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Das Symbol der Nation

Ein Gespräch mit Kati Marton über Präsidenten und First Ladys

Stefan Elfenbein

Frau Marton, Sie haben ein Buch über amerikanische Präsidenten-Ehepaare geschrieben, das jetzt auf allen wichtigen Bestseller-Listen in den USA steht. Hat der Erfolg etwas mit dem 11. September zu tun?

Ganz eindeutig. Die Amerikaner suchen plötzlich danach, was Amerika ausmacht, was Amerika vom Rest der Welt unterscheidet. So ein Buch über die amerikanischen Präsidenten-Ehepaare hilft den Lesern offenbar, sich mit ihrem Land zu identifizieren, stolz zu sein. Für viele Amerikaner ist es eine wahre psychologische Katastrophe festzustellen, dass große Teile der Welt sie nicht mögen. Man weiß nicht so recht warum und besinnt sich gerne auf den Zauber der Kennedys, die Clintons, die Tradition der Bushs. Natürlich wollen und müssen sich die Leute auch ablenken von Bomben und Anthrax - aber am besten eben mit durch und durch amerikanischen Themen.

In Ihrem Buch geht es nicht nur um den Glanz von Präsidenten und First Ladys. Es geht auch um Monica Lewinsky, die Eheprobleme der Kennedys, die Langeweile, die die Bushs vor dem Anschlag ausstrahlten.

Skandale wie der um Monica Lewinsky sind am 11. September von einer Minute auf die andere zu Geschichte geworden. Jetzt ist man am Schmutz nicht mehr interessiert. Das wäre trivial, ein Luxus, den sich das Land nicht mehr leisten kann. Man ist jetzt daran interessiert, wie Hillary und Bill in ihrer eigenen Krise wirklich zusammengehalten haben. Oder daran, wie die Kennedys trotz persönlicher Probleme oder Krankheit die ganze Welt von Amerika begeistern konnten. Das ist amerikanisch. Das will man jetzt lesen. Man will lesen, dass sich die Clintons wirklich geliebt haben, wie stark und amerikanisch sie sind. Oder dass Laura Bushs Traditionalismus auch Sicherheit bedeutet.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen den Clintons und den Bushs?

George und Laura Bush sind sehr gewöhnliche Menschen. Sie interessieren sich nicht für Politik oder andere wichtige Themen. Zumindest war es bis zum 11. September so. Ich weiß, dass sich Bush bei jedem Briefing und jedem Meeting gelangweilt hat. Bush kennt das Weiße Haus. Er war dort mit seinem Vater. Es interessiert ihn nicht besonders. Die Zeiten spannender intellektueller Dialoge oder kultureller Entfaltung im Weißen Haus sind erst einmal vorbei. Die Bushs fühlen sich normalerweise am wohlsten im Kreise ihrer Familie, spielen mit dem Hund und gehen früh ins Bett.

Das hört sich ja schrecklich an.

Die ersten Monate von George Bush waren nicht gerade viel versprechend. Ich hoffe aber, dass die beiden an diesem magischen Ort, im Weißen Haus, noch mehr wachsen werden. Die Präsidentschaft hat jedes der von mir untersuchten Paare stark verändert. Jeder Präsident und jede First Lady sind im Weißen Haus plötzlich mehr denn je voneinander abhängig.

Warum?

Kein Präsident gewinnt jemals neue Freunde. Dazu ist er zu isoliert. Präsident Truman nannte das Weiße Haus das "große weiße Gefängnis", und Jackie Kennedy schrieb: "Eines der Dinge, die dem Präsidenten widerfahren, ist, dass alle seine Verbindungen zur Außenwelt abgeschnitten werden. " Präsident George Bush darf keine persönlichen E-Mails mehr schreiben. Vielleicht übt die gesteigerte Nähe zu seiner Frau Laura ja einen guten Einfluss auf George aus. Laura ist die Einzige, die ihm, dem Präsidenten, die Wahrheit sagen wird, die die schlechten Nachrichten über ihn mit ihm bereden kann. Vielleicht fängt er an zu reflektieren.

