Textarchiv

Vater Hitler

Harry Mulisch hat sich den Führer privat vorgestellt: "Siegfried. Eine schwarze Idylle"

Stephan Speicher

Hitler in sexueller Erregung, das ist eine in höchstem Maße widerliche Vorstellung. Er und Eva Braun standen mitten im Zimmer, "einander zärtlich umarmend, sie im offenen Morgenmantel, er unbekleidet. Sein fleischiger, weißer Körper hatte etwas Lebloses, noch nie war er der Sonne ausgesetzt gewesen; nur seine Wangen und sein Hals besaßen etwas Farbe, doch die endete abrupt, so dass es aussah, als gehörte sein Kopf zu einem anderen Körper . ,Patscherl hörte sie ihn sagen." Eva Brauns Zofe, Julia Falk, kann sich gerade noch unbemerkt zurückziehen; sechzig Jahre später, in einem Wiener Altersheim, berichtet sie davon dem niederländischen Großschriftsteller Rudolf Herter.

Eine solche Szene möchte man auch aus Churchills Leben nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen. Doch im Falle Hitlers steht der private, darin schutzwürdige Charakter in einem besonderen, einem quälenden Verhältnis zu der historischen Wirkung der Person. Harry Mulisch, seinerseits ein niederländischer Großschriftsteller und nicht nur darin seiner Romanfigur Rudolf Herter ähnlich, zwingt uns diese Szene auf, die allerdings auch schon die unangenehmste seines neuen Buches "Siegfried" ist, weil er neu die alte Frage stellen möchte: Wer war Hitler?

Die Frage entwickelt sich aus einer Lesereise Herters. In Wien, wo er aus seinem Tristanroman lesen soll, spricht er bei einem Fernsehinterview über die künstlerische Fantasie. Sie sei nicht das, was "verstanden werden muss, als vielmehr etwas, womit man versteht." Die Fantasie ermögliche es, aufschlussreiche Situationen zu fingieren und bestimmte Personen dort hineinzustellen, um sich vorzustellen, wie sie sich dann verhalten. Und Herter nimmt nun Hitler in den Blick. Von allen Seiten habe ihn die Wissenschaft eingekreist. "Er ist das Rätsel geblieben, das er von Anfang an für alle war - nein: Er ist durch diese Studien immer rätselhafter geworden . Es wird Zeit, dass sich das ändert. Vielleicht ist die Fiktion das Netz, mit dem man ihn fangen kann."

Am Abend nach der Lesung tritt das Ehepaar Falk auf Herter zu. Das Fernsehinterview hat sie ermutigt, sie haben dem berühmten Schriftsteller etwas zu erzählen. Am nächsten Morgen besucht er die beiden in ihrem schäbigen Altersheim. Ullrich und Julia Falk haben als Diener auf dem Obersalzberg gelebt. Sie haben Hitler gekannt und sie haben etwas erfahren, was außer der allerengsten Entourage Hitlers niemand wissen durfte. Auch sie wurden erst eingeweiht, nachdem sie strengste Verschwiegenheit geschworen hatten, und auch Herter muss einen Eid ablegen, davon erst zu berichten, wenn die Falks tot sind:

Hitler hatte einen Sohn, Siegfried. Der Führer als Familienvater, das war undenkbar wie der Führer als Liebhaber. Also wurde das Kind dem Dienerehepaar Falk untergeschoben, und sie fügten sich. Auch Eva Braun fügte sich, wie sie sich fügte, als Hitler sie gegen Kriegsende nach Berlin in die Reichskanzlei bestellte. Und zuletzt fügte sich Ullrich Falk, als Bormann ihm den Befehl Hitlers überbringt, den Ziehsohn, das sechsjährige Kind, umzubringen, um eines Grundes willen, der ihm nicht genannt wird. "Herters Kinnlade klappte herunter. Wo war er? Das konnte unmöglich wahr sein. Neben sich hörte er Julia in ihr Taschentuch weinen."

"Noch nie habe ich eine schrecklichere und unbefriedigendere Geschichte gehört", sagt Herter. Die Erzählung seiner Gastgeber hat ihn in dem Eindruck bestärkt, in Hitler das unauflösliche Rätsel zu sehen. "Durch Nachdenken lässt sich keine Erklärung finden". Hitler, das ist die Leere, das Vakuum, in das die Lebensgänge seiner Umgebung stürzten. Jodl nannte Hitler ein "Buch mit sieben Siegeln", Herter überbietet das, als er, von den Falks zurückgekehrt, seiner Frau berichtet: "Ich habe diese Siegel heute zerbrochen, es stellte sich heraus, dass dieses Buch ein Blindband mit lauter leeren Seiten ist." Ein einziges Mal haben die Falks Hitler außer sich erlebt, nicht schauspielernd: als er des Nachts, aus einem Albtraum aufgewacht, "triefend vor Schweiß, mit angstverzerrtem Gesicht sagt: "Er . er . er war hier."

