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"Ich wollte doch bloß..."

Aus der Zeit gefallen: Der ewige Rüpel Horst Schimanski wird alt

Helge Hopp

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Der Mann da, der sich fein gemacht hat und gehetzt die Treppen zum Standesamt hochläuft, der Mann, der neben dieser hübschen eleganten Französin steht und kurz davor ist, auf die Frage der Beamtin mit "Ja" zu antworten, das soll Schimanski sein? Unser Ruhrpott-Kumpel Horst, der Rächer derer, die nie ein Erbe zu erwarten hatten, das gute Raubein aus Duisburg, jetzt als braver Ehemann - da könnten sie ihn ja gleich beerdigen! Darüber wundert sich der Zuschauer (sofern er in den 80ern schon vor dem Fernseher saß und "Tatort" guckte) fast noch mehr als über die ungeheuerliche Leidensfähigkeit der Dauerfreundin Marie-Claire, die einen heiraten will, den jede andere Frau schon längst wegen notorischen Drauf- und Fremdgängertums in Tateinheit mit allgemeiner Unzuverlässigkeit abserviert hätte.

Doch Schimanski ist als Weltgeraderücker wie auch als Charmeur für jedes Comeback gut. Die Ringe werden schon zur Hand genommen, man befürchtet die allerschlimmste Verbürgerlichung. Aber nein, sagt der Film von Edward Berger nach einem Buch Hansjörg Thurns, ist ja alles nur Spaß. Denn vor der Ehe fürs Pensionistenleben klingelt natürlich ein Handy, der Trauzeuge verlässt den Saal, der Bräutigam hinterher. Es geht um einen Leichenfund, hast-du-nicht-gesehn ist der Mann über alle Berge, und der Braut bleibt nur noch, ungläubig "Bitte heute nicht" zu flüstern.

Aber entgegen ihren dringlichen Wünschen geht er nicht dorthin, wo der Pfeffer wächst, sondern rast - immer mit einem kleinen weißen Fetzen an der Autoantenne - wie früher durch die Gegend. Das Opfer, in einem schrammeligen Wohnwagen auf einem noch schrammeligeren Campingplatz gefunden, ist ein kleines Mädchen. Den Ausschlag für Schimanskis wilden Jagdeifer gibt, dass es sich bei der Toten um die Stieftochter eines Ex-Kollegen handelt. Also los, mit Volldampf, aber dafür ohne Plan. Schimanski erklärt sich zum Beschützer der vorläufig einzigen Zeugin, einer jungen Prostituierten, kommt drauf, dass es um Pädophilie geht, schlägt sich mit Zuhältern und tritt zwar keine Türen mehr ein, dafür aber Fenster und Computer kaputt.

Die offenkundigen Zusammenhänge werden von diesem Anti-Ermittler ignoriert - Schimanski liest nicht, er bewegt lieber sich selbst als Gedanken im Kopf. Bei Schimanskis wildem Herumstochern im Nebel kommen auch Unschuldige zu Schaden (eine knappe Entschuldigung, schon ist alles wieder gut), aber irgendwann ist die Wahrheit so unübersehbar, dass auch der blindwütigste Racheengel sie nicht mehr umkurven kann. Bis dahin muss der seltsam aus der Zeit gefallene Alt-Bulle Schimanski so häufig wie nie zuvor ein hilflos abgebrochenes "Ja, aber." oder "Ich wollte doch bloß." murmeln, die Augen zweifelnd zusammenkneifen und sich förmlich wachschütteln, so unbegreiflich ist ihm die Welt geworden.

Wenn man die - durchaus strapazierfähige - Figur Schimanski weiter so vergreisen lässt, wäre es doch besser, ihn auf seinem belgischen Hausboot dahindämmern zu lassen. Mit oder ohne Trauschein.

Schimanski: Kinder der Hölle; Sonntag, 20.15 Uhr, ARD