Wer sich literarischen Ruhm ab einer gewissen Fülle verdient hat, dem ist es vergönnt, sich der Gattung des Tagebuchs auch öffentlich zu bedienen. Entsprechend souverän präsentiert sich Durs Grünbein in seiner Chronik der laufenden Ereignisse des Millenniumjahres. Persönliches steht neben Allgemeinem, breiten Raum nehmen Reflexionen über Sprache und Dichtung, Anekdoten von Kollegen und Geschichten aus der Kindheit ein. Seinem emphatischen Bekenntnis zur Lyrik zum Trotz, erweist sich Grünbein dabei als solider Erzähler. In der Imagination eines Unfalls, der Erinnerung einer Sportstunde, der Beschreibung der Geburt seiner Tochter zeigt sich nicht nur der präzise Blick des Dichters, sondern auch dessen Fähigkeit zum Spannungsaufbau und zur gezielten Pointe, ohne in das "wuchernde Prosa-Unkraut, die redundante Vegetation der so genannten Gegenwartsliteratur" zu verfallen. Grünbein lässt kein gutes Haar an den Fähigkeiten seiner Kollegen vom Prosafach, die "den weiblichen Körper wie Metzger oder Frauenmörder" beschreiben, um zweihundert Seiten später den Unterricht in der richtigen Anschauung zu liefern: "Sie hat Veilchenbrüste, ganz wie Sappho sie liebte, die Hüften der aphrodisischen Frau und den Oberkörper des artemischen Knaben. " Grünbein beklagt den Verlust antiker Mythen im Talkshowzeitalter und das fehlende "Gespür für die alten Dramen, die antike Figurenkonstellation unter dem aktuellen Tagesgeschehen". Im Geburtsschmerz der Geliebten vermag er hingegen noch eine "Aufführung der Orestie" mit allen dazugehörigen Ingredienzen zu sehen, im Halloween die römischen Saturnalien wiederzuerkennen, und der Trip durch New York gleicht ihm einer Hadesfahrt. Wann immer möglich, begeben sich diese Gegenwartsaufzeichnungen auf die Flucht vor der Aktualität.
Mit Gottfried Benn, dem "Herrn, für gewisse lyrische Stunden", teilt Grünbein das Interesse am Körper und seiner Physiologie und die Liebe zum Fremd- und Fachwort: "Phänotyp", "Thalamus", "protozoisch". Ganz in der Tradition des frühen Benn befragt Grünbein die Evolution von der wackeligen Krone der Schöpfung aus: "Was ist der Mensch? Eine Sickergrube auf zwei Beinen, der wandelnde Abtritt, ein transzendenter Abort, die Kloake von Verwesung und Bedeutung?" In der Zeit pränataler Diagnostik und Genomforschung hebt der nachmetaphysische Katzenjammer noch einmal an. Nach dem Verlust der geschichtlichen Utopien kommen nun die aus dem Geiste E. T. A. Hoffmanns und Shelleys zu Schanden. Grünbeins "Gedanken zur laufenden genetischen Revolution" lesen sich wie Paraphrasen der Feuilletondebatte.
Spannender, weil "auf der Wanderschaft durch die Auen der Anschauung" gewonnen, sind die Beobachtungen über den Geruch von Turnhallen, die Bewegungen eines Säuglings oder die Lamellen von Fliegenpilzen. Der "poeta empiricus" (Grünbein über Grünbein) gewährt Einblick in seine Giftküche. Dort haben gescheite Bemerkungen über Reim und Metrum ebenso Platz wie kleine Poetiken oder ein paar Gelegenheitsgedichte. Der "Schwerstarbeiter im Namen der Transzendenz" liefert in seinem Journal auch Klatsch und Tratsch, wie die Beschreibung von Ingo Schulze, der sich in Vorbereitung seiner Taxischeinprüfung verzweifelt in Stadtplänen von Berlin versenkt. Die pflichtbewussten Reflexionen über Sinn und Wert eines öffentlichen Tagebuchs immunisieren nicht gegen Geschwätzigkeit und Banalitäten vom Schlage "Berlin war und ist die Stadt im permanenten Ausnahmezustand".
Im Gegensatz zu diesen Allgemeinplätzen stehen die intimen Erinnerungen und genauen Beobachtungen. Nicht das Gedicht über Hitlers letzte Tage im Führerbunker ("Der Vegetarier, der Anti-Alkoholiker, der doch niemals nüchtern war"), sondern der private Ton der fünfzehn Gedichte über die Tochter ("Du bist die Mitte, um dich geht s: die zweieinhalbtausend Gramm") berühren und bleiben haften. Nebenbei wird noch das "Heilige Sozialistische Reich Deutscher Nation" intellektuell abgewickelt und die BSE-Krise kommentiert. Und unterm 11. September - 2000 wohlgemerkt - findet sich, wie es der Zufall will, im Rahmen eines deutsch-arabischen Autorentreffens im Jemen, eine Bemerkung über des Dichters "Furcht vor dem Islam".
Durs Grünbein: Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001. 328 S. , 39,80 Mark.