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40 JAHRE BERLINER TÜRKEN

Krach um den Couchtisch

Die Ethnologin Ayse Çaglar erklärt, dass Verhaltensmuster und Geschmack der Türken in Deutschland aus vielen Quellen gespeist werden

Martin Z. Schröder

Frau Çaglar, Sie haben untersucht, wie stark kulturelle Einflüsse auf die Türken in Deutschland wirken und sind zu dem Schluss gekommen, dass andere Zwänge stärker sind.

Wie sollte Kultur soziale Positionen erklären? Es spielt natürlich eine Rolle, wie ich mich im Gegensatz zu anderen definiere, aber das fällt nicht unter einen Kulturbegriff, der mit Ethnizität und Territorialität des Herkunftslandes zu tun hat. Kultur könnte man als Diskurs analysieren, aber sie ist selbst keine analytische Kategorie. Eine Betrachtung der Lebenswelten dagegen hat nicht diese essentialistische Konnotation.

Und was hat Sie dann auf den Couchtisch gebracht?

Ich bin nach Deutschland nicht aus der Türkei, sondern aus Kanada gekommen, wo ich studiert habe. In Deutschland fand ich die standardisierte Sitzordnung während meiner Feldforschungen schon merkwürdig, aber dann hat mich gewundert, warum der in Deutschland bei den Deutschtürken so beliebte Couchtisch für dieselbe Familie für ihre Wohnungseinrichtung in der Türkei ein Streitpunkt wurde.

Was war so umstritten daran?

Eine Familie diskutierte über die Einrichtung der Wohnung ihrer Tochter, die nach Istanbul heiraten wollte. Der Vater schlug vor, einen gekachelten Tisch zu kaufen, Mutter und Tochter lehnten das ab. Den Kacheltisch in der eigenen Wohnung in der Türkei wollte die Mutter sogar bald ersetzt wissen, obwohl sie mit einem solchen Tisch in ihrer Wohnung in Deutschland sehr zufrieden war.

Fand sie ihn nicht mehr schön?

Darum ging es nicht. Ich habe in meiner Untersuchung gezeigt, dass dieselbe Gruppe die gleichen Gebrauchsgegenstände in unterschiedlicher sozialer Umwelt anders benutzt.

In einem Aufsatz erläutern Sie, dass der gekachelte Couchtisch in der Türkei als Symbol der Unterschicht kritisch gesehen wird und man deshalb lieber einen Couchtisch mit Holz- oder Glasplatte aufstellt.

Das ist nicht richtig. Hier geht es nicht um irgendein Symbol der Unterschicht. Die Deutschtürken versuchen, sich in der Türkei von ihrem Stigma "almanci" (Deutschtürken) zu befreien. Dabei gibt es eine starke innere Abwehr gegen alle negativ beladenen Referenzen zu ihrem Leben in Deutschland, wie den gekachelten Couchtisch.

Wie sieht denn das türkische Wohnzimmer in Deutschland aus?

Heute ist es genau so differenziert wie bei Deutschen auch. Meine Untersuchung damals, Ende der 80er-Jahre, bezog sich auf die erste Generation der Einwanderer. Die anfangs noch beim Trödler gekauften Möbel wurden dort durch Sitzgruppe und Couchtisch ersetzt. Normalerweise wird der Geschmack im sozialen Austausch mit anderen Gruppen entwickelt, aber hier fehlte für die Türken in Deutschland der Zugang zu anderen Modellen für die Inneneinrichtung; die türkischen Arbeiter kannten die Wohnungen ihrer deutschen Kollegen und die feinen Unterschiede der Inneneinrichtung nicht und haben daher ihren Geschmack ziemlich isoliert entwickelt.

Und der gekachelte Couchtisch erwies sich im Alltag als praktisch?

Ja, die Keramikoberfläche macht den Tisch so attraktiv. Er war gleichzeitig Ess- und Couchtisch. Man braucht kein Tischtuch und kann ihn leicht abwischen. Die Sofaecke bietet mehr Sitzplätze als die Stühle um den Küchentisch, und man empfängt Gäste nicht in der Küche. Wenn zu wenig Platz ist, essen die Kinder kniend oder sitzen auf niedrigen Stühlen. Aber ich habe den Couchtisch nie als Mittelpunkt der Sitzgarnitur vorgefunden.

Sondern?

Zentral im Raum steht der Fernseher. In der Türkei wird auch viel ferngesehen, aber wenn Besuch kommt, bemüht man sich, das Fernsehen aus dem Zentrum zu rücken.

Das ist hier anders?

