Der Block aus Carrara-Marmor für den Domplatz in Würzburg steht im Garten hinterm alten Pfarrhaus von Alt-Langsow. Werner Stötzer hat den Zehntonner zusammen mit seinem Sohn, der Steinmetz ist, selbst in Michelangelos Steinbruch ausgesucht und gekauft. Zu einem riskanten Stück Arbeit hat ihn sein Galerist da überredet. Es ist kein direkter Auftrag der Domgemeinde. Die Skulptur könnte, falls man sie nicht möchte, auch in Stötzers Garten bleiben, er trennt sich sowieso schwer von seinen Steinen. "Ich denke, ich habe die Skulptur gemacht, sie ist existent, und das genügt", sagt er. Als junger Mensch hätte er so eine Skulptur gerne unter die Leute gebracht. Heute nun erscheint es ihm besser, sie beiseite zu bringen, "in das Nicht-Sichtbare. So eitel bin ich nun." Werner Stötzer, der gebürtige Thüringer, Enkel der Wirtin vom Bahnhofshotel in Steinach, wird heute siebzig.
Vor fünfzig Jahren hat der gelernte Keramikmodelleur die Puppenfabrik in Sonneberg verlassen und an den Kunsthochschulen Weimar und Dresden und schließlich in Berlin bei Gustav Seitz studiert. 1978 wurde er zum Mitglied der Akademie der Künste berufen, war von 1990 bis 1992 deren Vizepräsident. In all den Jahren hat er begabte junge Bildhauer unterrichtet, die - wie Berndt Wilde - heute ebenfalls lehren. Stötzer selbst blieb eine Ausnahmeerscheinung. Für ihn mündet alles Kunstwollen im Fragment, und mit dieser Haltung konnte er sogar in der realismusverhärteten DDR bestehen.
Er hat in seinem Leben zu oft Trümmer gesehen, reale und geistige - das führte zum Torso. Er war Hitlerjunge und fünfzehn, als er mit ansehen musste, wie die SS einen Häftlingszug nach Buchenwald trieb. Einer der Schergen zertrümmerte einem Häftling den Schädel. Nach Kriegsende sah Stötzer eine Kollwitz-Zeichnung, später las er Adalbert Stifter und Günter Weißenborn. Das habe ihn geprägt, für die Arbeit am Stein und auch für das Schreiben. Stötzer schreibt, wenn er nicht mit Meißel, Gips und Bronze hantiert, Prosa, Gedichte, Essays. Er sprüht vor Anekdoten. Die Geschichten des Brecht-Freundes, des Gefährten Konrad Wolfs und Heiner Müllers sind kauzig-weise Parabeln.
Stötzer ist nie in die SED eingetreten, aber an die Idee vom Sozialismus hat er geglaubt. Und deshalb hat er mit den Mächtigen geredet, statt zum Dissidenten zu werden, bis er wusste, es ist zwecklos. "Aber mir hat auch keiner gesagt, ich müsse Heroen machen", sagt er über diese Zeit. "Wer glaubte, das machen zu müssen, war vorauseilend gehorsam."
Als 1989 die DDR wie eine Kulisse zusammenfiel und die Brocken herumlagen, fanden sich Stötzers Steine nicht zwischen den Trümmern einstiger Heldenbildnisse. Seine abstrahierenden Figuren sind zeitlos, daher ideologisch nicht zu vereinnahmen. Sie sind den zeichenhaften Gestalten von Brancusi, Giacometti oder Moore nahe, nicht weniger aber auch den Figuren der preußischen Klassizisten Schadow und Schinkel.
Gerade wegen Schinkel ist er vor über zwanzig Jahren zusammen mit seiner Frau, der Bildhauerin Sylvia Hagen, nach Alt-Langsow ins Oderbruch, gezogen. Schinkel baute dem Dorf das alte Schul- und Bethaus; es steht gleich neben dem einstigen Pfarrhaus, das die Stötzers für sich ausgebaut haben. Das Schul- und Bethaus ist das kulturelle Zentrum des Dorfes, da probt der Chor, trifft sich der Malzirkel. Und im Betsaal mit den hohen Säulen wird oft gefeiert. Dass Stötzer das streng Klassizistische im Allgemeinen und das schöne Schinkel-Haus im Besonderen liebt, sieht man an den Skulpturen, die er hinter dem Haus aufgestellt hat.
Auch im Bildhauergarten stehen überall behauene Steine: kleine und große Torsi von Frauen und Männergestalten aus beigem sächsischem Sandstein, hartem grauem Marmor aus Bulgarien und schimmernd weißem aus Carrara, wie die mächtige Pieta für Würzburg. Genug davon zu besitzen ist ein Luxus, den Stötzer seit der Wende in vollen Meißelschlägen genießt. In den Ein-und Ausbuchtungen der Steine wuchert hier und da Moos, etliche sind unter altem Laub versunken. Andere recken sich ins Licht, wie Wegmarkierungen durch ein Bildhauerleben - ohne Handlung, stehend, liegend, versunken, gestaucht oder hochfahrend, oft als Engel mit gebrochenen Flügeln.
Nie verleugnet so eine Figur den Block, in dem sie noch halb ruht, in den sie jeden Augenblick wieder zurücksinken könnte. Die Oberflächen tragen die Spuren der kurzen, gezielten Schläge des Meißels - immer von außen nach innen. Stötzer sagt vom Stein, er habe ein Gesetz und dem müsse der Bildhauer folgen. Wer wie er diesen Respekt vor dem Stein hat, kann die Skulptur ohne vormodellierendes Bozetto herausschlagen. Es bedarf bloß einer Ideenskizze, aber auch auf dieser arbeitet der Stift genauso, wie der Meißel am Stein, knapp und entschieden.
Stötzer zieht mit Stift und Kreide in den Steinbruch. Nur so kommt es zu diesem Rhythmus von Bauch und Brust, Schultern, Armen, Händen, Schenkeln, Waden - und zu jener charakteristischen Neigung der Figur. Und statt der klassischen Standbein-Spielbein-Pose soll einfach nur das Material sprechen. So wird ihm die Skulptur zum zeitlosen Gleichnis, die Figur zur Körperlandschaft. Ähnlich wie der Wiener Bildhauer und Freund Alfred Hrdlicka mag auch Stötzer keine Formglätte. Er aber zügelt Emotion durch Strenge - Augenmaß bis in die Finger. Alles mechanisch Beschliffene mache kraftlos und stumpf. Und alles Glatte wäre Lüge. "Nur wenn der Stein mit der Hand behauen ist, bekommt er Kraft. Es muss der Rest Unfassbarkeit bleiben."
Stötzer nennt sich nicht mehr Künstler. "Ich mache keine Installationen oder Objekte", sagt er ironisch. "Ich bin ein hoffnungslos altmodischer Handwerker." Er spricht in seinen Steinen vom Alter. Es mache wehmütig, aber nicht sentimental. Seine Steine reden von Gestalten und Gesichtern, die weggehen, und solchen, die in der Erinnerung bleiben und damit in der Zeit. Er stellt sie am liebsten in die Natur, auf die satten Wiesen der Seelower Höhen, auf märkische Dorfanger, an Seen oder am Meer: Gemeißeltes gegen das Ferne und Ungewisse.
Ausstellungen // Galerie Sophien-Edition, Sophienstraße 24, bis 5. Mai: gemeinsam mit dem Berliner Maler Wolfgang Leber. Di bis Sa 12-18 Uhr.
Galerie Leo. Coppi, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, 12. April bis 16. Juni: "Stötzer und Freunde". Di bis Fr 13-18. 30, Sa 12-18 Uhr.