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Verdacht auf Staatskunst

Dem Bundeskanzleramt bedenklich nah: Olaf Metzels Entwurf für eine Skulptur

Ingeborg Ruthe

Der Bildhauer hat Sand in den Schuhen. Stundenlang durchquerte er am Donnerstagabend wieder einmal die große Brache zwischen Lehrter Stadtbahnhof, Bundeskanzleramt und Schweizer Botschaft, dieses Stück märkischer Streusandbüchse mit steiler Böschung hinab zur Spree.

Abermals nahm Olaf Metzel mit Augen Maß, so als müsste er sich wieder und wieder versichern, dass sein Skulpturen-Entwurf "Niemandsland" auch wirklich passt, dass die Arbeit, mit der er einen bundesweiten Kunstwettbewerb gewann und die dem Deutschen Bundestag immerhin 1,5 Millionen Mark wert ist, richtig ist an diesem Ort. Ausgerechnet ins Bundesforum, dessen Architektur - vor allem das Kanzleramt - für Metzel eher Festungen darstellt, hat ihn sein künstlerischer Ehrgeiz verschlagen. Er kann es nur schwer ertragen, dass die Stahlskulptur des bewunderten Bildhauerkollegen Eduardo Chillida vor der Kanzleramtsfassade bloß als Schmuck benutzt wird: "Sie wirkt wie eine Anstecknadel am Jackett."

Hierher, in den südlichen Spreebogen, direkt an den Fluss, will Olaf Metzel seine etwa 13 Meter hohe Skulptur setzen. Sie soll einem gewaltigen, in der Mitte zerschnittenen und leicht aus dem Gleichgewicht geratenen Knäuel ähneln. Dieses im Querschnitt 12 Meter messende Gebilde wird aus Stahlsträngen geformt und auf seinem beleuchteten Sockel außerdem von innen her angestrahlt. Durch das Licht, so geht es aus der Computersimulation hervor, bekommt die zerschnittene Kugel eine Gitterstruktur. Gitter sind durchlässig, man kann durch sie hindurchsehen. Gitter können aufbrechen. Gitter können auch ein Netzwerk symbolisieren.

Olaf Metzel ist eher dafür bekannt, mit sperrigen Stahlteilen und rabiat mit der Flex zu hantieren. Zumindest den West-Berlinern ist er als Künstler geläufig - vom Skulpturenboulevard am Kudamm 1987 her, mit seiner Skulptur aus Polizeisperren. Damals flogen Pflastersteine gegen die Installationen und brave Bürger verlangten, das Chaotenwerk solle sofort weggeräumt werden. Metzel kann nicht leugnen, dass es ihm diesmal um eine ausgesprochen ästhetische Symbolik geht. Er braucht diese starke Zeichenhaftigkeit; mit ihrer Hilfe will er Kritik üben an der Architektur der Bundesbauten - er benutzt sie, um eine Metapher für die Demokratie zu finden, wie er sie versteht. Das erklärt auch dieses dramatische Moment der Peripetie, das er der Skulptur zumuten will, indem er sie am äußersten Ende des Sockels postieren wird: Der Betrachter hat so immer die Gefahr vor Augen: das labile Gleichgewicht einer Demokratie, die Möglichkeit eines jähen Absturzes - in diesem Falle in die Spree.

Nach seinem Spaziergang ist Olaf Metzel ins Haus der Kulturen der Welt gekommen, dort warten ein Architektur-Podium und viele Gäste auf ihn. Weil die Zeit knapp ist, lässt er den märkischen Sand in den Schuhen - auf diese Weise bleibt er mit dem Ort seiner Arbeit verbunden. Vielleicht hilft das ja auch, zu argumentieren, denn sein wettbewerbsgekürter Skulpturenentwurf steht im Verdacht, "Staatskunst" zu sein, und das geht Metzel, dessen provokante "Stammheim"-Arbeit erst kürzlich im Kunstverein Stuttgart weggeräumt wurde, gewaltig gegen den Strich. Von einem Denkmal mag er nicht reden, dass sein Entwurf "Staatskunst" sei, höre er zum ersten Mal, sagt der in Berlin geborenen, in München lebende Bildhauer laut und vernehmlich in den Saal.

Jemand merkt an, dass sich nur die Herrscher früherer Jahrhunderte auf die pädagogische und moralische Wirkung ihrer Denkmäler wirklich verlassen konnten. Ein anderer wirft einen Musil-Satz ein: "Auch Denkmäler müssen sich heute etwas mehr anstrengen!" Doch auch Metzel hat nachgedacht: darüber, für wen er seine Arbeit im - übrigens durch Privatisierung immer rarer werdenen - öffentlichen Raum eigentlich mache und wer den von Schweizer Landschaftskünstlern angelegten Park, in dem sein "Niemandsland" aufgestellt würde, überhaupt nutzen werde. Der Bildhauer zählt auf: Bundespolitiker und ihre Gäste, Touristen - und Leute aus dem Arbeiterbezirk Alt-Moabit, die möglicherweise über viel Zeit verfügen, weil sie keine Arbeit mehr haben. Daraufhin meint die Berliner Kunstwissenschaftlerin Barbara Straka, die auch Mitglied der Wettbewerbsjury war: "Wenn schon Staatskunst, dann die von Metzel!" Und Monika Griefahn, die Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, freut sich, wie sie auf dem Podium versichert, dass mit Metzel ein Künstler im Spreebogen tätig werde, der die Meinungen über Kunst polarisiere. Einer Demokratie, die sich Kunst und den Streit über Kunst leiste, könne ja wohl nichts Besseres passieren.

Niemansland // Der Bildhauer Olaf Metzel, 49, gebürtiger Berliner, Wahlmünchener und Lehrer an der dortigen Kunstakademie, wurde als provokanter Künstler bekannt mit "Randale-Denkmal", Kudamm-Boulevard 1987, und "Meistdeutig", 1992 vor dem Bonner Bundestag. Er erhielt vom Bundestag den Auftrag für die Skulptur "Niemandsland" im Spreebogen.

Im Jahr 2002 soll die Arbeit, deren Entwurf bereits als Computersimulation öffentlich wurde, für rund 1,5 Millionen Mark realisiert werden.

KATALOG METZEL/INSTITUT MATHILDENHÖHE DARMSTADT Denk-Mal? Zeit-Zeichen? Computersimulation von Metzels Spreebogen-Globus als Stahl-Netzwerk auf der Kippe.