Wie sieht das Privatleben der Bushs seit dem 11. September aus?

In einer Krisensituation wie momentan wird das Weiße Haus zur Festung. Für die Bewohner gibt es keine Möglichkeit zu entkommen. Pausenlos fahren gesicherte Limousinen vor; Sicherheitsleute sind überall, und auf die Fenster und in den Vorgarten sind Kameras gerichtet. Es gibt kaum noch private Kontakte. Keine Feste, keine Empfänge.

Und wie hat die Situation Bushs Rolle selbst verändert?

Sie müssen verstehen, dass das Land jetzt natürlich ganz andere Erwartungen an den Präsidenten stellt. Bush begann seine Präsidentschaft als eine Art Vorstandsmitglied eines großen Konzerns. Er tat alles, um die Politik der USA - sagen wir einmal - firmenfreundlich zu gestalten. Von einem Tag auf den anderen wurde er zum Oberbefehlshaber einer Nation, die sich im Krieg befindet.

Welche Rolle spielt Laura Bush?

Laura erschien bis zum 11. September als eine der blassesten, unscheinbarsten First Ladys in der amerikanischen Geschichte. Laura hat nur sehr wenig Zeit außerhalb von Texas verbracht. Sie wurde dort geboren, ging dort zur Schule. Sie ist traditioneller als die meisten amerikanischen Frauen ihrer Generation. Und plötzlich hat sie die Aufgabe, ihrem Mann und der ganzen Nation, deren Nerven ja blank liegen, beizustehen. Sie wurde zur Mutter der Nation. Und das macht sie ganz wunderbar. Sie tritt beispielsweise vor die Fernsehkameras und rät, wie man mit den Ängsten der Kinder umgehen soll. Dass sie nicht zu viel fernsehen, dass man mit ihnen redet und solche Sachen. Es wird auch deutlich, dass es in einer solchen Krisensituation von Vorteil ist, sehr sehr traditionell zu sein. Die Bushs verkörpern "ein intaktes Zuhause", "Familie", "Kinder" "Zusammenhalt", "Glaube" - all die Werte, die Amerika seit dem Anschlag von seinem Präsidenten-Ehepaar erwartet.

Was für eine Art Mensch ist Laura Bush?

Laura ist eher ruhig, aber charmant, sehr normal. Sie liest gerne. Ich habe gehört, dass sie sich oft in Romane vergräbt. Und sie ist tatsächlich, was sie vorgibt, eine ganz traditionelle Ehefrau und Mutter. So was gab es noch nie im Weißen Haus. Sie macht George keine Angst. Im Gegenteil, sie ist wohl eine wichtige emotionale Stütze für ihn. Er hat wohl eine sehr sprunghafte Persönlichkeit - mit vielen Ups und Downs. Sie dient als Gegenpol zu seinem oft unüberlegten, hektischen Verhalten.

Sie haben beschrieben, wie sich Laura Bush in der momentanen Situation verhält. Was würde Hillary Clinton tun?

Bill und Hillary liebten es immer, über politische Themen zu argumentieren. Beide sind sehr intellektuell. Sie liebten es, sich gegenseitig anzuregen. Anders als Laura Bush hätte sie in der jetzigen Situation mit ihrem Mann über seine politischen Entscheidungen ausführlich diskutiert.

Hat sich die öffentliche Meinung darüber, wie die Clintons ihre persönliche Krise überwunden haben, verändert?

