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VOR 40 JAHREN: DIE BERLINER MAUER: SPANIEN-MAROKKO

Die "Festung Europa" verriegelt ihr Tor nach Afrika

Martin Dahms

MADRID, im August. Ceuta ist eine Versuchung. Ein europäischer Außenposten auf afrikanischem Boden mit einem zwölfmal höheren Pro-Kopf-Einkommen als im benachbarten Marokko; eine spanische Stadt und damit ein Stück Schengen-Land - dass Ceuta junge Afrikaner anzieht, versteht sich von selbst.

Doch das Tor in die "Festung Europa" ist fest verschlossen. 800 Marokkaner wurden allein in den letzten Juli-Tagen in Ceuta von der Guardia Civil festgenommen. Während der Ferienzeit, in der Hunderttausende ihrer in Spanien, Belgien oder Deutschland lebenden Landsleute zu Besuch in die Heimat zurückkehren und mit voll bepackten Wagen über Ceuta nach Marokko einreisen, hatten sie versucht, das Gewimmel am Grenzübergang auszunutzen. Es blieb beim Versuch.

Die achteinhalb Kilometer lange Trennlinie zwischen der Halbinsel Ceuta und dem Rest des afrikanischen Kontinents gehört zu den bestgesicherten Grenzen der Welt. Auf einem Betonsockel ziehen sich von Küste zu Küste im Abstand von zwei Metern zwei Zäune durch das Bergland, 3,20 Meter hoch, stacheldrahtbewehrt vom Fuß bis zur Krone. Von 25 Wachtürmen aus beobachten Beamte der Guardia Civil den Grenzstreifen. 42 ferngesteuerte Kameras sind installiert. Bei Dunkelheit beleuchten 100 Flutlichtlampen die Szenerie. Mit Nachtsichtgeräten können die Grenzer einen Kilometer weit nach Marokko hineinschauen. Mikrofone belauschen jedes Wort bis in 400 Meter Entfernung. Sensoren unter dem Weg zwischen den Zäunen schlagen Alarm, wenn sich doch jemand bis hierher durchgeschlagen hat.

Ende 1996 trieben spanische Soldaten erstmals 1,50 Meter hohe Pflöcke in die Erde und spannten dazwischen Stacheldraht auf, um die Migranten fern zu halten, die in immer größerer Zahl durch das damals noch halb geöffnete Tor nach Europa zu schlüpfen versuchten. Doch kommerzielle Fluchthelfer wussten, an welcher Stelle und in welchem Moment die Grenzanlagen am besten zu überwinden waren. Die Zahl der Armutsflüchtlinge, die sich in den Lagern der Stadt zusammendrängten, wuchs.

Im Herbst 1999 rückten schließlich Bautrupps an, um Ceuta und damit die EU mit einem Hightechzaun vor dem Rest der Welt zu verschließen. 700 Menschen pro Tag hatten im Schnitt versucht, den alten Zaun zu überwinden, 300 war es auch gelungen. Heute, mit dem neuen Zaun, werden nur noch fünf bis sechs Versuche am Tag registriert. Nicht mitgerechnet die Leute, die es direkt am Grenzübergang probieren und dabei in der Regel genauso erfolglos bleiben wie die 800 Marokkaner Ende Juli.

Der einzige Schleichweg, der heute noch nach Ceuta oder ins 240 Kilometer entfernte Melilla führt, geht übers Meer. Den nehmen vor allem Asiaten und auch einige Maghrebiner. Doch die meisten, Schwarzafrikaner ebenso wie Marokkaner, vertrauen sich leichten Holzbooten an, die sie über die Straße von Gibraltar an die Küsten Andalusiens oder über den Atlantik auf die Kanarischen Inseln bringen sollen. Fast 800 dieser "pateras" sind von den Küstenwachen im vergangenen Jahr entdeckt worden. Sie hatten 15 000 Männer, Frauen und Kinder an Bord, viermal mehr als im Vorjahr. Die Flucht ist ein Spiel auf Leben und Tod. Mehr als 50 Boote kenterten, 1 000 Menschen zog die Guardia Civil lebendig aus dem Wasser. Aber sie fand auch 55 Tote, und 47 Menschen wurden von Mitflüchtlingen als vermisst gemeldet.

ZEITENSPIEGEL/IVO SAGLIETTI Von Küste zu Küste zieht sich der Maschendrahtzaun durch die bergige Landschaft. Er riegelt die Halbinsel von Ceuta vom marokkanischen Hinterland ab.