Sie haben mit "Der König von Amerika" einen Roman über Walt Disney geschrieben. Sind Sie ein Disney-Fan?
Ich bin in Amerika geboren, aber in Europa aufgewachsen. Wenn ich als Sechsjähriger mit meinen Eltern in New York in ein Hotel kam, saß ich wie ein Besessener vor dem Fernsehkasten. Zu Hause hatten wir keinen Fernseher, so konnte ich diese kurzen Zeichentrickfilme nur in New Yorker Hotelzimmern sehen. Ich war fasziniert und süchtig nach ihnen.
Warum haben Sie sich für eine fiktive und nicht biografische Erzählform entschieden?
In einer freien Romanform kann man mehr über Disney erfühlen, erfahren als bei so genannten sachbezogenen Biografien. Mir schien es spannender, die Wirklichkeit mit Erfindungen zu mischen, um diese reelle Figur, die das 20. Jahrhundert stark mitgeprägt hat, lebendig werden zu lassen.
Was war das Neue an Disneys Arbeit?
Er war der Erste, der Zeichentrickfiguren Persönlichkeit verlieh. Der Erste, der in Filmen mit Farbe arbeitete und sie erfolgreich vertonte. Disney war darüber hinaus der Erste, der mit Schneewittchen 1937 einen abendfüllenden Trickfilm produzierte. Nicht zu vergessen ist Disneyland, der erste Spielpark, den er 1955 in die Welt setzte.
Sie haben Disneys Unterschrift als "das Allerbezeichnendste seiner zweifelhaften Persönlichkeit" bezeichnet. Warum?
Seine bekannte, geschwungene Unterschrift war für mich eine Schlüsselerkenntnis über ihn als Mann und Macher. Auf jedem Produkt von Disney ist sie zu sehen. Einer seiner Zeichner kreierte sie, und Disney versuchte mühsam, sie nachzumachen. Da hat man, wie man auf Englisch sagt, den ganzen Disney in einer Nussschale, "everything in a nutshell". Er schuf im Grunde nichts selbst, hat aber alles in die Wege geleitet und als seine Kreation ausgegeben.
Nach 1926 hat er auch keine einzige Zeichnung mehr für irgendeinen seiner Trickfilme angefertigt. Würden Sie ihn trotzdem als Künstler bezeichnen?
Im klassischen Sinn war er kein Künstler, aber er war ein "Künstler" insofern, als er zahllose talentierte Menschen dazu brachte, künstlerische Höchstleistungen zu vollbringen. Ohne seine Ideen, seine Visionen hätten all jene Filme, die seinen Namen tragen, nie entstehen können. Er hat eine Industrie aus dem Boden gestampft und vierzig Jahre lang Meisterwerke kreieren lassen, die auch in Zukunft eine Bedeutung haben werden. Er behielt von der Konzeption bis ins letzte Detail des Films die Kontrolle. Zum Beispiel basiert die Figur von Jiminy Cricket aus "Pinocchio" auf seinem Lieblingsonkel Ed. Disney hatte Ward Kimball, einem der wichtigsten Zeichner, von dem etwas verrückten Verwandten erzählt. Dieser Onkel, der später in eine Nervenheilanstalt kam, trug Landstreicherkleidung und hatte immer einen Regenschirm bei sich, selbst wenn die Sonne schien. Kimball packte all das in die wunderbare Grashüpferfigur hinein.
Aber Disney ließ andere im Glauben, er sei der Schöpfer seiner Trickfilme.
Ja. Dem sowjetischen Filmmagier Sergej Eisenstein muss er zum Beispiel vorgegaukelt haben, er sei der Erfinder seiner Figuren. Eisenstein, der ihn 1940 in Hollywood besuchte, schrieb in einem Essay zu Disneys Werk: "Darum geht es: um die gewaltige, allumfassende, internationale und altersunabhängige Popularität des kleinen, von dem großen Künstler und Meister Walt Disney gezeichneten Helden Mickey Mouse. " Offensichtlich hatte Disney verschwiegen, dass Mickey Mouse von dem genialen Zeichner Ub Iwerks gezeichnet, womöglich sogar erfunden worden war. Thomas Mann schreibt in seinem Tagebuch über Disney, und man hat das Gefühl, auch er sei an der Nase herumgeführt worden.