Wie sie es geschafft haben, aus der Krise zu kommen, gilt jetzt als sehr amerikanisch. Wissen Sie, ich hatte während der vergangenen Jahre das Privileg, den Clintons sehr nahe zu sein. Ich habe Hillary im Weißen Haus getroffen, und sie war auch oft bei uns zu Hause. Vor ein paar Wochen war Bill bei uns zum Abendessen. Ich weiß, dass sich die beiden sehr viel näher sind, als die Öffentlichkeit denkt. Sie sind voneinander sehr abhängig. Alle persönlichen und politischen Entscheidungen werden gemeinsam koordiniert. Sie telefonieren mehrmals am Tag. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass das eine funktionierende Ehe ist. Natürlich spielt die Politik eine große Rolle in ihrer Ehe - aber beide leben eben für die Politik.

Sie sagen, die Ehe der Clintons wurde oft falsch verstanden.

Gerade die amerikanischen Medien neigen dazu, Persönlichkeiten auf ein paar simple Charakterzüge zu reduzieren. Das ist so einfach und leicht verdaulich. Die Clintons sind beide sehr komplexe Menschen. Hillary war eine ganz besonders ungewöhnliche First Lady. Sie hatte einen eigenen Beruf, und sie war die erste Präsidentengattin, deren Ehemann es unterstützt hat, dass sie ihren Beruf weiter ausführt. Das gab es bis dahin nicht. Clinton ist bis heute ihr "number-one-advisor", ihr wichtigster Berater. Und sie tut das gleiche für ihn. Hillary und Bill Clinton waren in meinen Augen das perfekte Präsidenten-Ehepaar; ein Paar, das sich gegenseitig stützte und befruchtete - persönlich und politisch.

Bis zur Lewinsky-Affäre.

Das war eine ganz schreckliche Demütigung für Hillary. Sie ist eine sehr stolze Frau. Die Tatsache, dass ihre intimsten Probleme in aller Welt diskutiert wurden, muss sie fürchterlich verletzt haben. Aber sie ist sehr stark. Mit ihrer Stärke hat sie den Präsidenten, ihre Ehe und ihr gemeinsames politisches Vermächtnis gerettet.

Woher kommt diese Stärke?

Sie ist eine Frau mit unglaublicher Willenskraft. Religion spielt eine große Rolle. Ihre Religiosität wird oft unterschätzt. Wir denken, sie ist so wie wir - eine moderne Frau, für die Religion keine große Rolle mehr spielt. Hillary ist modern, aber gleichzeitig sehr konservativ. Sie wuchs in einer streng methodistischen Familie auf. Und auch in Arkansas, wo die beiden ja vor Washington lebten, spielt Religion eine sehr große Rolle. Das Gleiche gilt übrigens auch für Bill. Für Ihre Leser ist es wichtig zu wissen, dass die Clintons sehr amerikanisch sind. Sie kommen nicht von der liberalen Ostküste der USA, sondern aus dem Mittleren Westen. Wussten Sie, dass Hillary es unverheirateten Paaren nicht erlaubt hat, gemeinsam über Nacht im Weißen Haus zu bleiben? Oder dass sie immer eine Karte mit dem Gebet des Tages bei sich trägt?

Was ist modern an Hillary?

Sie bestand auf ihrem Recht auf eine gute Ausbildung und eine eigene Karriere. Sie wollte nie Heimchen am Herd sein wie Laura Bush. Gleichheit in der Beziehung war ihr immer wichtig. Schon ganz am Anfang, nachdem sich Bill und Hillary an der Yale Universität kennen gelernt hatten, sahen sie sich als gleichwertige Partner an.

Gefühle zu zeigen schien aber nie Hillarys Stärke gewesen zu sein.

Sie ist sehr stolz und sehr traditionell. Man könnte sagen, die amerikanische Kultur, öffentlich Bekenntnisse abzugeben, die Talk-show Kultur, die Oprah-Winfrey-Kultur, ist ihr fremd. Es fällt Hillary viel leichter, über die Probleme anderer zu diskutieren als über die eigenen. Es fällt ihr schwer, sich zu öffnen. Sie hatte ein sehr schweres Leben mit diesem Mann, aber sie liebt ihn. Und er liebt sie. Das dürfen wir nicht vergessen. Sie hat ihm vergeben. Hier kommt ihre Religiosität ins Spiel. Bill Clinton ist, wie wir alle, halt ein Mensch mit Fehlern.

