Textarchiv

Die tiefsten und innigsten Probleme

Zum Tod des Dirigenten Giuseppe Sinopoli in der Deutschen Oper Berlin

Klaus Georg Koch, Peter Uehling

Drei Tage nach seinem Tod in Berlin ist die Leiche des Dirigenten Giuseppe Sinopoli in Rom aufgebahrt. Die Bevölkerung hat vom Sonntag an Gelegenheit erhalten, auf dem Kapitol Abschied von Sinopoli zu nehmen. Heute sind die Beerdigungs-Feiern in der römischen Kirche Santa Maria degli Angeli vorgesehen, an denen auch Italiens Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi teilnehmen soll. Sinopoli hatte am Freitag in der Deutschen Oper während seines Dirigats der "Aida" gegen Ende des dritten Akts einen Herzinfarkt erlitten. Bewusstlos wurde er in das Deutsche Herzzentrum eingeliefert, wo sein Tod um 23.15 Uhr festgestellt wurde.

In Berlin gedachte die Staatsoper Sinopolis vor ihrer Aufführung des "Fidelio" am Samstag mit einer Schweigeminute; Kent Nagano und das Deutsche Symphonie-Orchester widmeten ihr Konzert am gleichen Abend in der Philharmonie dem Verstorbenen. In Dresden, wo Sinopoli Chef der Staatskapelle war und Opernchef hätte werden sollen, nannte der Intendant Christoph Albrecht den plötzlichen Tod einen "großen Schicksalsschlag". Die Bayreuther Festspiele reagierten "mit Fassungslosigkeit". In 15 Spielzeiten und 93 Aufführungen habe Sinopoli dort gewirkt, schrieb der Festspielleiter Wolfgang Wagner. Im Sommer hätte Sinopoli wieder den "Ring des Nibelungen" dirigieren sollen. In Bayreuth und in Dresden berieten beide Häuser noch am Samstag in Krisensitzungen. Der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi sagte: "Ein großer Italiener hat uns verlassen."

Mehr als andere Dirigenten ist Giuseppe Sinopoli als Gestalt berühmt geworden. Sinopoli wurde am 2. November 1946 in Venedig geboren. Dort begann er 1965 mit dem Musik- und Kompositionsstudium, gleichzeitig studierte er in Padua Medizin, später Psychiatrie und Kriminalanthropologie; vor kurzem schloss er eine zweite Dissertation in Archäologie ab. Von 1968 an besuchte Sinopoli die Sommerkurse in Darmstadt bei Bruno Maderna und Karlheinz Stockhausen. Ab 1972 belegte er Dirigierkurse in Wien bei Hans Swarowsky. 1975 gründete er das Ensemble Bruno Maderna und arbeitete von da an sowohl als Komponist wie als Dirigent. 1981 wurde in München seine Oper "Lou Salomé" uraufgeführt.

Der internationale Durchbruch als Dirigent gelang im Februar 1980 an der Deutschen Oper Berlin mit Verdis "Macbeth". 1983 wurde Sinopoli Chefdirigent des Philharmonia Orchestra London. Bis 1987 war er Chef des Orchesters der Accademia di Santa Cecilia in Rom, seit 1992 ist er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Seine Zusage als Musikdirektor der Deutschen Oper hatte Sinopoli 1990 im Streit mit Götz Friedrich wieder gelöst. Die Aufführung der "Aida" am Freitag war als Dokument der zwischenzeitlichen Versöhnung gedacht; im Programmheft widmete Sinopoli dem verstorbenen Götz Friedrich dieses Dirigat.

Der etwas wohlfeilen Etikettierung seiner Arbeit als "psychoanalytisch" hat Sinopoli widersprochen, "das Erscheinen des Sakralen ist für mich beispielsweise ein viel wichtigeres Thema als die Psychoanalyse" sagte er selbst. Gewiss aber hatte Sinopolis Kunst eine starke Prägung von Bildung im Sinn des späten 19. Jahrhunderts. Anamnese, Analyse und Archäologie, die Schlüsselbegriffe seiner vielfältigen Studienfächer, sind die entscheidenden Kategorien seiner Arbeit, und in diesem Sinn ist es auch zu verstehen, wenn der Dirigent sagt, Kunst sei ihm "immer das Darstellen der tiefsten und innigsten Probleme der Menschheit" gewesen.

