BERLIN, 8. November. Das soll ein amerikanischer Filmstar sein? Frances McDormand ist 44 Jahre alt, sie hat Falten, fährt einen Toyota und kann mit einem Schraubenzieher umgehen. Und sie raucht. Unerhört. Kein Regisseur hat sie je als schwierig beschrieben, und man hat schon Wetten darauf abgeschlossen, dass sie noch nie gekichert hat. Nach Hollywood kommt sie nur, um zu arbeiten; McDormand lebt mit ihrem Mann Joel Coen und ihrem Adoptivsohn Pedro in New York. Ja, und frech ist sie auch noch. Als sie den Oscar gewann und gefragt wurde, ob der Preis ihr Leben verändere, sagte sie: "Ja, ich muss mehr staubwischen."
Völlig uneitel
Dem breiten Publikum fiel sie lange Zeit nicht auf, obwohl sie in etlichen Filmen Nebenrollen gespielt hat. "Ich halte mich nicht für einen Filmstar", sagt sie selbst, "und ich kann andere Leute leicht davon überzeugen, dass ich keiner bin." Einem Interviewer machte sie das einmal so deutlich: "Ich bin ein ganz normaler Mensch, und wenn ich in einer Minute furze, dann sind auch Sie davon überzeugt."
"Sie hat einen Mangel an Eitelkeit, wie man ihn selten bei einer Schauspielerin findet", sagt William Dafoe, ihr Partner aus "Mississippi Burning". Der Film, in dem McDormand eine gequälte Südstaatenfrau spielt, brachte ihr 1988 die erste Oscar-Nominierung. 1996 spielte sie dann eine schwangere Polizistin, bekam einen Oscar und vorbei war s mit der wohlgehüteten Anonymität. Die Coen-Brüder schrieben die Rolle der Marge Gunderson in "Fargo" eigens für sie, und sie tauchte begeistert ein. "Ich sehe aus wie ein großer Scheißhaufen im Schnee, der herumwackelt", urteilt sie über die Rolle. "Joel sagte: ,Du weißt, dass die Figur nicht so unattraktiv sein muss, wie du sie darstellst. Aber ich liebe es, wie ich als Marge aussehe." Sie ist nicht die Einzige.
Der jungen Frances McDormand war bei einer Schultheateraufführung klar geworden, dass sie Schauspielerin werden wollte: "Es war das erste Mal, dass ich etwas tat, von dem ich fühlte, dass es mir ganz und gar entsprach. Mir wurde klar, dass Schauspielerei das Einzige war, was ich wirklich konnte." Sie konnte es so gut, dass sie in das Graduierten-Programm der Yale Drama School aufgenommen wurde. Später stand sie in Trinidad, in Dublin und in New York auf der Bühne.
Dann hörte McDormand durch ihre WG-Mitbewohnerin Holly Hunter von einer Rolle: "Holly erzählte mir, sie habe verrückte Typen getroffen und für einen Film vorgesprochen, den sie drehen wollten. Ich versuchte, auch einen Vorsprechtermin zu bekommen, es klappte, und sie nahmen mich."
Die verrückten Kerle waren Joel und Ethan Coen, Brüder, die ihr erstes Drehbuch "Blood Simple" verfilmen wollten. "Es war ein kultureller und professioneller Schock", erinnert sich McDormand. "Ich dachte, dass die Jungs viel zu jung seien, um einen Film zu machen - und zu ausgeflippt. Wenn man den Film sieht, denken die Leute, ich wollte dumpf aussehen. Aber das war ich, ich stand gelähmt rum, bis sie mir sagten, was ich tun sollte." Der Film erhielt beste Kritiken und markierte den Beginn einer persönlichen und beruflichen Bindung: Joel Coen und Frances McDormand heirateten 1984.
McDormand hat Glamour immer gemieden. Sie eroberte die Leinwand mit handfester Entschlossenheit und auf flachen Absätzen. Sie spielte starke, gebrochene, außergewöhnliche, echte Frauen, wie zuletzt in "Wonderboys" und "Almost Famous". "Fran macht sich keine Gedanken darüber, ob der Charakter liebenswert ist oder nicht", sagt Holly Hunter, "sie geht dahin, wo der Charakter lebt."
Jetzt ist Frances McDormand neben Billy Bob Thornton in dem Coen-Film "The Man Who Wasn t There" zu bewundern. Sie spielt die Frau eines Friseurs, eine Säuferin. Sie wirkt aufgedonnert, trägt eine 40er-Jahre-Frisur und ist stark geschminkt. Ihr Auftreten widerspricht deutlich ihrer "Substanz ist wichtiger als Styling"-Philosophie. Frances McDormand sagt: "Ich habe viele Falten, man kann meine Äderchen sehen, und wenn man sie verdecken will, wirkt mein Gesicht sehr flach. Aber das ist ein Film aus der Schwarzweiß-Zeit, und ich musste über Frisur und Make-up so viel herausbekommen wie noch nie zuvor. Außerdem haben mir Freunde gesagt: ,Fuck you, Fran. In diesem Film siehst du gut aus. "
Frances McDormand ist eine der großen US-Schauspielerinnen. Über sich selbst sagt sie schlicht: "Ich bin glücklich. Meine Geschichte ist nicht so wahnsinnig interessant, aber ich habe eine. Ich wünsche mir nur, ich könnte aufhören zu rauchen."
"Meine Geschichte ist nicht so wahnsinnig interessant, aber ich habe eine. Ich wünsche mir nur, ich könnte aufhören zu rauchen. " Frances McDormand.
REUTERS/ROSE PROUSER Sie meidet den Glamour: Schauspielerin Frances McDormand.