Wusste Hillary über Clintons Affären Bescheid?

Bill Clinton war nicht der erste US-Präsident, der eine starke Libido hatte und noch dazu dachte, er sei unverwundbar. Er hatte Affären. Aber keine der Affären war für ihn emotional oder intellektuell bedeutungsvoll. Ein Schulfreund von Clinton hat mir gesagt, Clinton hätte Affären gehabt, um "auszuspannen". Hillary mag einige dieser "Beziehungen" aufgrund deren Seichtheit etwas leichter verarbeitet haben. Schon 1992 rettete sie Clintons Karriere durch ein Interview. Bei "60 Minutes" sagte sie in seinem Beisein über seine Affäre zu Jennifer Flowers - ich lese vor: "Ich denke, das ist etwas zwischen uns. Wir sind niemandem eine Erklärung schuldig. Wir werden nicht weiter ins Detail gehen. Und wenn das nicht gut genug ist, dann wählen Sie eben nicht für ihn. " Ich weiß auch, dass es später im Weißen Haus eine nicht konkret ausgesprochene Anweisung für alle Angestellten gab, dafür zu sorgen, flirtende Frauen vom Präsidenten fern zu halten. Ich denke, von Lewinsky hatte Hillary keine Ahnung.

Wann erfuhr sie davon?

Ich glaube, sie dachte bis zuletzt, Clintons "Problem" sei überwunden. Die Anschuldigungen waren einfach zu unglaublich. Sie konnte einfach nicht glauben, dass er alles, für das die beiden so lange und so hart gearbeitet hatten, aufs Spiel setzen würde. Sie glaubte ihm, weil sie ihm glauben wollte. Sie hat wohl auf einer anderen Wolke gelebt, bis die Blut- und Samenflecken auf dem blauen Kleid von Lewinsky getestet wurden. Ja, ich glaube, das war das erste Mal in Bill Clintons Leben, dass er die vollen Konsequenzen für seinen Sexualtrieb tragen musste. Hillary hat dann zwar politisch alle richtigen Schritte gemacht, aber ihn hat sie aus Zorn kurzzeitig vollkommen allein gelassen. Und trotzdem hat sie ihm vergeben. Und Amerika fühlte, wenn Hillary das kann, dann können wir das auch.

Ihr Mann, Richard Holbrooke, arbeitete in Bill Clintons Kabinett. Sie waren den Clintons auch während der Zeit des Lewinsky-Skandals nahe. Gab es Momente, wo sich Hillary geöffnet hat?

Irgendwann im Dezember 1998, mitten in der Affäre, kamen die beiden zu uns zum Essen. Ich hatte an dem Abend auch den Chefredakteur von "Time Magazine", einen guten Freund von mir, eingeladen. Später sagte er am Tisch zu Hillary, "Time hat entschieden, Sie zur Persönlichkeit des Jahres zu machen". Hillary starrte mich ein paar Sekunden lang sprachlos an. Dann schüttelte sie ihren Kopf und sagte: "Nein, nicht unter diesen Umständen. " Wir waren alle still. Sie schien so unglaublich traurig. Der "Time"-Titel ist dann auch nie erschienen. Es muss die Hölle gewesen sein. Irgendwann wusste jeder Amerikaner mehr über das Privatleben der Clintons als über das Privatleben der besten Freunde nebenan. So etwas hatte es in der amerikanischen Geschichte noch nie gegeben.

Aber es gab doch genügend Ehebrecher im Weißen Haus?

