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Im Staate Hummer

Jungstar Julia Hummer liebt das Spiel mit den Rollen - sogar ihre eigene Biografie erfindet sie

Brenda Strohmaier

Unauffällig sieht sie aus. Kaum jemand erkennt die Schauspielerin Julia Hummer, wenn sie in ihrer Jeanskluft durch ihren Kreuzberger Kiez geht. Sie wohnt ganz in der Nähe des Kinos fsk, in dem gerade "Die innere Sicherheit" gezeigt wird. Julia Hummer spielt in dem Film die Hauptrolle. "Wenn ich erkannt werde, dann wegen meiner Stimme", sagt sie. Die könnte einer 12-Jährigen gehören. Doch Julia Hummer sagt damit Sätze wie: "Früher dachte ich, das Glück liegt im Leiden. Heute glaube ich, man findet es in der Banalität." Und dann klingt sie ganz schön alt.

Julia Hummer ist 20 und gilt als eine der talentiertesten Nachwuchsschauspielerinnen in Deutschland. Regisseur Sebastian Schipper entdeckte sie für "Absolute Giganten", danach wurde sie für "Crazy" engagiert. In "Die innere Sicherheit" spielt sie - passend zur aktuellen Debatte über die Vergangenheit der 68er-Generation - die 15-jährige Tochter eines von der Polizei gesuchten Terroristenpaares. Ihr Wunsch, zu leben wie alle anderen Teenager, führt schließlich zur Enttarnung und zum Tod der Eltern. Terrorismus als Familientragödie - diese Erzählperspektive gefällt Julia Hummer.

"Mikropolitisch" nennt sie sich. Mikropolitikerinnen wie Hummer diskutieren nicht über das neue Rentengesetz, sondern sie beschäftigen sich mit den Problemen der Oma von nebenan. Seit sieben Jahren schreibt Julia Hummer Songs, "die alle im Staate Hummer spielen", wie sie sagt. Es geht darin um Frauen, die bei C & A Pullis verkaufen, oder um den Kiosk an der Ecke. Julia Hummer interessiert sich für das Innenleben der Menschen: "Schauspielen macht vor allem wegen der psychologischen Komponente Spaß. Von jeder Figur kann ich was lernen", sagt sie.

Die Schauspielerin liebt das Spiel mit den Rollen. Sie ist eine Art Zufallsgenerator ihrer eigenen Biografie. Manchen Journalisten erzählt sie, ihr Vater sei Zirkusdirektor, anderen, sie sei deutsche Angelmeisterin. Man könnte auch sagen, sie lügt. Wenn sie also erzählt, sie habe die Schule abgebrochen, heißt das gar nichts. Sie kann genauso gut ein Einser-Abitur gemacht haben. Wahr ist vermutlich, dass sie in Hagen (Westfalen) aufwuchs, eine Weile in Zürich lebte und mit 17 in Hamburg landete. Seit etwas über einem Jahr lebt sie in Berlin. Dort wird sie allmählich erwachsen.

Die Schauspielerin hat sich die blonden Haare braun gefärbt, wirkt nun älter und kann jetzt problemlos Zigaretten kaufen. Eine Zeit lang hat sie sich gefragt, was sie machen soll, wenn sie keine Jugendlichen mehr spielen kann. Doch jetzt hat sie erleichtert registriert, "dass die "Drehbücher mitwachsen". Demnächst wird sie eine 19-Jährige aus der Kleinstadt spielen.

Julia Hummer würde sich selbst nie als Star bezeichnen. Darunter stellt sie sich unberührbare Diven wie Marlene Dietrich vor. Julia Hummer gehört dagegen zur Generation von Schauspielerinnen wie Franka Potente oder Christiane Paul. Es sind Frauen ohne Model-Maße, die auf der Leinwand menschlich wirken und mit denen sich auch "die Frau von nebenan" identifizieren kann.

Das heißt nicht, dass Julia Hummer etwas gegen Glamour hätte. Heute Abend geht sie zur Verleihung der Goldenen Kamera. Sie würde sich sogar ein Kleid anziehen, wenn es der Kleiderschrank hergäbe. "Aber jetzt noch schnell loshetzen, um was zu kaufen, nee". Also geht sie doch in Jeans.

BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Durfte Robert Stadlober in "Crazy" entjungfern, jetzt mimt sie in "Die innere Sicherheit" ein Terroristenkind: Julia Hummer. Sie lebt in Kreuzberg.