In besonderer Weise lagen Sinopoli die Werke von Wagner bis Berg, vor allem des Wiener Fin de siècle und ihre Mischung aus detaillierter Konstruktion und schwerem Klang. Der Bayreuther "Ring" des vergangenen Sommers wird als "breit" beschrieben, einige glaubten, neue Details dadurch zu erkennen. Sinopolis "Frau ohne Schatten" an der Semperoper zeichnete sich durch die Klarheit und Gelassenheit aus, mit der der ungeheure Klang- und Stimmenreichtum von Strauss Partitur ausgebreitet wurde. In den Aufnahmen etwa von Zemlinskys "Lyrischer Symphonie" oder Mahlers Sechster gibt es auch in der größten Raserei keine flüchtigen Töne, alles wirkt intensiv geformt, kraftvoll und tief geerdet und besitzt dadurch eine seltene rhetorische Gewalt. Dieser Ausdruck aber ist von Schwelgerei wohl zu unterscheiden und wird durch exakte Phrasierung und aufmerksames Verfolgen der Hauptstimmen zur Ordnung gerufen.

Den Kopfsatz der Sechsten nimmt Sinopoli konkurrenzlos langsam. Die Wucht aber, mit der er die Bässe ihre Marschtritte spielen lässt, macht nicht nur großen Effekt, wenn sie einmal ausbleiben und die kreischenden Stimmen in der Luft hängen, um wenig später wieder unter den Stiefel zu kommen, sondern macht den grimmigen Wahrheitsanspruch auf beinah physisch spürbare Weise deutlich. Dafür führt er das Andante moderato, das bis zu Karajans Aufnahme als Intermezzo unter den Tisch fiel, in geradezu mystische Dimensionen. Wo Karajan dann seiner Entdeckung des Gewichts dieses Satzes doch wieder untreu wird, indem er die Anschlüsse der Teile fließend überspielt, verzögert Sinopoli diese Schnittstellen auf das Äußerste und führt mit jedem Tonartenwechsel in eine höhere Zelle der Erleuchtung. Dann bringt uns, gegen Ende, eine ungeheure Aufwallung des in der Höhenluft schon fast vergangenen Weltschmerzes, in die Welt zurück: Ein einziger, riesiger und bis zuletzt gespannter Bogen führt zur seligen Erschöpfung des Schlusses.

Sinopoli widmete seine "Aida" Götz Friedrich: // Mit Götz verband mich eine Freundschaft, die weder förmlich noch oberflächlich war; gemeinsam war uns die radikale Betrachtungsweise menschlicher Existenz, kompromisslos und ohne Einschränkungen.

"Ich möchte die Deutsche Oper nicht verlassen, ohne gemeinsam mit dir in jenem Theater noch einmal das zu erleben, was wir am besten können, wofür wir geboren sind", sagte Götz Friedrich zu mir. Ich umarme ihn wie in alten Zeiten. Wir entschieden uns für die "Aida". Vielleicht war es das Schicksal, das uns auf jene erhabene Stelle hinweisen wollte, die die Oper beschließt: "Oh terra addio, addio o valle di pianti, sogno di gaudio che in dolor svanì. " ("O Welt, lebe wohl, lebe wohl, Tal der Tränen, Traum der Freude, der in Schmerzen sich löste. ") Wir waren glücklich, zusammen nach Berlin zurückkehren zu können, zusammen die nicht fassbare Spannung der Proben zu spüren, in der man jenen Augenblick in Erfahrung zu bringen sucht, in dem Musik und Theater zur Notwendigkeit werden, zu einer Version von Welt, in der sie sich zu größter dionysischer Ausdruckskraft im Sinne Nietzsches erheben, und in dem man im selben Augenblick ihre Vergänglichkeit und ihre Verwandlung in Erinnerung erkennen muss.

All das wird nun ohne ihn, aber für ihn geschehen. Ihm widme ich die Empfindungen, die mir an jenem Abend geschenkt sein werden .

Wenn Götz mich heute zum Pult begleitet, wird es mir scheinen, als wiederhole er mit klarer, überzeugender Stimme die Worte des Ödipus von Sophokles, die er, bevor er die Szene verlässt, an die Menschen von Kolonos richtet: ". Du und diese Stadt. das Schicksal sei Euch gnädig, und im Wohlergehen erinnert Euch immer mit Freude an mich, wenn ich tot sein werde. "