Wie spricht Ward Kimball heute über seinen früheren Chef?
Bis heute liebt er ihn. Er sagt: "Die Werke von Disney werden eine Bedeutung wie die Gutenbergsche Bibel haben. " Es ist schwer zu begreifen, wie Disney tausend Mitarbeiter fand, die glückliche Diener waren. Nicht einmal zehn wurden dafür berühmt, sich aufgelehnt zu haben.
Warum haben Sie in Ihrem Roman einen gescheiterten Zeichner als Gegenfigur zu Disney eingeführt?
Ich brauchte einen Gegner, der Disney alles vorhalten konnte, was ich ihm vorzuwerfen hatte - und ihn gleichzeitig tief in seinem Herzen verehrt. Wilhelm Dantine, der angeblich am Dornröschenfilm mitarbeitete, ist eine erfundene Figur. In Wirklichkeit gab es einen faszinierenden Feind, Art Babbit, der zum auslösenden Faktor der Studiostreiks wurde. Dieser Chefzeichner ist die große Gegenfigur von Disney. Als Einziger war er bereit, öffentlich immer wieder gegen ihn zu sprechen. Diese Interviews kennt nur kaum jemand.
Wie lässt sich überhaupt erklären, dass überragende Künstler bereit waren, mehr oder weniger in Anonymität für Disney zu arbeiten?
Disney nahm alles, was man für ihn tat, für sich in Anspruch. Im Arbeitsvertrag stand, "wenn Sie für uns arbeiten wollen, müssen Sie wissen, dass Ihr Name verschwiegen oder im Hintergrund stehen wird". Die Studios hatten sich jahrelang dem Einfluss der Gewerkschaften widersetzt. Doch im März 1941 kam es zu einem neun Wochen andauernden Streik, in dessen Folge einige der besten Zeichner die Studios verließen.
Was wurde aus Mitarbeitern, die versuchten, eigene Wege zu gehen?
Wenig bis nichts. Das war ja für Disney immer der große Triumph. Diejenigen, die weggingen und beabsichtigten, etwas anderes zu schaffen, haben es nicht weit gebracht. Mit wenigen Ausnahmen. Ub Iwerks, der dafür berühmt war, bis zu siebenhundert Zeichnungen an einem Tag anfertigen zu können, verließ das Studio bereits 1930. Um ein eigenes Unternehmen aufzubauen, hatte er Zeichner von Disney mitgenommen. Doch er scheiterte und kehrte nach zehn Jahren zurück. Norm Ferguson, der grandiose Erfinder von Pluto, den Disney 1953 entlassen hatte, starb nur wenige Jahre später an einem Herzinfarkt. Fred Moore, der unter anderem für die Entwicklung der sieben Zwerge verantwortlich war, fuhr im Alter von vierzig Jahren gegen einen Baum. Disney hatte ihn in späteren Jahren so schändlich behandelt, dass er seinen Kummer mit Alkohol zu ertränken versuchte.
Gab es Frauen im Arbeitsprozess?
Keiner einzigen Frau war es erlaubt, am Schöpfungsprozess teilzunehmen. Die Frauen durften nur Entwürfe und Ideen der Männer nachzeichnen, ausmalen oder mit Tusche auf Zelluloid übertragen. Als es während des Krieges an Männern fehlte, wurden sie als Zwischenphasenzeichner eingesetzt, mussten aber nach Kriegsende an ihren alten Arbeitsplatz zurück.
Was für ein Verhältnis hatte Disney auf privater Ebene zu Frauen?