Oh ja, eine ganze Menge. Franklin Roosevelt würde heute nicht mehr ungeschoren davonkommen. Er hatte gleich eine ganze Reihe von Frauen um sich, die er öfter sah als seine eigene Frau. Das gleiche gilt für Lyndon Johnson und Jack (John F. ) Kennedy. Die Ehefrauen von allen dreien wussten Bescheid, alle drei waren hochintelligente Frauen. Nur, sie mussten nicht mit der tagtäglichen Demütigung durch die Presse umgehen. Der Lewinsky-Skandal passierte in "real time", also während die Clintons im Weißen Haus waren. Die Affären von Kennedy zum Beispiel kamen erst nach seinem Tod ans Tageslicht.

Ihr Buch zeichnet ein Bild der Kennedys, das stark vom üblichen Bild abweicht.

Anfangs waren sich die Kennedys sehr fremd. Dann kamen sie sich näher. Und erst am Ende ist es ihnen gelungen, sich zu respektieren und eine richtige Ehe zu führen. Das ist vielleicht das Traurigste an ihrer Geschichte. Jackie und Jack haben mich überrascht. Keiner der beiden war am Ende so, wie ich vor der Recherche gedacht hatte. Über Jackie dachte ich, sie sei eher oberflächlich gewesen, so wie ein schönes Ornament. Sie war aber sehr intelligent und berechnend. Sie wusste sehr genau, wie sie ihre Position im Weißen Haus nutzen konnte und welche Macht sie hatte. Sie kreierte die Idee von "Camelot". Wenn wir heute an die Kennedy-Ära denken, fallen uns Schlagworte wie "Kultiviertheit", "Stil", "Bildung" "Eleganz" ein. Das waren nicht die Werte ihres Mannes, das war sie. Jack war clever, aber auch sehr leichtfertig und frivol.

Und er hatte Affären.

Wissen Sie, dass Jack schon in der ersten Nacht als Präsident, während des Präsidentschaftsballs, verschwunden ist, um eine gewisse Agnie Dickinson zu treffen? Einmal hat er mitten in einer Unterredung mit dem britischen Premierminister gefragt: "Ich weiß nicht, wie es mit Ihnen ist, aber wenn ich drei Tage lang keine Frau habe, krieg ich Kopfschmerzen. " Der war wie Clinton; seine Affären waren eine Art zwanghafter Handlung, die er mit seiner Ehe scheinbar nicht in Verbindung brachte. Nur das waren halt andere Zeiten als bei den Clintons.

Und Jackie?

Jackie war viel zu intelligent, als dass ihr das alles hätte entgehen können. Aber sie wusste, wo sie glänzen konnte. Während Jack das Derbe, die Mafia und so, liebte, umgab sich Jackie mit Künstlern, besuchte Freunde in schönen Villen. Sie liebte Geld. Sie war mit Geld aufgewachsen. Sie setzte einen neuen Modestandard und brachte Kultur und Kunst ins Weiße Haus. All das war Teil ihrer ganz eigenen Flucht vor der Realität. Wie so viele Kinder aus geschiedenen Ehen hatte sie schon früh gelernt, ihre Gefühle zu verbergen. Genau wie Jack war sie perfekt darin, eine Illusion zu schaffen.

Wie war die emotionale Bindung der beiden?

Schwierig. Beide lebten in ihrer eigenen Welt. Jackie hat einmal gesagt, dass sie sich zwar elegant, aber nicht sexy fände. Dabei hat sie wahrscheinlich die Meinung von Jack reflektiert. Ihn wiederum fand sie eher unkultiviert. Geliebt haben sie sich, glaube ich, anfangs nur, wenn sie sich während ihrer großartigen Auftritte gegenseitig bewundern konnten. Ihr Erfolg hat dann aber beide wirklich überrascht, und durch die Isolation im Weißen Haus sind sie sich zwangsläufig näher gekommen.

Warum haben die Medien die Kennedys nicht genauso behandelt wie die Clintons?

