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Report einer Verzweiflung

Alfred Herrhausen und Wolfgang Grams in einem Film von Andres Veiel

Christian Bommarius

Terror lässt sich beschreiben, begründen lässt er sich nicht. Die so genannten Bekennerschreiben, die die Rote Armee Fraktion (RAF) in den 70er- und 80er-Jahren nach jedem Mordanschlag den Nachrichtenagenturen überreichte, waren erschütternde Dokumente einer wild gewordenen Sprachlosigkeit, gestammelte Manifestationen eines Wahns, der die Welt auf keinen Begriff mehr bringen konnte und sie darum für wahnsinnig erklärte. Nicht die Welt ist die Projektionsfläche des Terroristen, sondern das eigene Ich, der Abgrund, den er mit Bomben sprengt, ist schon immer der Abgrund, in den er am Ende selbst kopfüber stürzt. Von diesem (selbst-) mörderischen Schwindelgefühl hat der russische Terrorist Boris Savinkov berichtet, ehe er sich im Mai 1925 mit einem Sprung aus dem fünften Stock des Lubjanka-Gefängnisses zu Tode brachte: "Man blickt in den Abgrund, es wird einem schwindlig, und doch fühlt man die Sehnsucht, in den Abgrund zu stürzen, obwohl man weiß, dass das den sicheren Tod bedeutet."

Der Terrorismus behauptet sich stets als historisch notwendig, die Bomben, die er wirft, zerfetzen nie Personen, keine Väter, keine Hausfrauen, keine Kinder, sondern immer Repräsentanten, Funktionäre und Symbolfiguren, die keinem Mord, sondern der revolutionären Tat zum Opfer fallen. Wie der Terrorist hat auch sein Opfer als Subjekt zurückzutreten, das Individuum zu verschwinden, wenn die Geschicke walten. Die Verdinglichung der Welt, gegen die die RAF sprichwörtlich und tatsächlich zu Felde zog, die Vernutzung, das Verschwinden des Ich (im global gewordenen Kapitalismus) war von Anfang an das Urteil, das die Terroristen über sich und ihre Opfer gesprochen hatten.

Gegen dieses Urteil hat Andres Veiel mit seinem Dokumentarfilm "Black Box BRD", der Ende des Monats in die Kinos kommt, eine bemerkenswerte Revision eingelegt. Er gibt einem Täter - dem im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen unter ungeklärten Umständen getöteten RAF-Terroristen Wolfgang Grams - und einem Opfer - dem im November 1989 von der RAF ermordeten Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen - das Gesicht zurück. Veiel, ein erfahrener Dokumentarfilmer, erklärt nichts, er rechtfertigt nichts und klagt nicht an, er lässt allein den Terroristen und das Opfer von Freunden, Kollegen und Hinterbliebenen im besten Wortsinn zur Sprache kommen. Und nur in der Sprache - nicht im Gestammel der Terroristen, nicht in den Kommentaren der öffentlichen Meinung - erscheint der Mensch. So viele Stimmen, so viele Worte und am Ende drei Gesichter. Zwei gehören Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen. Das dritte gehört der Bundesrepublik der 70er- und 80er-Jahre.

Zu Beginn scheint es, als sei Veiel selbst dem Sehfehler erlegen, der zum Selbstverständnis der "Rote Armee Fraktion" gehörte. Nicht Alfred Herrhausen kommt in den Blick, sondern der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der "Herr des Geldes", einer der mächtigsten Wirtschaftsführer der damaligen Bundesrepublik, von dem die Schwester sagt, er sei dazu erzogen worden, anders zu sein als "die Masse", und ein früherer Klassenkamerad, auf der bayerischen NSDAP-Eliteschule sei er "ein guter Truppführer" gewesen. Ganz anders Wolfgang "Gaks" Grams, kunstsinniger Sprössling eines Wiesbadener Kleinbürgerhauses, dem der Zuschauer das erste Mal am Strand begegnet - ein Super-8-Film zeigt ihn mit Bruder Rainer beim heiteren Spiel in den Dünen.

