Orpheus, das ist der Chor der Männer, Eurydike, das ist der Chor der Frauen, die zum Behindertentheater "Rambazamba" gehören und zusammen mit der Regisseurin Gisela Höhne das Genre der Oper neu erfinden. Sie haben eine ungewöhnliche Art, mit dem philharmonischen Instrumentarium umzugehen, das Wesen der Musik in Handlung zu übersetzen. Die Frauen schreiten mit weißen Gesichtern durch die Tür, sie halten sich Messer an die Kehlen, summen eine Selbstmordarie und zerren Stoffpuppen auf die Bühne, bevor sie hinter einem wehenden Vorhang verschwinden. "Eurydike, ich hab s geschafft! Meine neue CD is fertig!", ruft Orpheus stolz und wundert sich, dass er kein Echo bekommt. "Eurydike, hier wird nich gestorben! Ick brauch dir noch!", sagt einer der Männer, die sich weinend über die Puppen beugen. "Ach, das sind doch nur die Körper.", sagt ein anderer und klopft auf den Boden, unter dem er das Totenreich vermutet. "Kommt, wir gehen Seele suchen!"
Reise mit Lampen
Dann beginnt die sonderbare Reise, mit Taschenlampen stolpern sie durch das Dunkel, treffen Acheron, der sie "nur gegen Bares" in den Hades lässt, er schiebt sie in einem Käfigwagen durch den Vorhang, man hört Schreie und peinigende Zwölftonmusik. Auf der Fähre greifen sie eigenhändig nach den Streichinstrumenten und musizieren, bis sich der Nebel über dem Wasser gelichtet hat. Inzwischen sieht man, wie die Frauen sich mit dem Gott der Unterwelt verlustieren. Arien der Callas ertönen, eine Diva nach der anderen tritt hervor und tanzt, macht zwei oder drei Bewegungen, die wie eine Abbreviatur ihres Temperamentes erscheinen. Die erste geht bedeutungsschwanger in ihrem schwarzen Wallawallakleid und schleudert den roten Schal über die Schulter, die zweite packt ein Karamellbonbon aus und wirft das Papierchen mit einer verächtlichen Gebärde auf den Boden. Die dritte springt übermütig hin und her, hält den flatternden Rock wie einen Schmetterling und presst eine große Blume auf ihr Gesicht. Die vierte trippelt wie eine Japanerin mit schmerzhaft verkleinerten Füßen, verbeugt sich mit einem höflichen Lächeln.
Lachendes Publikum
Das ist sehr charmant anzusehen, auch sehr befremdend, weil die Maskenbildnerin Beatrix Brandler den Frauen große Augen auf die geschlossenen Lider geschminkt hat. Die blicken starr aus dem Jenseits in das lachende Publikum. Gisela Höhne hat den antiken Mythos mit Freiheit variiert, Orpheus führt Eurydike an der Hand aus dem Totenreich und verliert sie wieder, weil beide dem Alltag nicht mehr gewachsen sind. Die Kinder schreien, die Geige zerbricht, der Konzertagent kündigt den Vertrag. Am Ende vereinigen sich alle Darsteller zu einem großen Orchester, sie blasen mit voller Kraft in ihre Trompeten, schnellen johlend die Faust in die Höhe, springen auf den Stuhl und rufen: "Zugabe!"
Wieder am 9. u. 10. 2., Kulturbrauerei
OSTKREUZ/BERGEMANN Charmant und befremdend: Eine der Darstellerinnen.