Die Kamera ist immer ein aggressives Instrument. Sie auf Menschen zu richten, die nicht davon leben, sich vor einer Kamera darzustellen, gleicht einer Territorialverletzung. Im schlechtesten Fall werden die Personen ihrer selbst beraubt, im besten bekommen sie etwas geschenkt. Ihre Bilder, ihre Geschichte, die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. "Absolut Warhola" ist so ein Geschenk. Weil dieser Film sich nicht von einer Absicht leiten ließ. Und weil er keine Ziele verfolgt. "Absolut Warhola" ist einer der schönsten und leichtsinnigsten Dokumentarfilme der letzten Jahre.
Der Regisseur ist ein junger Pole - Stanislaw Mucha, der nach einer Schauspielausbildung in Krakau Regie an der Filmhochschule "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg studierte. Seine bisherigen Arbeiten (u.a. "Polnische Passion" von 1997) sind Heimat-Such-Filme, die von jener Zerrissenheit leben, die jeden befällt, der sein Herkunftsland verlässt. - Auch "Absolut Warhola" ist ein Heimatfilm im besten Sinn. Fern jeder Tümelei, zeigt er, wie es sich lebt in einem vergessenen Landstrich - der ehemaligen Tschechoslowakei, irgendwo im ruthenischen Bermuda-Dreieck zwischen Slowakei, Polen und der Ukraine. Ruthenisch - damit fängt es schon an. Wer weiß in Westeuropa schon, was ein Ruthene ist? Für die Bewohner von Medzilaborce ist eines sicher: Andy Warhol war einer. Zumindest war er der "größte ruthenische Maler, den es je gegeben hat". Deshalb steht mitten in der Stadt auch das einzige Pop-Art-Museum Europas, ein Bau wie ein Raumschiff, das dort zufällig gelandet ist. Den Eingang flankieren zwei übermannshohe Campell-Soup-Dosen. Innen findet sich jene Kunst von Warhol, mit denen "unsere Menschen etwas anfangen können".
Wie ein KP-Funktionär spricht der Museumsdirektor mit Vollbart und Ring im Ohr. Zigeuner lässt er nicht rein, "wenn sie schlampig angezogen sind und stinken". Schließlich sei ein Museum ein Ort zum Denken. Die Bilder werden einzeln vorgeführt wie Kleidungsstücke auf der Modenschau, und draußen hängt Warhols kamelfarbenes Sakko auf der Wäscheleine im Wind. Hier Lenin auf rotem Grund, hier Ingrid Bergman als Nonne, hier eine Kuh. "Wie hat sich diese ruthenische Kuh nach New York verlaufen?", fragt der Direktor und spielt hernach ein bisschen Rock n Roll mit seiner Band.
Warhol, der Ruthene. Geboren 1928 in Pittsburgh, USA. Kind tschechischer Auswanderer oder Einwanderer, je nach Perspektive. "Dieser Birnbaum erinnert sich noch sehr gut an Andys Vater und Mutter", sagt ein Neffe von ihm. Ein Satz, der Warhol gefallen hätte. Er hat das Land der Eltern nie gesehen.
Aber er fühlte doch eine Verbundenheit mit denen, die dort geblieben waren. Einmal schickte er einen Koffer voller Bilder an eine Cousine. Doch die lagerte die Mappen auf dem Dachboden, und bei einer Überschwemmung wurde fast alles zerstört. Aus dem, was noch zu retten war, bastelten sie "Trompeten für die Kinder". Vielleicht hätte Warhol auch das gefallen. Sein Bilder-Care-Paket fand bei der armen Verwandtschaft eben eine andere Verwendung als die des Verkaufsobjekts. Wie auch, wo sie nie wussten, ob ihr Andy nun Wände und Türen strich oder ein richtiger Maler war.
An vielen Stellen könnte so ein Film umkippen in eine Prozession heiliger Narren. In die Selbstdarstellung peinlicher Verwandtschaft, die sich eines mächtigen Vetters rühmt - siehe der Fall Gerhard Schröder. Aber es geschieht etwas Anderes: Andy Warhol verschwindet hinter den Nachkommen seiner Sippe, so frappierend die Ähnlichkeiten in der Physiognomie bisweilen sind. Eine alte Tante sagt, über ein Foto mit dem tieftraurigen, nervösen Antlitz Andy Warhols gebeugt: "Er sieht aus wie ein Affe, genau wie ich." Warhol ist für sie nicht mehr als ein ferner Verwandter, sie brauchen ihn nicht, dafür sind sie in all ihrer Verlorenheit selbstbewusst genug. Was sie brauchen, sind Wodka und Benzin. In jener beschämenden Großzügigkeit, die Armen häufiger eigen ist als Reichen, geben sie Einblick in das, was wirklich eine Rolle spielt in ihren Leben.
Und Mucha versteht es, ihren Regieanweisungen zu folgen. Er gibt seine Warhol-Spurensuche auf. Stattdessen begleitet er seine Darsteller auf der Suche nach Steinpilzen, und aus den Antworten der Pilzsucher lässt sich die unvermeidliche Frage des deutschen Kamerateams nach Tschernobyl heraushören. "Ja. Die Ukraine ist nicht weit. Uns hat es auch erwischt", sagt der alte Mann lapidar. Und als ein anderer dem Team frisch geräucherten Speck anbietet, fügt er hinzu: "Der ist anders als der englische, der ist auch für Vegetarier gut."
Ein Dokumentarfilm handelt immer auch von denen, die ihn drehen. Sich selbst so unaufdringlich ins Bild zu rücken - ohne sich zu zeigen - ist hier ein Akt der Ehrlichkeit. Stanislaw Mucha gehört nicht zu jener verbreiteten Sorte von Dokumentaristen, die ihre Protagonisten etwas lehren wollen. Er überließ sich ihrem Witz und ihrer Gelassenheit. So entstand neben dem Porträt einer geschundenen Gegend und seiner Bewohner auch ein kluger Essay über jene denkwürdigen Verbindungen zwischen Menschen, die sich nie gekannt haben.
Absolut Warhola // Deutschland 2001 35 mm; 80 Minuten, Farbe.
Regie, Drehbuch und Schnitt: Stanislaw Mucha Produzent: Dieter Reifahrt Produktion: Strandfilm/Pandora/HR/WDR/3sat Kamera: Susanne Schüle Musik: Drislak "Absolut Warhola" läuft in den Kinos Hackesche Höfe und Filmbühne am Steinplatz. Bundesweiter Filmstart: 29. November.
PEGASUS FILM Michal Warhola (Vetter von Andy Warhol) & Eva Prextova (Tante des Künstlers).