Für Herter ist der Vormittag bei den Falks der Blick ins Nichts gewesen. Seiner Frau Maria versucht er seine Deutung zu erklären. Hitler, "der eingeboren Sohn des Nichts". Nicht die Psychologie ist für den Fall zuständig, sondern die Philosophie und mehr noch die Theologie. Nietzsches Turiner Sturz in den Wahnsinn 1888, so kombiniert Herter, deckt sich zeitlich mit der Zeugung Hitlers, dieser Embryo hat die geistigen Kräfte seines missbrauchten Vorläufers aufgesogen. Nun müssen auch noch die Namen Platon, Kant und Heidegger die Hitler-Metaphysik stützen, zum Unwillen Marias. Noch am gleichen Nachmittag, seine Frau ist kurz ausgegangen, stirbt Herter. Seine letzten Worte, wie das Diktafon sie aufgenommen hat, müssen gewesen sein: "Er . er . er ist hier."

Es sind zwei Geschichten, die Mulisch erfunden hat, um seinen Gegenstand ins Netz zu bekommen, die Geschichte Siegfrieds und die Herters. Doch die Figur Siegfrieds taugt nicht viel zu diesem Zweck. Aus dem Tagebuch Eva Brauns erfahren die Leser später, dass Hitlers Sohn das Opfer Himmlers wurde. In der Angst, Hitler könne sein Kind später anerkennen und zum Nachfolger ernennen, ließ Himmler Dokumente fälschen, die Eva Braun eine jüdische Urgroßmutter andichteten. Darauf gab Hitler den Mordbefehl, eine Anordnung, die innerhalb seines Wahnsystems kaum überraschend ist und also auch nichts Neues - wenn man sich denn auf die poetische Methode Mulischs einlassen will.

Die Erzählung aber von dem erschütterten Schriftsteller inklusive des widergängerischen Albtraums springt viel zu schnell ins Philosophische. Was da über Heidegger, Platon und Kant so kurzum erzählt wird, das geht durch keinen Schulfunk. Und weil nun schon der erzählerische Kern, der Siegfried-Bericht so matt ist, lässt sich auch die intellektuell exaltierte Reaktion darauf so schwer ertragen. Es sprechen der Autor, sein Schriftsteller-Kollege, ein Dienerehepaar und aus ihrem Tagebuch sogar Eva Braun, doch jedes Mal ist es der gleiche Ton. Da klappt die Kinnlade nicht herunter. Wo die literarische Versuchsanordnung für die historische Wirklichkeit nicht fein genug ist, will man auch nicht glauben, dass die Empirie an ihr Ende gekommen sei und die Theologie einspringen müsse.

Gewiss ist das ironisiert durch den Schluss des kleinen Romans. Herter, der sich in die metaphysische Hitler-Deutung hineingesteigert hat, stirbt an einem Infarkt, vielleicht hat ihn der Böse geholt. Aber damit ist dem tragenden Gedanken des Buches nur eine Tapetentür geöffnet, durch die er verschwinden kann und Mulisch berechtigt ist, mit den Achseln zu zucken.

So klug sind wir aber auch ohne Mulisch schon gewesen. Dass Hitler eine kaum fassbare Figur ist und das Böse seines Lebens unbegreiflich - wer wüsste das nicht? "Blick auf eine Unperson" hat Joachim Fest ein Kapitel seiner Hitler-Biografie überschrieben, die auch Mulisch offenbar studiert hat; dort findet sich nahezu alles, was "Siegfried" uns nahe bringen will. "In gewisser Weise ist Hitler einfach nicht menschlich - unangreifbar, unanrührbar" notiert Magda Goebbels, eine seiner größten Bewunderinnen, schon Anfang der dreißiger Jahre. Sie stand nicht allein mit diesem Eindruck. So erklärt sich auch, warum Hitler kein Gegenstand der Dichtung ist. Seine Unperson, sein Nebelhaftes, Unangreifbares hat in sich jenes tief Beunruhigende, das durch die Arbeit der Fiktion nur falsch beruhigt werden kann.

Harry Mulisch: Siegfried. Eine schwarze Idylle. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. C. Hanser Verlag, München 2001. 191 S. , 35 Mark.