Sie haben ihn nicht besonders interessiert. Auch seine Ehefrau Lillian scheint ihm wenig bedeutet zu haben. Sie war einfach da. Disney unterhielt über Jahrzehnte ein sehr enges Verhältnis zu einer Krankenschwester namens Hazel George. Es ist mir nicht bekannt, ob sie noch lebt. Vielleicht gibt es noch Überraschungen. In meinem Roman stirbt Hazel George jedenfalls. Disney hatte sie eingestellt, um täglich wegen der Bandscheibenschmerzen, die ihn seit einem Polounfall aus den dreißiger Jahren quälten, massiert zu werden. Neben seiner Adoptivtochter Sharon muss diese Frau ihm von allen Menschen am nächsten gestanden haben. Ob es eine erotische Beziehung zwischen den beiden gab, ist mir unbekannt. Ich halte es für möglich. Unsinnig ist das Gerücht, Disney sei homosexuell gewesen und habe gar ein Verhältnis mit FBI-Chef J. Edgar Hoover gehabt. Das Missverständnis basiert vermutlich auf "Fantasia", dem Film aus dem Jahr 1940, da hüpfen Rhinozerosse in rosa Mädchenröcken über die Leinwand. Für die Homosexuellenbewegung ist das ein Traumfilm, gleichsam ihre Nationalhymne. Homosexuelle, mit denen ich über Disney sprach, beharrten darauf, Disney sei einer der Ihren gewesen. Das halte ich für unwahrscheinlich. Disney war als extremer Einzelgänger an Sexualität einfach nicht besonders interessiert.
Warum arbeiteten in den Studios Männer und Frauen strikt voneinander getrennt?
Es gibt ein berühmtes Ereignis. Als die Arbeit am Schneewittchenfilm beendet war, lud Disney alle Beteiligten zu einem verlängerten Wochenende an einen kalifornischen See ein. Es kam zu einer Orgie. Disney war so schockiert, dass er am nächsten Morgen mit Frau und Töchtern abgereist ist. Von da an galt es als eine Art Stigma für das Unternehmen, dass so etwas passieren konnte. Wahrscheinlich hat das Disney veranlasst, Begegnungen innerhalb der Studios zwischen den Geschlechtern möglichst zu unterbinden. Eine Frau, die man im Gebäude der Männer erwischte, wurde sofort entlassen.
Sie beschreiben Disney als äußerst reaktionär und autoritär und zugleich als einen Mann, der kein Blut sehen kann und leicht zu weinen beginnt.
Er ist einer, der zeitlebens nie wirklich ohne Depressionen leben konnte, trotz der Beachtung und Anerkennung, trotz seiner 32 Oscars. Ich denke, er war alkoholabhängig, jedenfalls trank er schon tagsüber Whisky. Sicher litt er auch unter ständiger Überarbeitung, ein echter Workaholic.
Bedeutete Disneys Flucht in Traumwelten eine Kultivierung des ewigen Kindes in sich?
Ich bin sicher, dass er ein bestimmtes Alter in sich und in seiner Entwicklung nicht überschreiten wollte und nicht überschritten hat. Er soll mit seinem Luftballon in der Hand wie ein achtjähriger Junge ausgesehen haben, nach der Eröffnung von Disneyland. Er hatte dort eine puppenstubenähnliche Wohnung, in der er relativ oft übernachtete. So weit ich weiß, ganz allein. Wie ein Kind besuchte er sein eigenes Disneyland. Das war ihm persönlich das Wichtigste, was er in seinem Leben geschaffen hatte. Jede Woche ist er dort mehrmals gesehen worden. Putzkommandos erkannten ihn häufig und beobachteten, wie er mitten in der Nacht da durchging. Disneyland war sein Spielzeug.
Dem Boxer Mohammed Ali erteilte er für Disneyland unbefristetes Hausverbot.
Cassius Clay hatte sich im Freundeskreis gegen den Vietnamkrieg stark gemacht. Das genügte Disney, der diesen Krieg in jeder Hinsicht unterstützte.
Stimmt es, dass Disney keine Schwarzen einstellte?
