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Wohin fährt der Nachbar jeden Morgen?

Emmanuel Carrère rekonstruiert ein Berufsleben, das keines ist

Manuela Reichart

Das Leben schreibt bekanntlich die besten und auch die grauenvollsten Geschichten. Dass trotzdem nicht jedes dramatische Zeitungsereignis sich literarisch überzeugend gestalten lässt, hat weniger mit der Wirklichkeit als mehr mit den Möglichkeiten der Autoren zu tun. Ein Meister dieses speziellen Fachs ist der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère. In seinem letzten Roman "Schneetreiben" entwarf er das Porträt eines Kinderschänders, der gleichzeitig ein besonders strenger Vater ist. Im Mittelpunkt stand dabei weniger der Mörder als sein kleiner Sohn, der stigmatisiert und fürs Leben gezeichnet wird. Eine Geschichte, die hinter den Schlagzeilen verborgen war.

Für seinen neuen Roman hat sich Carrère den Stoff wieder aus den Tagesmeldungen geholt. In der Zeitung las er von jenem angesehenen und vermeintlich erfolgreichen Mediziner, der seine Familie ermordet hatte und danach als Lebenslügner enttarnt wurde. Wie kann ein Mensch das aushalten, wie kann er seiner Frau, seinen Freunden, Nachbarn und Eltern mehr als ein Jahrzehnt ein falsches Leben vorgaukeln? Wie kommt er damit zurecht, unablässig den Schein zu wahren, die Unwahrheiten zu koordinieren, und wie gelingt es ihm praktisch, eine Familie zu ernähren, einen wohlhabenden Lebensstil zu pflegen, wenn er überhaupt nicht arbeitet? Wo bekommt er das Geld her?

Im Januar 1993 bringt Jean-Claude Romand erst seine Frau und seine beiden kleinen Kinder um; dann fährt er zu seinen alten Eltern, isst mit ihnen zu Mittag und tötet auch sie. Der Versuch, seine Geliebte zu erdrosseln, schlägt fehlt. Er kehrt zurück in seinen französischen Wohnort an der Schweizer Grenze, nimmt zu spät zu wenige Barbiturate ein und steckt sein Haus im Morgengrauen in Brand. Die Feuerwehr rettet ihn aus den Flammen. Was da noch wie ein tragischer Unglücksfall aussieht, entwickelt sich bald zur unfassbaren Geschichte. Seine Freunde können nicht glauben, dass er ein Mörder, dass er kein hoch dotierter und angesehener Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation, dass alles Lüge ist, ein ganzes Leben nur vorgespielt, nie wirklich gelebt wurde.

Emmanuel Carrère hat recherchiert, er war beim Prozess, bei den Bekannten und Freunden, und er hat mit dem Täter gesprochen, dessen Biografie während seines Medizinstudiums einen Riss bekam, der von diesem Augenblick an von einem Schwindel in den nächsten geriet und schließlich keinen wahrhaftigen Moment mehr hatte. Aus einer verschlafenen Medizinklausur wird eine gigantische Lebenslüge.

Mit enormer Energie und organisatorischer Intelligenz gelingt es erst dem Studenten, sich vor jeder folgenden Prüfung zu drücken und trotzdem den Kommilitonen gute Ergebnisse vorzuspielen, als vermeintlicher Mediziner präsentiert er später den guten Posten in der Weltgesundheitsorganisation. Seine Eltern sind stolz auf ihn, die Freunde von seiner Karriere überzeugt, und seine Frau nimmt es als Marotte, dass ihr Mann niemals im Büro angerufen werden will. Schließlich gibt es Mobiltelefone, der Vielbeschäftigte reist sowieso andauernd um die Welt.

In Wahrheit sitzt er in einem Hotelzimmer am Genfer Flughafen oder geht im Wald spazieren. Jahraus, jahrein verbringt der Mann sein Leben mit Nichtstun. Er knöpft seinen Verwandten ihre Ersparnisse ab, die er angeblich zu besonders günstigen Zinsen in der Schweiz anlegen kann. Irgendwann muss alles auffliegen, weil sich keine mysteriöse Spionagetätigkeit, keine lukrative Mafiaverbindung hinter diesem getürkten Leben verbirgt. Die wildesten Vermutungen kursieren nach der Tat in den Zeitungen, die abenteuerlichsten Überlegungen in der Nachbarschaft. Nichts davon ist wahr. Hinter der gigantischen Lüge verbirgt sich kein erklärendes Geheimnis. Niemand hatte einen Verdacht, nicht seine Frau, nicht sein bester Freund, nicht sein Vater. Gefahr drohte allein von den Banken, die ihm mit Kontosperrung drohten. Als das Geld verbraucht, als außerdem eine große Summe zurückgefordert wird, läuft der Mann Amok.

"Am Tag nach dem Brand genügten ein paar Telefonanrufe, um sein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Während des gesamten Ermittlungsverfahrens brachte der Untersuchungsrichter immer wieder sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass diese Telefonate nicht schon früher geführt worden waren, eher zufällig, weil es doch unwahrscheinlich schien, dass jemand, mochte er noch so verschlossen sein, zehn Jahre lang in irgendeiner Firma arbeitete, ohne dass ihn die eigene Frau oder irgendein Freund einmal im Büro anrief. Notgedrungen fragt man sich, ob es nicht doch eine heimliche Erklärung, irgendeinen verborgenen Grund dafür gab. Aber das Seltsame an dieser Geschichte ist ja gerade, dass sich keine Erklärung finden lässt, dass sie sich, so verrückt sie auch klingen mag, genauso abgespielt hat. " Emmanuel Carrère spürt, langsam und mit psychologischem Einfühlungsvermögen, dieser unglaublichen Geschichte trotzdem nach. Wann begann die Mimikry, wann wurde der Schwindel zur Wahrheit, wann hörten die Ängste auf, entdeckt zu werden, weil auch dieses Leben zur Normalität wurde wie jedes andere?

Ein Albtraum, dem sich der Autor mit Distanz nähert, von dem er uns mit Staunen und Entsetzen berichtet. Nicht die alte Kriminalromanfrage "Wer ist s gewesen", auch nicht die nach dem "Warum" lässt einen nach der Lektüre unruhig schlafen, sondern die Frage des Untersuchungsrichters: Wie kommt es, dass seine Umgebung diesen ungeheuerlichen Schwindel nicht bemerkte? Vielleicht fährt unser Nachbar jeden Morgen mit seinem teuren Auto gar nicht ins schicke Büro am Potsdamer Platz?

Emmanuel Carrère: Amok. Roman. Aus dem Französischen von Irmengard Gabler. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001; 186 S. , 36 Mark.