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Im Scheitern das Religiöse gefunden

Wieder im Kino: "2001: Odyssee im Weltraum" von Arthur C. Clarke und Stanley Kubrick

Jens Balzer

Passend zur aktuellen Jahreszahl kommt heute "2001" von Arthur C. Clarke und Stanley Kubrick deutschlandweit wieder in die Kinos. Die Wiederbegegnung mit alten Science-Fiction-Filmen hat ja immer einen doppelten Reiz. Es lässt sich bei ihr nicht nur überprüfen, ob die einst für die Zukunft prophezeiten Entwicklungen in der technischen und der sozialen Welt wirklich eingetreten sind. Auch die Art, in der die Prognosen ästhetisch umgesetzt wurden, lässt Rückschlüsse zu auf den allgemeinen Begriff, den eine vergangene Gegenwart sich von der Zukunft gemacht hat. Die Science Fiction hat eine spezielle Ästhetik, die historischem Wandel genau so unterworfen ist wie die Ästhetik jeden anderen Mediums auch. Ihre besondere Historizität geht aber nicht nur über die eigenen Zukunftsvorhersagen hinaus, sondern kehrt stets auch wieder zu diesen zurück. Das narrative Maß, das man ans Utopische legt, hat seinerseits utopischen Wert.

Wer "2001", den Roman, heute wieder liest (auch er ist zum Filmstart neu aufgelegt worden), dem fällt vor allem Clarkes anachronistische Schreibweise auf - die anachronistisch aber schon zu ihrer Entstehungszeit war. Bis auf den heutigen Tag sind seine Romane unbeirrt von der Pulp-SF der Vierzigerjahre geprägt, von Weltraumopern und Technikutopien. Aber je weiter der technische Fortschritt in der Wirklichkeit gedieh, desto geringer wurde bei den meisten anderen Autoren die Faszination an den Weiten des Alls. Als Clarke von Kubrick als Drehbuchautor angeheuert wurde, hatte sich das wesentliche Interesse in der SF längst auf die Enge des menschlichen Innen gewendet; Philip K. Dick hatte gerade "Martian Time-Slip" geschrieben und seine anderen LSD-induzierten Visionen von der Vermischung von subjektiver und objektiver Realität; Samuel Delany hatte mit "Nova" die SF als mythologisch sinnstiftende Form zu rekonstruieren begonnen.

Clarke ist diese "New Wave" in der SF, die das Genre auf Dauer umgewälzt hat, zeit seines Schaffens fremd geblieben. Aber wenigstens "2001" merkt man - zumal im Vergleich zu der in der Neuausgabe dankenswerterweise mit abgedruckten Urfassung des Stoffs, der Kurzgeschichte "The Sentinel" aus dem Jahr 1951 - das Bemühen um eine Art nachholender Selbstmodernisierung an - die wesentlich jedoch im oberflächlich New-Age-haften verbleibt. Weil Clarke seine erzählerischen Mittel weiterhin nur aus dem kruden Realismus der Pulps borgt, muss er auch die "inneren" Abenteuer wie "äußere" schildern. Eine Verbindung zwischen den Sphären gelingt ihm nicht.

Auch Kubricks "2001" ist von solchen Unverbundenheiten geprägt. Wer den Film heute wieder sieht, der wundert sich vor allem über das sonderbare Ungleichgewicht, in dem das Allerkleinste und das Allergrößte sich darin miteinander befinden: einerseits die epischen Perspektiven aufs Kosmogone; andererseits die gewissermaßen mikroepisch übergenaue Konzentration auf den Zukunftsalltag, auf den Umgang mit Bildtelefonen und Astronautennahrung, mit Schwerelosigkeit und renitenten Elektronengehirnen. Und auch Kubricks Dramaturgie interessiert sich nicht für eine Verschränkung dieser beiden Dimensionen: Sie sind entweder allegorisch raunend oder durch härteste Diskontinuitäten einander benachbart, wie in der berühmten Eingangssequenz, in der sich das Knochenwerkzeug des Urweltmannes in ein in die Erdumlaufbahn hineingleitendes Raumschiff verwandelt: drei Millionen Jahre später.

Darum hat man beim Zuschauen so oft das Gefühl, dass man sich in nicht endenden Expositionen verliert, während das Wesentliche nur überstreift wird - dass die Geschichte in der falschen Geschwindigkeit läuft, oder: dass sich eigentlich überhaupt niemand für die "richtige" Geschwindigkeit interessiert. Durch diese Art der Dramaturgie - und nur dadurch - ist aus dem Stoff aber die religiöse Erzählung geworden, die Clarke vorgeschwebt hat: indem Kubrick die Zeichen des Scheiterns, das literarische Nicht-in-den-Griff-kriegen, zu Anzeichen einer nicht-darstellbaren Größe stilisiert. "Religiös" sind nicht die psychedelischen Bilder, die am Ende den Gang in die Unendlichkeit wie einen LSD-Trip aussehen lassen - diese Sequenz wirkt heute nur noch läppisch, sie erweist sich rückblickend als die schwächste des Werks. Nein: "Religiös" ist die dauernde Indifferenz gegen die Metrik des erwartbaren Zeitlaufs. Als würde mit dem erzählerisch Erwartbaren auch alles Menschliche transzendiert.

2001: Odyssee im Weltraum. USA 1968. Regie: Stanley Kubrick.

Arthur C. Clarke: 2001: Odyssee im Weltraum. Aus dem Amerikanischen von Egon Eis. Wilhelm Heyne Verlag, München 2001. 266 S., 14,90 Mark

VERLEIH Mikroepische Präzision aufs Detail: hier eine schwerelos schwebende Stewardess in der Raumschiffskabine (Business Class)