Er hat sie als Putzleute, aber nicht als Kreative beschäftigt. Zu recherchieren wäre, ob sie zu Lebzeiten Disneys - also bis 1966 - versucht haben, eine Anstellung zu bekommen und abgelehnt wurden. Das weiß ich nicht.
Wie berechtigt ist der Vorwurf, Disney sei Antisemit gewesen?
In der ersten Fassung von "The Three Little Pigs" erschien der böse Wolf als Karikatur eines jüdischen Vertreters an der Tür. Als der Film ein Jahr später erneut in den Verleih kam, wurde diese Entgleisung behoben. Der schärfste Kritiker Disneys und selbst Jude, Art Babbit, behauptete, er habe so gut wie keine Juden eingestellt. Zu Beginn der Arbeit an meinem Roman dachte ich, Disney sei ein wüster Antisemit, aber das stimmt nicht. Mit vielen jüdischen Mitarbeitern - Ben Sharpsteen, Peter Ellenshaw - kam er bestens aus. Sein größter Widersacher im Trickfilmbusiness, der aus Wien gebürtige Jude Max Fleischer, der unter anderem "Popeye the Sailor" schuf, wurde in späteren Jahren sein Freund.
In Ihrem Roman hat Disney jedoch antisemitische Ressentiments, unter anderem gegen seinen behandelnden Arzt Silverstein.
Ich weiß nicht, ob der Arzt, der Disney einen Lungenflügel entfernte, tatsächlich ein Jude war. Das ist Fiktion. Wenn man einen Roman schreibt, der das Leben eines reellen Menschen zum Inhalt hat, liegt darin natürlich eine Gefahr: Den Leser denken zu lassen, alles sei wahr.
Wie lässt sich Disneys Haltung gegenüber Schwarzen, Linken und Juden erklären?
Er war ein unendlich ungebildeter Mann. Er blieb zeitlebens ein ganz einfacher Landjunge. Ich habe den Ort besucht, wo er seine, wie er selbst sagte, prägendsten Kindheitsjahre verbracht hat: Marceline, in Missouri. Ich war in Entenhausen. Man bekommt dort bis heute keinen einzigen Asiaten, nicht einen Schwarzen, nicht einen Indianer zu sehen. Es herrscht noch heute eine Ahnungslosigkeit und gleichzeitig Angst vor dem Fremden, die Millionen von Amerikanern teilen. Disney ist, was die Bildung, das Begreifen einer anderen Rasse und Religion anbelangt, nicht viel weiter gekommen.
Hat Disney, wie von Ihnen geschildert, vor dem McCarthy-Komitee gegen Charlie Chaplin ausgesagt?
Das ist zwar meine Erfindung, aber nicht undenkbar. Disney hat gegen andere ausgesagt und ihnen somit geschadet. Auch wenn er Chaplin viel zu verdanken und dieser ihn in seiner Arbeit unglaublich geprägt hat. Schon im Alter von 13 Jahren ist Disney mit einem Schulfreund in einem Amateurkabarett als Chaplin-Imitator aufgetreten. Später hat man nicht nur die Schöpfung der Mickey Mouse, sondern auch weitere Zeichentrickfilme dem Einfluss Chaplins zugeschrieben. Es wäre keineswegs verwunderlich, wenn Disney Chaplin als Kommunistensympathisanten denunziert hätte. Zum einen, da sich menschliche Bindungen bei Disney, bis auf wenige Ausnahmen, nie als tief greifend und dauerhaft erwiesen haben, zum anderen aus Disneys patriotischem Verantwortungsgefühl heraus, unamerikanische Umtriebe aufdecken zu wollen. Übrigens muss Disney ein Hochgefühl überkommen haben, als er erfuhr, dass "Mickey Mouse" das wichtigste Codewort unter allen amerikanischen Soldaten war, die 1944 in der Normandie am D-Day teilnahmen.
Warum behaupten Sie in Ihrem Roman, Ronald Reagan sei das Produkt von Disney?