Eine andere Zeit, andere Standards und eine andere Moral innerhalb der Medien. Die Kennedys waren der letzte Flirt Amerikas mit dem Präsidentenpaar. Prinz und Prinzessin, und man gab ihnen einen Freibrief, diese Fantasie zu produzieren, ein Märchen vorzuführen. Sie waren Pin-ups. Dann ist Amerika aufgewacht. Mit dem Desaster von Vietnam und Watergate haben die Medien begonnen, das Weiße Haus mit Skepsis zu beobachten. Die Medien hatten aufgehört, dem Präsidenten quasi zu dienen. Präsident Woodrow Wilson beispielsweise konnte zu seinen Kumpels vom Pressekorps - übrigens alles Männer - noch sagen, "ich möchte kein einziges Bild sehen, auf dem ich von meinem Auto heraus in den Fahrstuhl gehoben werde", und kein einziges Bild in der Art wurde je veröffentlicht. Jackie Kennedy wurde nie beim Rauchen gezeigt. Sie rauchte Kette. Und Jack hatte ständig Rückenschmerzen, zum Teil von alten Kriegsverletzungen. Er war im Grunde ein sehr gebrechlicher Mensch, der nur das Image von Vitalität vermittelte.

Wie krank war er?

Er war manchmal vor Schmerzen fast bewusstlos. Er brauchte ständig Medikamente. Es gab da Dr. Feelgood, der eigentlich Max Jacobson hieß, ein Arzt, der ständig mit ihm reiste und ihm immer dann Spritzen verabreichte, wenn sich Kennedy schwach fühlte. Das waren Cocktails aus Amphetamin, Stereoiden, Hormonen, Zellen aus Tierorganen, und wer weiß noch was. Kennedy ist ja so jung gestorben, dass wir gar nicht wissen, welche Auswirkungen all die Medikamente gehabt hätten. Auch Jackie hat ab und zu, wenn sie zu erschöpft war, Spritzen bekommen. Als er vor den Spritzen gewarnt wurde, hat Jack einmal gesagt: "Und wenn es Pferdepisse wäre, wäre mir das egal - es funktioniert. " Gute Show war den Kennedys wichtig, und die Medien liebten die Kennedys.

Wie beurteilen Sie heute, dass die Medien die Clintons bis ins Schlafzimmer verfolgt haben.

Die Medien müssen eine Mitte zwischen früher und heute finden, so wie es vielleicht schon seit dem 11. September geschieht. Natürlich brauchen wir Medien, die aufrichtig sind, die keine Angst haben, die Wahrheit zu berichten. Wir wollen keinen Nixon mehr oder auch keine Edith Wilson. Stellen Sie sich das vor: 1919 erlitt Präsident Wilson gleich mehrere Schlaganfälle und war danach unzurechnungsfähig. Die First Lady führte hinter zugezogenen Vorhängen fünf Jahre lang die Staatsgeschäfte weiter, ohne dass die Öffentlichkeit davon wusste. Aber bei den Clintons gingen die Medien zu weit. Über die Behandlung der Clintons habe ich mit Lady Bird Johnson lange gesprochen. Sie hat gesagt, "wir schränken die Zahl der Kandidaten, die in diesem Land noch Präsident werden können, durch eine solche Berichterstattung dramatisch ein". Auch ihr Mann, Präsident Lyndon Johnson, war ja fremd gegangen. Sie hat gesagt, dass es doch viel wichtiger sei, Präsidenten an ihrem politischen Weitblick zu messen, als an ihren persönlichen Schwächen. Welche Art von Präsidenten werden wir in Zukunft haben, wenn die Medien so weiter machen wie bei Clinton.

In einem früheren Gespräch sagten Sie: "Jetzt haben wir George W. Bush, der sich als guter Ehemann und Vater gibt - ja, weil er vielleicht sonst nichts anzubieten hat. Oh Gott, ich darf nicht daran denken. " Sehen Sie die Bushs heute anders als vor dem 11. September?

