Textarchiv

Abteilung Sitzfleisch

Martin Kessels Büro-Roman aus dem letzten Jahr der Weimarer Republik

Detlef Grumbach

Die Menschen "leben zusammen wie die Beine eines Tisches". In einer "Atmosphäre aus Staub und Routine" bemühen sie sich, "sachlicher wie eine Türklinke zu sein". "Es könnte endlich etwas geschehen", meint Herr Brecher und antwortet auf die Frage nach dem Was: "Nichts. Aber das ist es ja eben, dass hier in der einfachsten Weise unaufhörlich nichts geschieht. Nichts und geschieht - so unmöglich ist dieses Dasein. " "Herrn Brechers Fiasko", der Debütroman des 1990 in Berlin gestorbenen Martin Kessel, ist erstmals 1932 erschienen. Zum hundertsten Geburtstag Kessels in diesem April liegt er jetzt in einer Neuausgabe vor - ein faszinierender Roman eines Autors, der in den Literaturgeschichten ein Schattendasein führt. Die beiden Antagonisten Herr Brecher und Dr. Geist treten zu Beginn des Romans ihren Dienst in der Propaganda-Abteilung der UVAG an, der dem Hugenberg-Konzern nachempfundenen "Universale-Vermittlungs-Aktien-Gesellschaft". Geist will es zu etwas bringen, schmeichelt sich bei Vorgesetzten ein und steigt zum Abteilungsleiter auf. Brecher dagegen begegnet den Verhältnissen mit sarkastischen Sprüchen ("Arbeiter sind wir, Abteilung Sitzfleisch!") und absonderlichem Verhalten. "Dasitzen nämlich, tagaus tagein, ohne zu wissen, wie lange noch; Propaganda treiben und nicht wissen, wofür; angestellt sein, aber monatlich kündbar; es ist nicht ausgeschlossen, dass Herr Brecher in dieser Zwangslage etwas zu spüren vermeint, das menschenunwürdig ist. " Brecher provoziert Vorgesetzte und Kollegen mit bissigen Kommentaren und ist doch alles andere als ein Kämpfer; dient Kessel eher als Seismograph für die Erschütterungen der Gesellschaft.

Im Gegensatz zu Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun" verzichtet Kessels Angestellten-Roman auf einfachen Realismus und jegliche Sozialromantik. "Herrn Brechers Fiasko" trägt im Absurden des Büros kafkaeske Züge und erinnert in seinem analytischen, distanzierten und ironischen Stil zugleich an Hermann Kesten, besonders an dessen im selben Jahr erschienenen Roman "Der Scharlatan". Das Geschehen ist auf merkwürdige Weise aus der Zeit gehoben, die Büroarbeit konkreten Inhalten, Zielen oder Bezügen entkleidet. In dieser Abstraktheit spiegelt es die Krisenerfahrung der Menschen am Ende der Weimarer Republik am genauesten wider. Sie "wollen leben um jeden Preis, leben, nur leben", räsoniert Brecher, "sei s mit nur einem Bein, sei s mit der halben Lunge, und erlaubte es die Natur, sie täten es ohne Kopf. Kopflos leben, das tun sie am liebsten". In der automatenhaft laufenden Routine des Büros besteht Brecher auf einer Individualität, die ihn immer wunderlicher werden lässt und Schritt für Schritt an den Rand drängt. Er will "was morsch ist, stürzen sehen" und läuft mit einer Zange herum, um Konsequenzen ziehen zu können. Der Firma jedoch, so Dr. Geist, stehe "vertraglich ein berechtigter Anspruch auf eine kommentarlose Gegenleistung" zu. Kaum etwas verbindet die ehemaligen Freunde noch. Brecher wird von Geist entlassen.

Auf 550 Seiten erlebt der Leser die ins Leere laufende Geschäftigkeit der Abteilung Propaganda, die weit verzweigte, der Dämmerung und der Nacht vorbehaltene Sphäre des "Privaten", der "heimlichen Schande" und am Ende eine beinahe surreal anmutende Zuspitzung der sozialen Konflikte bei der UVAG. "Ein Gespenst geht um in Europa" - in deutlicher Anspielung auf diesen ersten Satz des "Kommunistischen Manifests" und in deutlicher Distanz zu seinem revolutionären Impetus - geistert Brecher schließlich als heruntergekommenes Gespenst durch Berlin: Während sich in Begriffen wie "Führer", "Heil" und "Menschenmaterial" der Nationalsozialismus andeutet, Arbeiter streiken und Bomben zünden, sucht Brecher eine Ambulanz auf, um sich retten zu lassen.

Martin Kessel hat mit Brecher keinen Helden gestaltet. Ein Held war auch der Autor nicht. Nachdem er im Alter von 20 Jahren seinen ersten Lyrik-Band, "Mensch-Werdung", herausgebracht, einige Novellen und schließlich 1932 diesen ersten Roman vorgelegt hatte, blieb er während des Nationalsozialismus still und unauffällig in Deutschland. In den sechziger Jahren erschien dann das opulente Gegenstück zu "Herrn Brechers Fiasko", der im Berliner Künstlermilieu angesiedelte, parodistisch überzogene "Wirtschaftswunder-Roman" "Lydia Faude", der ebenfalls in einer Neuausgabe erscheinen soll.

Martin Kessel: Herrn Brechers Fiasko. Roman. 560 Seiten, Schöffling, Frankfurt am Main 2001, 560 S. , 49,80 Mark.