Ich denke, die Freundschaft der beiden hat mit dazu beigetragen, Reagan in eine bestimmte Richtung zu lenken. Reagan war ja zuvor Demokrat des linken Flügels! Sicher hat Reagan von Disney gesagt bekommen, wie er sich zu präsentieren, wie er zu sprechen hat. Aber Disneys Worte, Reagan sei in gewisser Weise sein Produkt, habe ich ihm in den Mund gelegt.
1959 wollte sogar Chruschtschow Disneyland besuchen.
Er war auf Staatsbesuch, und Disney wollte, dass er kommt, insbesondere, weil seine Frau sich für ihn interessierte. Das FBI und das State Department verhinderten seinen Besuch. Sie schoben angebliche Sicherheitsgründe vor. Ich glaube, es standen eher politische Hintergründe dahinter. Das Fantasyland schien ihnen zu positiv besetzt. Der Erste Sekretär der KPdSU sollte keine so gute Public Relations bekommen.
Aber Präsident Eisenhower ließ sich wegen eines Mondflugfilms von Disney sogar beeinflussen, Satelliten in die Erdumlaufbahn zu bringen?
Eisenhower hat den 1955 für Kinder konzipierten Film "Man and the Moon" seinen Generälen gezeigt. Er vermittelte das Gefühl, es sei nicht so schwierig, zum Mond zu kommen. Der seit 1951 für Walt Disney als Berater tätige Raketenkonstrukteur Wernher von Braun und der Physiker und Weltraumexperte Heinz Haber, mit dem ich eng befreundet war und der mir von dieser Zeit erzählt hat, schufen gemeinsam mit Ward Kimball den erwähnten Semi-Dokumentarfilm. Drei Monate nach der Ausstrahlung des Films gab das Weiße Haus plötzlich bekannt, man wolle in naher Zukunft Satelliten in die Erdumlaufbahn bringen. Allerdings kamen die Russen den Amerikanern zuvor, starteten im Oktober 1957 den Sputnik.
War Disney an Politik und Macht interessiert?
Natürlich. Er ist häufig gefragt worden, ob er nicht in die Politik gehen wolle. Seine Ideen und seine Kraft seien so groß, dass er ein Land regieren könnte. Sein Freund, der Science-Fiction-Autor Ray Bradbury, schlug ihm vor, als Bürgermeister von Los Angeles zu kandidieren, denn er hätte als Einziger den technologischen Weitblick, um das Chaos der Megalopolis zu bewältigen. Disney antwortete ihm "Wieso sollte ich, wenn ich schon König von Amerika bin?" Sicher war Disney eine Herrschernatur. Es muss ihn unheimlich fasziniert haben, in den Köpfen der Menschen zu sitzen und sie mehr als jeder Politiker zu beeinflussen. Bis in die Träume und Fantasien hinein hat er tatsächlich das Leben von Millionen geprägt. Macht über ein reales Land wäre für ihn viel weniger gewesen als das, was er schon hatte.
Ist Disney Ihnen symphatisch?
Nein, nicht sympathisch, aber ich verstehe ihn jetzt besser. Seine Lebensgeschichte ist tragisch. Aus einfachsten Verhältnissen kommend, schafft er dieses unglaubliche Imperium und sagt ein paar Monate vor seinem Tod: "Wenn ich jetzt noch 15 Jahre vor mir hätte! Was ich jetzt noch leisten würde, stellte alles in den Schatten, was ich bisher geschaffen habe!" Verhältnismäßig früh stirbt er mit 65 Jahren an Lungenkrebs. Selbst sein letzter Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Er wollte mit Hilfe der Kryotechnik eingefroren und in Disneyland oder der von ihm geplanten, jedoch nie verwirklichten Zukunftsstadt EPCOT (Experimental Prototype Community of Tomorrow), aufbewahrt werden. Die Familie hielt es für ein Hirngespinst. Nicht nur, dass sie ihn nicht einfrieren ließen, sie ließen ihn einäschern.
Ist Walt Disney Opfer seines eigenen Images geworden?