Sie müssen verstehen, Amerika hat sich verändert. Und auch die Menschen haben sich verändert. Sie haben Angst. Alles wird neu bewertet. Ich glaube wirklich, dass die Bushs die schwierige Situation bis jetzt gut gemeistert haben. Sie haben beide gut reagiert. Wir haben natürlich nicht die Roosevelts im Weißen Haus. Aber George ist von erfahrenen Beratern umgeben, und Laura bietet ihm die stabile Basis, die es ihm erlaubt zuzuhören.

Was die Außenpolitik angeht, hat sich Bush um 180 Grad gedreht. Und ich bin froh darüber. Vor dem 11. September tat er alles, um wichtige internationale Abkommen, die den Weltfrieden sichern sollen, im Interesse der US-Wirtschaft zu beschneiden. Jetzt handelt er verantwortungsvoll. Trotzdem - wir dürfen nicht vergessen, dass dies nur der Anfang eines langen politischen Prozesses ist. Wer weiß, was noch kommt.

Was denkt das Volk jetzt über seinen Präsidenten?

Umfragen zeigen, dass die amerikanische Öffentlichkeit voll und ganz hinter ihm steht. In einer Krisensituation wie dieser, und das müssen die Europäer verstehen, steht das amerikanische Volk nicht hinter dem Mann im Weißen Haus, sondern hinter dem amerikanischen Präsidenten. Der Präsident wird zum Symbol für die ganze Nation.

Haben sich die Medien in den letzten Wochen verändert?

Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was für einen reinigenden Effekt der 11. September auf den allgemeinen Fokus der Medien hatte. Durch die veränderte Wahrnehmung wurde dieser ganze celebrity-stuff, das Feiern von Hollywood-Größen und solche Sachen, plötzlich unwichtig. Die Medien haben die Nachrichten wieder entdeckt. Osama Bin Laden hat, so gesehen, ein Wunder bewirkt: Amerika hat sich wieder auf seine wahren Stärken besonnen. Es geht nicht um Reichtum oder Konsum; Amerika steht für Freiheit und Sicherheit. Und dafür stehen eben auch die Präsidenten-Ehepaare.

Das Gespräch führte Stefan Elfenbein.

Kati Marton // AUTORIN UND JOURNALISTIN Kati Marton arbeitete als Deutschland-Korrespondentin für "ABC News". Später hatte sie ihre eigene Sendung beim National Public Radio. Sie schreibt für "The New York Times", "The New Yorker", "Talk Magazine" und "Vanity Fair" und veröffentlichte mehrere Bücher, darunter "Wallenberg: Ein Tod in Jerusalem" und "Die Polk Verschwörung".

SIE WAR mit ABC-Anchor Peter Jennings verheiratet und ist heute Ehefrau des ehemaligen Jugoslawien-Sondervermittlers Richard Holbrooke.

IN IHREM NEUESTEN BUCH "Hidden Power", "Versteckte Macht", vergleicht sie jetzt die Ehen der letzten zwölf US-Präsidenten. Manche dieser Ehen verliefen harmonisch, andere waren ein Desaster. Jede Ehe habe aber, schreibt sie, auf ihre Weise amerikanische Politik und Geschichte beeinflusst. Ein erfolgreicher US-Präsident, resümierte sie, brauche einen starken Partner.

LAURA BUSH, sagt die Historikern Kati Marton im Gespräch, erschien bis zum 11. September als eine der unscheinbarsten First Ladys in der amerikanischen Geschichte. Sie ist traditioneller als die meisten amerikanischen Frauen ihrer Generation. Sie ist eher ruhig, aber charmant. Sie liest gerne. Sie ist tatsächlich, was sie vorgibt, eine ganz traditionelle Ehefrau und Mutter. Und plötzlich hat sie die Aufgabe, ihrem Mann und der ganzen Nation, deren Nerven ja blank liegen, beizustehen. Sie wurde zur Mutter der Nation.

Die Bushs verkörpern "ein intaktes Zuhause", "Kinder", "Glaube", all die Werte, die Amerika seit dem Anschlag von seinem Präsidentenehepaar erwartet.