Aber die öffentliche Person, als die Herrhausen dem Zuschauer zunächst gegenübertritt, ist nicht die, die am 30. November 1989 auf dem Weg zu einer Vorstandssitzung mit einer Bombe getötet wird. Vor allem in den Worten seiner Frau entsteht das Bild eines politisch hochsensiblen Menschen, der Globalisierung nicht nur als Möglichkeit gesteigerten Profits begriff, sondern zugleich als erhöhte Verantwortung - den Schuldenerlass für Länder der Dritten Welt forderte er ebenso vehement wie vergeblich. Mit den Worten seines Freundes Pater Augustinus: "Was ist ein System wert, dass in einer so entscheidenden Frage zu kurz greift oder versagt?"

Die Frage hat nicht nur Herrhausen beschäftigt. Die Antwort, die Wolfgang Grams sich darauf gegeben hat, diente ihm zur Legitimation des Terrors. Je intensiver der Film sich mit der Frage beschäftigt, was Grams zum Terroristen werden ließ, desto trostloser wirken die Äußerungen seiner alten Genossen von der "Sozialistischen Initiative Wiesbaden", die alle mit der Zeit Wolfgang Grams den Rücken kehrten. Die Kamera zeigt ratlose Blicke, und die Worte, die die alten Weggefährten für "Gaks" finden, bezeugen vollkommene Entfremdung. Einer entrollt ein Transparent aus frühen Zeiten und erklärt, wie Grams auf ihn eingeredet habe, Terrorist könne nur einer sein, der sein Opfer derart hasse, dass er es mit bloßen Händen erwürgen könne. Niemand versucht, den Hass, der Grams mit der Zeit überwältigt haben muss, zu erklären, die Freunde nicht und schon gar nicht die Eltern. Gestorben ist ihr Sohn zwar erst am 27. Juni auf den Gleisen in Bad Kleinen, aber verloren hatten sie ihn schon lange zuvor - an wen, an was, das haben sie bis heute nicht verstanden.

Die Biografien von Alfred Herrhausen und Wolfgang Grams berühren sich nicht. Grams ist - nach der Genanalyse eines Haares - zwar verdächtig, an der Ermordung Carsten Rohwedders beteiligt gewesen zu sein, seine Mitwirkung am Mordanschlag auf Herrhausen aber ist durch nichts belegt. Obwohl sich also die beiden Lebenswege vermutlich niemals kreuzten, führt der Film sie plausibel zusammen. In ihm erscheinen Grams und Herrhausen als zwei Exponenten der alten Bundesrepublik, die nur durch das verbunden waren, was sie trennte - zwei Extreme, die sich im Äußersten berührten. Und was sie zu verbinden schien, das war der Abgrund, der zwischen ihnen lag - beide wollten sie das Unbedingte, beide sind gescheitert, der eine am Verhandlungstisch, der andere nicht erst auf dem Bahnhof von Bad Kleinen.

Jede Gesellschaft ist eine "black box", man kennt den Input, kennt den Output, von der Beziehung zwischen beiden aber ist nur sehr wenig bekannt. Die "black box", die die Bundesrepublik vor zwanzig, dreißig Jahren gewesen ist, kann auch nicht Veiels Film erklären. Doch gibt er einen Begriff davon, wie sich die bundesdeutsche Gesellschaft damals selbst empfand. Herausgekommen ist eine "tragédie humaine", eine Verzweiflung in 102 Minuten.

Black Box BRD // Deutschland 2001 102 Min. , Farbe Buch und Regie Andres Veiel Kamera Jörg Jeshel Montage Katja Dringenberg Produzent Thomas Kufus Eine Produktion der film zero in Koproduktion mit hr, SWR und arte Kinostart am 31. Mai 2001 Gesprächspartner Traudl Herrhausen (Witwe von Alfred Herrhausen), Rainer Grams (Bruder von Wolfgang Grams), Werner und Ruth Grams (Eltern von Wolfgang Grams), Hilmar Kopper (Aufsichtsratsvorsitzender Deutsche Bank), Helmut Kohl (Freund von Alfred Herrhausen), Wolfgang Grundmann (Ex-RAF-Mitglied) u. a.