Es hätte ihm manchmal Spaß gemacht, dem Image von Sauberkeit, Kinderprogramm und Unzweideutigkeit etwas entgegenzusetzen. Als er eine entfernt erotische Szene im Spielfilm "Bon voyage" untergebracht hatte, wurde er von Eltern attackiert, wie er so unmoralisch sein könne.
Adorno bemängelt in der "Dialektik der Aufklärung", Donald Duck in den Cartoons wie die Unglücklichen in der Realität erhielten ihre Prügel, damit die Zuschauer sich an die eigenen gewöhnten.
Stimmt, man freut sich, dass es anderen auch so schlecht geht. Viel funktioniert über Schadenfreude. Andere Intellektuelle haben wiederum häufig kritisiert, Disney propagiere ein vereinfachtes Weltbild, das die Menschenmassen dazu bringe zu glauben, es gäbe keine Konflikte auf Erden. Aus meiner Sicht ist es falsch zu sagen, Disney habe nur Süßliches und Liebliches produziert: Schneewittchen ist eine Waise; Pinocchio und Cinderella verlieren ihre Väter; die Mutter Bambis wird erschossen, die des kleinen Dumbos gewaltsam von ihm getrennt; auch Mowgli und Peter Pan sind ohne Eltern. Die Trennung der Kinder von ihren Eltern zieht sich geradezu wie ein Leitmotiv durch Disneys Filme.
Wie sah Disneys Kindheit aus?
Der Vater hat ihn, bis er siebzehn Jahre alt war, geschlagen. Seine Brüder sind von zu Hause weggelaufen. Ich glaube, Walt Disney hat seinen Vater gehasst, seine Mutter geliebt und verehrt. Alles, was sein Vater anfasste, ging schief. Er bewirtschaftete Obstplantagen, baute als Zimmermann Häuser, die keiner wollte. In Kansas City war er für die Belieferung von 2 000 Zeitungsabonnenten verantwortlich. Als Walt Disney neun Jahre alt war, musste er jeden Morgen um halb vier aufstehen und für seinen Vater Zeitungen austragen, eine Sklavenarbeit, für die er nie bezahlt wurde. Mit fünfzehn verließ er die Schule und arbeitete als so genannter "Butcher-Boy", der Limonade und kleine Speisen in der Eisenbahn verkaufte. Die sechzehnstündige Arbeit im fahrenden Zug auf der Kansas City-Chicago Strecke hat er später als zutiefst beglückendes Gefühl der Freiheit bezeichnet. Das erklärt seine Vorliebe für Lokomotiven, die er sowohl im eigenen Garten, als auch in Disneyland herumfahren ließ.
Inwiefern verkörpert Walt Disney Amerika?
Wie kein anderer repräsentiert er das, was Amerika ausmacht: Das Einfache, Erfreuliche und Lebensfrohe. Jeder geht seinen Weg und kümmert sich nicht um den Rest der Welt. Und zugleich schwingt Gefahr mit in diesem Idealbild. Walt Disney steht zudem für die Legende vom "self-made man" schlechthin. Es ist schon sehr amerikanisch, dass jemand von so einfacher Herkunft es so weit bringen konnte.
Wie sehen Amerikaner "ihren" Disney?
Für Amerikaner ist Walt Disney wie Coca Cola, ein Markenzeichen. Jeder weiß "Yeah, sure Mickey Mouse, Donald Duck!" Aber die meisten wissen nichts über den Menschen und dessen Leben. In meinem Buch gibt es eine Szene, wo mein Held an der Tankstelle einer Ortschaft stoppt, die nur zwanzig Meilen von Disneys Kindheitsort, Marceline, entfernt ist. Bei meinen Recherchen habe ich das selbst erlebt. Der Coffee Shop hing voller Poster mit Mickey, Minnie, Donald und Co. Die Besitzerin fragte mich: "Sie sind auf der Durchreise, wohin geht es denn?" Als ich "nach Marceline" antwortete, sah mich diese Frau, die ihren Coffee Shop mit Disneyfiguren tapeziert hatte, entgeistert an: "Was ist denn dort?" "Das war für Disney der wichtigste Ort!" "Ach so, nie gewusst, dass der hier gelebt hat!" Ich dachte, als ich nach Marceline gefahren bin, ich würde dort 14 Hotels und 17 Schnellbedienungsrestaurants vorfinden. Da war nichts.
