Davon also träumen "Tatort"-Assistenten. Von kleinen Leuten und vom großen Coup, von Romantik, die ins lustlose Dasein funkt und von Polizisten, die nicht aussehen wie Busfahrer sondern wie die große Gefahr. Bernd-Michael Lade, gewöhnlich als Schauspieler im MDR-"Tatort" beheimatet, hat seinen zweiten Spielfilm gedreht. Der erste hieß "Rache" und gelangte nur ins Spätabendfernsehen. Es handelte sich um eine Art Wildwest-Versuch: Ein Film über Jungs, die einander ins Herz schießen und dann blutend in der Gegend liegen - Leander Haußmann spielte ohne Gage mit. Jetzt, im zweiten Versuch von Lade, gibt es auch Frauen. Meret Becker und Isabella Parkinson sind dabei, es erwarten uns Gefühlsangelegenheiten. Lade selbst spielt einen Fotografen, der ein Kriegstrauma mit sich herumschleppt und dem aus diesem Grund immer wieder der Schweiß ausbricht. Dann gibt es noch den labilen Spieler Frank (Mario Irrek) und den traurigen Handlungsreisenden Martin (Dieter Landuris).
Zum Anfang: Das Personal des Films wartet auf einem U-Bahnsteig. Keiner kennt keinen, so scheint es. Eine Videokamera guckt zu. Eben ist in der Nähe ein Geldtransporter ausgeraubt worden, und könnte es nicht sein, dass hier die fünf Täter stehen und unschuldig tun? Weil das der Fall sein kann, werden die Verdächtigen kassiert und erkennungsdienstlich behandelt. Dies ist der "hard-boiled"-Teil der Angelegenheit - finstere Ermittlergesichter im Halbschatten, brutale Sprüche, Handgreiflichkeiten und so weiter. Zwischendurch zoomt der Film immer mal wieder in den Alltag der Verdächtigen. Was hier zu sehen ist, weckt keine Neidgefühle. "Zieh die Schuhe aus", kreischt die Ehefrau, wenn der Handlungsreisende Martin abends nach Hause kommt. Er ist ein Totalversager, fordert als stumm Leidender aber Einfühlung heraus. Dieter Landuris spielt den wortlosen Schlappschwanz sogar so viel sagend, dass man ihn des Philosophentums verdächtigen muss. Ein interessanter Fall. Das gilt im Großen und Ganzen auch für die anderen. Kathrin (Meret Becker) muss zwei Mädchen allein großziehen, hat einen miesen Kneipenjob und geht Pullover stehlen, für die Kinder. Weit und breit ist kein Mann in Sicht. Maria (Isabella Parkinson) hat einen Vater in der Psychiatrie und eine tote Mutter und flüchtet beiden irgendwie hinterher. Erwachsenwerden, Sex - das alles ist nichts für sie, weil sie mit den Gedanken in ihrer Kindheit lebt. Frank, der Spielautomaten vergöttert, versteckt sich vor Gläubigern, und Jonas flieht vor seinem Trauma: in die leere Wohnung, zu seiner Katze.
Nun kann also der Krimi beginnen, aber das tut er nicht - Lades Film sendet vielmehr nur ein paar Genre-Signale aus: Fahndung, Verhör und Bullensirenen sind nicht mehr als ein bedrohliches Continuo. Warum auch nicht. Dieser Film ist ohnehin eher den existenziellen Fragen gewidmet: Fünf Menschen sollen aus ihrer Bahn geworfen und heftig durchgeschüttelt werden. Kann man sein Leben ändern, wenn alles auf dem Spiel steht? Offenbar doch. Kathrin verkloppt auf einmal ihren Chef, Jonas verliebt sich in Kathrin, Martin verlässt seine Frau und düpiert seine Kunden. Und Maria, die sonst einsam in ihrer Großstadtwohnung sitzt, bestellt sich plötzlich Callboys.
In dieser Geschichte stecken mindestens ein halbes Dutzend Geschichten. Sie liegen da wie fette Köder. Was fängt der Film mit ihnen an? Er springt rastlos zwischen ihnen herum, zupft einmal hier und einmal da, ohne ganz in die eine oder andere Geschichte einzutauchen. Er kleidet sich in jene unruhige, manchmal großspurige Ästhetik, die Berlin-Filme in jüngster Zeit so verwechselbar machen. Großstadtpanoramen, die Verlorenheit beschwören, lassen das große Wollen und das große Weh spüren, das den Zuschauer jedoch nicht ganz ungefiltert überfallen soll. Zur verdaulichen Mischung gehören daher etwas Alltagskolorit einerseits (etwa Martins Vorortkleinfamilienhölle) und die einschlägigen Genreversuche andererseits (Safes, Zahlencodes, Explosionen). Es scheint, dass habe sich dieser Film nach allen Seiten hin absichern wollen: Nicht zu triefig, nicht zu deutsch, nicht zu sozialrealistisch, aber auch nicht zu exzentrisch wollte er sein. Nun ist er bloß noch ganz nett.
Null Uhr Zwölf Deutschland 2001. Regie: Bernd-Michael Lade, Drehbuch: Stefan Kolditz, Darsteller: Meret Becker, Isabella Parkinson, Bernd-Michael Lade, Dieter Landuris, Mario Irrek u. a. ; 92 Minuten, Farbe.
CONCORDE FILMVERLEIH Keiner kennt keinen, so scheint es: eine Videokamera guckt zu, wenn fünf Berliner ihr Leben ändern.