Die Pausen. Keine Frage, die der seit 19 Jahren einsitzende ExRAF-Terrorist Christian Klar nicht erst einmal mit einem Schweigen quittiert. So entsteht eine der aufregendsten Sendungen der letzten Jahre. Etwas, das nur im Fernsehen möglich ist. Kein Text vermag die wachsende Nervosität des Interviewers und der Zuschauer so sichtbar zu machen wie das Fernsehen. Klars Pausen lenken den Blick auf den Vorhang hinter ihm, auf den Stuhl, auf dem er sitzt, dessen Farbton genau abgestimmt ist auf das Grün des Heizkörpers.
Wer hätte sich Christian Klars Gesicht so genau ansehen können, hätte er nicht in die Kamera geschwiegen? Wenn die Kamera seine rechte Wange in der Großaufnahme zeigt, sieht man die drei großen Falten, die sie durchfurchen, und man sieht, wie sich dort bei dem 1952 in Freiburg geborenen Mann schon jenes feine Craquelé bildet, das man als Kind an der geliebten Urgroßmutter so bewunderte.
Christian Klar sagt noch immer nichts, und so schweift man ab, und statt über Günter Gaus Fragen nachzudenken fällt einem auf, dass das Alter den Menschen ihr Geschlecht nimmt, dass Klar kein Mann mehr ist, sondern ein diffuses Zwischenwesen.
Jetzt spricht er. Langsam, sehr langsam. Es scheint ihn Kraft zu kosten. Irgendetwas strengt ihn an. Dann wieder eine Pause. Günter Gaus möchte die nächste Frage stellen, da spricht Klar weiter. Gaus verstummt sofort. Jede Äußerung seines Interviewpartners ist ihm wichtig. Gaus scheint sich danach zu sehnen, dass Klar anfängt frei zu sprechen, dass er in Fahrt kommt und assoziiert und für einen Augenblick wenigstens so etwas wie ein Gespräch zu Stande kommt. Aber das ist eine Illusion. Günter Gaus musste dieses Interview in einem Gefängnis führen, und Christian Klar ist keiner, der auch nur eine Sekunde lang vergisst, dass er ein Gefangener ist. Zumal er nicht nur in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal einsitzt, sondern auch - mehr als die meisten von uns - in sich.
Wozu die Pausen? Christian Klar sieht nicht so aus - in den Händen von Günter Gaus ist das Fernsehen ein großartiges Medium - als würde er über eine Antwort nachdenken, als wäge er sorgsam einen möglichen Satz gegen einen anderen ebenso möglichen ab. Er sucht wohl auch nicht nach Worten. Er sucht nach sich. Oder doch jedenfalls nach dem, der antworten wird. Jedes Mal bevor er endlich spricht, bewegt Christian Klar stumm seine Lippen, als übte er erst einmal vor jeder spezifischen Aussage das Sprechen selbst.
Spricht er endlich, so spricht kein Ich, sondern ein niemals definiertes Subjekt. Fragt Günter Gaus "Sie sind seit 19 Jahren inhaftiert. Bedeutet dies, dass sie überwiegend ein Leben im Kopf, in der Vergangenheit führen?", so antwortet Klar: "Es ist ein Bild gezeichnet worden, dass die Gefangenen mit dem Tag ihrer Verhaftung stehen bleiben ."
Je direkter nach ihm und seinen Gefühlen gefragt wird, desto länger werden Christian Klars Pausen. Desto intensiver betrachtet man seine schmale, ausgetrocknete Oberlippe, desto deutlicher wird aber auch dem Zuschauer, dass Klar nicht nach Wörtern und nicht nach sich sucht, sondern danach, wie er sich verstecken kann. Seine Sätze sind Unterstände, in denen er Schutz sucht vor der Realität, der Äußeren und der Inneren. Als Günter Gaus ihn fragt, ob er nicht Schuldgefühle und Reue empfinde, da schweigt Christian Klar und dann endlich, nachdem erst wieder seine Lippen stumm gestammelt haben, erklärt er, Schuldgefühle und Reue seien im politischen Raum, vor dem Hintergrund ihres Kampfes keine Begriffe. Wieder Schweigen. "Und wegen der Opfer?", fragt Günter Gaus. Wieder eine Pause. Noch länger, atemraubend lange. Dann spricht wieder diese Stimme und diesmal sagt sie "Ich": "Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere sie, aber ich mache sie mir nicht zu Eigen. Das sitzt zu tief drin, dass hier, gerade in den reichen Ländern, zu viele Leben nicht zählen. Das müsste sich sehr ändern, damit ein solches Gefühl aufkommt."
Da hockt es, das Ich und wartet auf Zeiten, in denen es heraus kann aus seinem Panzer, in dem es sich nicht mehr fürchten muss vor der Welt. Wir haben es beobachten können. Günter Gaus hat es sichtbar gemacht. Es ist ein Ich, das - ins Gefängnis gesteckt - sich in seine Welt verkrochen hat. Es hat sich eingemauert in Überzeugungen, die kaum mehr als Wörter sind, in abstrakte Begriffe wie "Befreiung" und "Subjektivität", die es beschützen und die es beschützt und bewahrt. Christian Klar ist der Bernstein, der diese Wörter aus den 70er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ins 21. hinübergerettet hat und sie sind der Bernstein, der ihn konserviert hat und seine Haare, die noch immer voll und dunkelbraun, ohne eine Spur von Grau zu sein scheinen. Ob er noch im Stande sei, Pläne zu machen, fragt ihn Günter Gaus. Wieder die Pause. Dann zwei Sätze: "Nein, nicht wirklich." - Pause - "Die Hoffnung zu Beziehungen fähig zu sein, ja."
Zur Person, ORB. Günter Gaus im Gespräch mit dem verurteilten RAF-Mitglied Christian Klar. Wiederholung am 23.12. um 23.40 Uhr auf Sat 1.
Seine Sätze sind Unterstände, in denen er Schutz vor der Realität sucht.
ORB Christian Klar, einst führender Kopf der "Rote Armee Fraktion" (RAF), ist wegen mehrfachen Mordes verurteilt.