Es waren wahre Rockmessen, die Stern Combo Meißen, electra und Lift in den späten Siebzigern zelebrierten. Bei Stücken wie "Kampf um den Südpol", "Sixtinische Madonna" oder "Meeresfahrt" saßen die Zuhörer in Stuhlreihen, lauschten ergriffen und brüllten nach dem Finale enthusiastisch auf. Westliche Beobachter sahen im DDR-Kunstrock eine Abweichung vom wahren Rock n Roll. Olaf Leitner warf den Bands 1983 in seinem Buch "Rockszene DDR" vor, "in luftleere Höhen kunsthandwerklichen Schaffens" abzuheben und "sich dem Alltag seines jugendlichen Publikums zu entheben, um einem klassisch gebildeten Rezipientenkreis den Rhythmus der Zeit risikolos anzudienen". Dabei saßen in den Konzerten normale Rockfans. Erst in den Achtzigern schwand das Interesse - electra, Stern Meißen und Lift tauschten Personal aus und suchten den Zeitgeist.
Heute, zwanzig Jahre später ist alles anders. Während die coolen Bands der achtziger Jahre mit ihren Nachahmungen von New Wave oder Neuer Deutscher Welle mit Recht vergessen sind, spielen die Kunstrockbands, die sich live zum Zweckbündnis "Sachsendreier" zusammengeschlossen haben, wieder vor Tausenden. Und wer ein Konzert erlebt hat, weiß: Hier geht es nicht nur um Sentimentalität.
Distanz gewahrt Der Rundfunkjournalist Jürgen Balitzki hat nun für den Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf "Geschichten vom Sachsendreier" aufgeschrieben. Anders als beim vorigen Interviewband mit DDR-Rockern aus demselben Verlag (Christian Hentschel: "Du hast den Farbfilm vergessen") hat sich diesmal ein Fachmann der Sache angenommen, der die Bands über zwanzig Jahre lang begleitet hat, selbst sogar mal "Mentor" von Lift war, aber Distanz bewahrt hat und kritisch nachfragen kann. Balitzki blickt in seinen Gespräche mit Musikern, Produzenten, Textern und Soundtüftlern auf die Entwicklung zurück, als hätten sich die Musiker gemeinsam zu einer Nachbetrachtung eingefunden. Balitzki ist nicht auf ästhetische Neubewertungen aus, nennt die Musik einfach "erhabenen Soundtrack für ein realsozialistisches Biotop". Rockmusik in der DDR war laut Rockmusik-Professor Peter Wicke zuerst eine institutionalisierte Kunstform. In der Blütezeit der Sachsenbands, in den siebziger Jahren, traten die Widersprüche zwischen DDR-Staat und Bürgern nicht so deutlich hervor, buhlten Rockmusiker noch um gesellschaftliche Anerkennung.
Balitzki lässt in den Gesprächen vor allem die damals prägenden Bedingungen plastisch werden. Eine Besonderheit der Dresdener Szene war die gemeinsame Ausbildung an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber. Hier müssen Musiker um Bernd Aust, Wolfgang Scheffler und Thomas Kurzhals bei Professoren wie Günter Hörig, dem Chef der Dresdener Tanzsinfoniker, eine aufmerksame Förderung erfahren haben, so dass die "ernste Musik" nicht lästige Pflicht, sondern Herausforderung war. Ihre Adaptionen wurden populär: Noch heute assoziieren viele "Stern Meißen", wenn sie Vivaldis "Frühling" hören. Klassisch zeitlos sind aber auch die Balladen und Liebeslieder, die sich aktuellen Trends verweigerten und eine Seele besaßen, die sie heute wieder interessant macht.
Zum hohen handwerklichen Niveau kamen die ambitionierten Texte von Kurt Demmler, die oft philosophisch-ethische Themen anrissen. Heute sehen sich manche Musiker merkwürdigerweise im Widerstand. So erfährt der erstaunte Leser von Martin Schreier, Chef von Stern Meißen, dass die Band das politische System der DDR abgelehnt hätte - den Songs konnte man das nicht anhören. Es waren zwar keine Jubel-Arien, aber doch Stücke, die nach dem Platz des Einzelnen in der DDR-Gesellschaft fragten - "nicht nur von der Welt zu leben, sondern auch ein bisschen für".
Als "DDR-freundlich" dagegen galt electra, die Texte des FDJ-Apparatschicks Hartmut König vertonten und im "Neuen Deutschland" die Ausbürgerung von Wolf Biermann begrüßt hatten. Im Buch kann Bernd Aust auf acht Seiten klarstellen, dass dieses rufschädigende Statement nicht von der Band kam. Aber wo hätte die Band eine Gegendarstellung unterbringen sollen? So sind die "Geschichten vom Sachsendreier" eine echte Fundgrube, selbst wenn sie mitunter etwas unsortiert wirkt, manche Episoden überbetont werden.
Auch die Einblicke in das komplizierte Innenleben der Bands sind aufschlussreich. So erfährt man von Sauforgien der jungen electra-Wilden um Stefan Trepte, von schmerzhaften Personalwechseln, von der enormen materiellen Last, die Leute wie Martin Schreier auf sich nahmen, um das für DDR-Verhältnisse beispiellose technische Equipment aufzubauen, lernt Soundtüftler kennen, die den Quadro-Sound entwickelten, erfährt, welch Verlust der Unfalltod zweier wichtiger Lift-Musiker war und staunt über den Hass, den der Lift-Komponist Wolfgang Scheffler heute gegen frühere Mitstreiter hegt. Er warf dem heutigen Lift-Chef Werther Lohse in einer Klage vor, er habe in einer Version von "Am Abend mancher Tage" nicht den originalen H-Dur-Sepnonakkord, sondern einen a-moll Sextakkord verwandt.
Das Buch beantwortet auch die Frage, warum die Bands, mit Ausnahme von Lift, keine neuen Songs schreiben. Einen "duften Popsong", wie ihn Thomas Kurzhals heute für Stern Meißen schreiben wollte, damit aber bei den Kollegen abblitzte, können auch andere liefern. Das Verfassen der pathetischen Rockballaden wiederum war an jene frühen Jahre gekoppelt. So komponiert Kurzhals heute in seinem Studio in Erkner Werbespots für Möbelhäuser und Gartencenter und spielt live die alten Großkompositionen.
Jürgen Balitzki: Geschichten vom Sachsendreier. electra - Stern Combo Meißen - Lift. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 406 Seiten.
Bands aus Sachsen // electra: 1969 in Dresden gegründet. Bernd Aust (sax, fl), Wolfgang Riedel (b) und Peter Ludewig (voc, dr) heute noch dabei, Sänger: Stephan Trepte (1971-1974 und seit 1989), erstes Album: 1974, Klassiker: Tritt ein in den Dom, Sixtinische Madonna Stern Combo Meißen: 1964 Meißen gegründet. Martin Schreier (dr), Norbert Jäger (perc, keyb) Sänger Reinhard Fißler (1972-82, seit 1996) erstes Album: 1977. Klassiker: Der Kampf um den Südpol, Weißes Gold, Der weite Weg.
Lift: 1969 als Dresden-Septett gegründet, seit 1974 Lift. Werther Lohse (seit 1974). Erstes Album: 1977. Klassiker: Am Abend mancher Tage, Nach Süden, Wasser und Wein. / HERBERT SCHULZE Als dieses Foto 1975 entstand, gab es Lift schon sechs Jahre lang. An eine Platte war noch nicht zu denken.