Warum ist Disney seinem Kindheitsort Marceline so verbunden geblieben - er verbrachte nur viereinhalb Jahre in Marceline.
Es war die glücklichste Zeit seiner Kindheit, wenn nicht sogar seines Lebens. Bis zum neunten Lebensjahr lebte er auf einer Farm. Die Scheune ließ er später im Garten seines Hauses in Los Angeles nachbauen. In Disneyland ist die Main Street in Wirklichkeit eine Nachbildung der Marceliner Hauptstraße. Als ich diese Straße sah, verstand ich, was Walt Disney ein Leben lang gesucht hatte.
Wie erklären Sie Disneys unglaublichen Erfolg?
Was den massenkulturellen Wirkungsfaktor Disneys anbelangt, hat er selbst immer gesagt: "Ich stehe dazu, ich geniere mich in keiner Weise dafür: Wir produzieren Corn. " Im Amerikanischen bedeutet "corn" zum einen: Mais, zum anderen: nicht Kitsch, aber das, was der breiten Masse lieb ist. Außerdem hat sich Disney nie mit dem zufrieden gegeben, was er erreicht hatte. Er wollte stets einen Schritt weitergehen und Dinge noch besser machen. Nichtsdestotrotz hat er nie ein Geheimnis daraus gemacht, ein Kind geblieben zu sein. Je größer der Erfolg wurde, desto bewusster hat er daran festgehalten. Es ist kein Zufall, dass er bei jeder öffentlichen Rede immer den Satz wiederholt hat: "Ich hielt mich mein Leben lang hinter einer Maus und einer Ente versteckt. " Lassen sich über Disneys Tendenz, Tiere zu vermenschlichen, Rückschlüsse auf sein Verhältnis Menschen gegenüber ziehen?
Tiere waren ihm näher. Mit ihnen konnte er besser. Auch in seinen letzten Lebensmonaten hat er sich als Einzelgänger erwiesen. Er wollte nicht, dass die Familie von seiner Lungenkrebserkrankung erfährt. Wie ein krankes Tier hat er sich in sich selbst zurückgezogen, um alles mit sich allein auszumachen.
Das Gespräch führte Christine Velan.
Peter Stephan Jungk // Der Schriftsteller wurde 1952 in Santa Monica, Kalifornien, geboren. Er wuchs in Wien, Berlin und Salzburg auf, studierte an der UCLA und am American Film Institute, arbeitete als Regisseur, Drehbuchautor, Übersetzer und schrieb für das Magazin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 1988 lebt er als freier Schriftsteller in Paris. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: Stechpalmenwald, Erzählungen, S. Fischer Verlag, 1978; Franz Werfel - Eine Lebensgeschichte, S. Fischer, 1987; Tigor, Roman, S. Fischer, 1991; Die Unruhe der Stella Federspiel, Roman, List Verlag, 1996; Die Erbschaft, Roman, List, 1999.
MIT "DER KÖNIG VON AMERIKA" legt Peter Stephan Jungk im Jahr des hundertsten Geburtstages von Walt Disney den ersten biografischen Roman über die Licht- und Schattenseiten im Leben des Trickfilmproduzenten vor, der zu den einflussreichsten Männern des 20. Jahrhunderts gehört. Disney galt schon mit dreißig als internationale Berühmtheit. Sein kleines Zeichenstudio war im Laufe der Jahre zu einer weltumspannenden Industrie geworden.
DER ROMAN ist im September 2001 im Klett-Cotta Verlag erschienen.
Es muss ihn unheimlich fasziniert haben, in den Köpfen der Menschen zu sitzen und sie mehr als jeder Politiker zu beeinflussen.