Thomas Brasch war wieder dahin gezogen, wo für Angehörige seiner Generation und seiner Prägung undiskutierbar Berlin am berlinischsten ist, in die Gegend am Bahnhof Friedrichstraße. Er wohnte zuletzt am Schiffbauerdamm, inmitten seiner Geschichte und seiner Anfänge, gleich neben dem Berliner Ensemble, wo Claus Peymann jetzt gerade seine Shakespeareübersetzungen spielt. Als Brasch 1969 "auf Bewährung" aus der Haft entlassen wurde, nahm ihn Helene Weigel unter ihre Fittiche. Sie gab ihm eine Stelle im Brecht-Archiv und zahllose Ratschläge, darunter mäßigende, und Brasch schrieb brav seine Studie über Brecht und das Kino. Als die Weigel 1972 starb, stand er verlassen. Sechs Theaterstücke, zwei Szenarien und zahllose Gedichte wollte und durfte kein Verlag veröffentlichen. Die DDR war sein Stoff.
Thomas Brasch, der am Sonnabend im Alter von 56 Jahren in Berlin an Herzversagen gestorben ist, soll nun mit seinem bitteren Buchtitel Recht behalten, jenen Alltagsgeschichten aus der DDR, mit denen er sich 1977 in der Bundesrepublik als Dissident etablierte: "Vor den Vätern sterben die Söhne". Seine jüngeren Brüder Klaus und Peter sind tot. Brasch war ein Funktionärskind, musste die Kadettenschule der Nationalen Volksarmee in Naumburg besuchen. Und aus dem "Roten Kloster" in Leipzig, der einzigen Journalistenschule, wurde er nach einem Jahr wegen "Verunglimpfung führender Persönlichkeiten", also der Kadergeneration seines Vaters, die so sehr an den Sozialismus glaubte, dass sie sich zu Verbrechen bereit fand, exmatrikuliert. Der Vater war stellvertretender Kulturminister, Bezirkssekretär in Karl-Marx-Stadt, Präsident der "Liga für Völkerfreundschaft".
Dieser hoch begabte, aber zuletzt vielleicht einsame und doch nicht zur Milde neigende Thomas Brasch, als Sohn eines jüdischen Kommunisten am 19. Februar 1945 in England geboren, war vor allem ein Achtundsechziger, ein DDR-Achtundsechziger. Wenn er diese Jahreszahl hörte, dachte er an den Prager Frühling. Es war das Ereignis, mit dem die Leichenstarre des Sozialismus begann, das Ereignis, das ihn zum selbstständigen Denken und zum Widerstand geradezu getrieben hat. Im August 1968 verteilte Brasch Flugblätter gegen den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in die Tschechoslowakei, zusammen mit Kindern des Regimekritikers Robert Havemann und des SED-treuen Institutsdirektors Lothar Berthold. Alles was danach kam, war sein Weg. Die Alternative, ein Spießer zu werden, konnte er nicht denken. Insofern ist sein Leben vollendet.
Alternativen waren und sind nicht in Sicht. Die Ausreise aus der DDR wurde ihm im Dezember 1976 "gewährt", nach dem im "Poesiealbum" von Bernd Jentzsch eine Auswahl seiner Gedichte doch erschien, und sie wurde sogleich als "grobe Verzerrung der DDR-Arbeitswelt und des Jugendlebens" geahndet. Jentzsch ging in die Schweiz, Brasch zusammen mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach und seiner kleinen Tochter nach West-Berlin. Er war erfolgreich, und hielt auch dort nicht den Mund. Im März 1978 kam unter der Regie von Niels-Peter Rudolph im Schiller-Theater sein Stück "Lovely Rita" heraus, 1980 in Bochum seine szenische Collage über Georg Heym "Lieber Georg", 1981 stellte er seinen ersten Spielfilm "Engel aus Eisen" (über die Gladow-Bande) vor.Den Kanzler Schmidt forderte er 1980 auf, "unmündige Erklärungen der Standfestigkeit und Treue" zu den USA zu unterlassen, und die Anhänglichkeit an das Experiment im Osten ließ ihn auch nicht los. 1987 erklärte er, gemildert durch die Tatsache, dass er auch die britische Staatsbürgerschaft besaß: "Ich bin nach wie vor Bürger der DDR, und alle zurückliegenden Konflikte zwischen mir und verschiedenen Institutionen meines Landes waren immer Konflikte über das Wie des Sozialismus, nie über eine Alternative zu ihm." Der Ost-Berliner Henschelverlag brachte in seiner "dialog"-Reihe nun drei Stücke heraus. Das Berliner Ensemble spielte endlich im Sommer 1990, kurz vor der deutschen Einheit, "Rotter", das in Stuttgart unter Peymann uraufgeführte Stück. Die Zeit nach 1990 mit neuen Stücken zu deuten, ist auch Brasch schwer gefallen.