In Deutschland wird der Besuch sofort in diesen Unterhaltungsmodus integriert. Aus unterschiedlichen Gründen hat das Fernsehen bei den Türken in Deutschland eine sonderbare Anziehungskraft. Das kulturelle Leben der Migranten in Deutschland spielt sich auch immer noch stark in Wohnungen ab.

Wie sieht es nun mit dem Kacheltisch in der Türkei aus?

In der Türkei werden Sie diese Couchtische in ihrer doppelten Funktion nicht finden. Selbst in der kleinsten Wohnung der unteren Mittelschicht steht ein Esstisch. Die Wohnzimmer vermitteln den Eindruck von mit Eifer dekorierten Ausstellungsräumen. Eher ist der Raum ein Empfangssalon, und die Familie nutzt ein anderes Zimmer für sich. Der Couchtisch dient ausschließlich als solcher, zu sehen am obligatorischen Häkeldecken.

Bisher hielt ich Häkeldecken für etwas Deutsches.

Schreckliche Dinge verbreiten sich schnell. (Lacht. ) Nein, Kitsch hat keine nationalen Grenzen.

Wir glauben oft von Migranten, sie bildeten eine homogene Gruppe, die eine räumliche Bewegung vollzieht.

Nein. Wir müssen die Konstruktion von Gruppen und ihrer Verhaltensmuster anhand von Kontexten betrachten. Die ersten türkischen Einwanderer wurden homogenisiert durch Integrierung in einen rechtlichen und sozialen Rahmen. Sie wurden zu Arbeitern gemacht. Dabei gab es dort unterschiedliche Berufe, viele Lehrer zum Beispiel.

Dann kann es doch mit der mitgebrachten Tradition auch nicht so einheitlich sein.

Einheitliche mitgebrachte "Traditionen" gibt es nicht. Die Quellen für die eigenen Repertoires können nicht einem ethnisch territorial definierten Kulturraum zugeordnet werden. Es war für mich beispielsweise ein Rätsel, warum die Haustierhaltung zu einer bestimmten Zeit zum Thema der Migranten wurde.

Welche Haustiere?

Anfang der neunziger Jahre hatten immer mehr Türken Hunde, anders als früher in der Türkei. Dort gab es in den ländlichen Gebieten Hofhunde, und in der Stadt waren sie als Haustiere nicht verbreitet.

Warum also plötzlich diese Beliebtheit von Hunden in Deutschland?

Man sieht, dass genau zu diesem Zeitpunkt in der Türkei die Haustiere in der dortigen Mittelschicht Karriere gemacht haben. Plötzlich gab es Zeitschriften über Haustiere und Geschäfte für Tierbedarf. Haustiere wurden Mode. Verhaltensmuster und Geschmack der Deutschtürken haben also eine wichtige Quelle, und zwar nicht die türkische "Tradition", sondern die aktuelle Lebenswelt in der Türkei. Das ist auch nicht die einzige Quelle für die Lebensstile der Deutschtürken. Die "schwarze Ghettokultur" in den USA oder die Migrantenjugendkultur in Europa bilden wichtige Quellen für die deutschtürkische Jugend, auch die Jugendkultur in der Türkei.

Um türkische Lebenswelten in Deutschland zu verstehen, darf man sich also nicht auf die türkische Vergangenheit und alte Sitten beziehen.

Nein, der Hund in der Wohnung passt nicht zu den "traditionellen" Sauberkeitsbegriffen. Man muss sich vielmehr ansehen, wie Einwanderer sozial positioniert sind und welche Aufstiegskanäle ihnen offen stehen. Die Generationen, die sich heute einrichten, versuchen, einen Esstisch in das Wohnzimmer zu integrieren. Das hat mit der sozialen Karriere zu tun und mit der stärker werdenden Beziehung zu ihrer sozialen Welt in Deutschland.

Welchen Typ Couchtisch haben Sie?

Hm. Muss ich nachdenken. - Einen englischen.

Das Gespräch führte Martin Z. Schröder.

Ayse Çaglar, geboren 1958 in Ankara, studierte Soziologie in Istanbul und Anthropologie in Kanada; 1987 kam sie nach Berlin. Derzeit ist sie wissenschaftliche Assistentin an der Freien Universität und arbeitet in Florenz an ihrer Habilitationsschrift über Transnationalisierungsprozesse der türkischen Immigranten in Europa. In der Zeitschrift "Historische Anthropologie" veröffentlichte sie den Aufsatz "Die zwei Leben eines Couchtisches" (Heft 2/1998).

BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Er braucht kein Tischtuch und lässt sich leicht abwischen, trotzdem verliert der gekachelte Couchtisch an Ansehen.