesem Übergang vom deutlich ausgearbeiteten Gesicht und Körper zum Fragmentarischen wird schmerzhaft deutlich, dass dieses Leben brutal vor der Zeit abgebrochen wurde.
Als etwas Unvollendetes hat auch Bonhoeffer selbst sein Leben wahrgenommen. Im Februar 1944 schrieb er aus dem Tegeler Gefängnis: "Es kommt nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war. Es gibt Fragmente, die bedeutsam sind auf Jahrhunderte hinaus, weil ihre Vollendung nur eine göttliche Sache sein kann, also Fragmente, die Fragmente sein müssen ."
Hinter der Skulptur im Foyer der Staatsbibliothek ist eine große Ausstellung mit dem Grafik-Zyklus "Wie ein Totentanz" aufgebaut. Die 53 tief geätzten, eindringlichen Blätter hat Hrdlicka Anfang der Siebziger den Männern des 20. Juli 1944, den Verschwörern gegen Hitler, gewidmet. Der Künstler, der sich wie kaum ein zweiter seines Metiers mit dem Faschismus auseinander setzte, hat darin Entwicklungen und Verstrickungen von Menschen im Dritten Reich in hellen Partien aus dem tief schwarzen Grund der Kupferplatten herausgearbeitet: Marionetten, bereit zum Marschieren, zum Hitlergruß, zum Strammstehen, zum Töten. Daneben Züge von Frauen und Kindern an ei- nem Abhang, Lebensborn, Volksgerichtshof, Hitlerjungen. Auf dem letzten Blatt ein SS-Offizier namens Walter Rauff, nach 1945 gesucht als Kriegsverbrecher. In Chile 1974 agierte er als "Spezialist in Zivil" für Pinochet.
Ein Stein und 53 Grafiken // Der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka setzte dem Berliner Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) mit einer Marmorbüste ein Denkmal. Das Werk wurde als Dauerleihgabe der Evangelischen Landeskirche im Foyer der Staatsbibliothek, Haus Potsdamer Straße, aufgestellt.
Am Ort ist auch Hrdlickas 53-teiliger Grafikzyklus "Wie ein Totentanz" - zusammen mit Dokumenten aus dem Bonhoeffer-Nachlass - zu sehen. Die Ausstellung wird bis zum 2. März gezeigt, geöffnet ist jeweils Mo-Fr von 9 bis 21 Uhr sowie Sa von 9 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.
BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Alfred Hrdlickas Bonhoeffer-Skulptur wurde im Foyer der Berliner Staatsbibliothek am Kulturforum aufgestellt.