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Als wär s ein Stück von ihr

Patricia Hearst wurde entführt und dann zum Bankraub gezwungen. Im Kino spielt sie Nebenrollen

Gunter Göckenjan

BERLIN, im November. Im Kino war sie einst die Geschworene, die weiße Schuhe trug - in einer Jahreszeit, in der sich das nicht gehörte. Dafür wurde sie im Film "Serial Mom" von Kathleen Turner einfach umgebracht. Als Schauspielerin dient sie ganz den Bedürfnissen der Hauptfiguren, denn Patricia Hearst spielt lediglich Nebenrollen.

Wer ihre Geschichte nicht kennt, der wird ihr auch jetzt in dem Kinofilm "Cecil B." nur wenig Beachtung schenken. Als Mutter eines der Kinoterroristen in John Waters witzig wilder Komödie über das Filmemachen sieht Patricia Hearst aus, wie Millionen amerikanischer Mütter eben aussehen. Ihr Auftritt ist zudem sehr kurz: Sie fährt ganz zum Schluss des Films zum Ort des Geschehens, um ihren Jungen dort rauszuholen. Aber seine Cineasten-Gang ist schon von der Polizei umzingelt.

Das kennt Patricia Hearst aus eigener Erfahrung. Auch das Schicksal der Hauptfigur (gespielt von Melanie Griffith), die von der cinephilen Terrorgang entführt wird und bald mit ihr zusammenarbeitet, hat sie selbst einmal erlebt. Patricia Hearsts Kurzauftritt in John Waters "Cecil B." ist daher nicht nur eine Nebenrolle, sondern ein ironisches Wahrheitssiegel für Waters extreme Kino-Story.

57 Tage in einem Schrank

Kein ernsthafter Drehbuchautor hätte sich die Geschichte einfallen lassen dürfen, die Patricia Hearst selbst erlebte, als sie 19 Jahre alt war - sie ist einfach zu unglaubwürdig. Damals kannte ganz Amerika sie als Patty, die Enkelin und Millionenerbin des US-Medienmoguls William Randolph Hearst.

Terroristen brachen am 4. Februar 1974 in die Wohnung von Patricia Hearst ein und entführten sie. Sie warfen die junge Frau gefesselt und geknebelt in den Kofferraum ihres Autos. In ihrem Versteck hielten die vermummten Entführer sie 57 Tage lang in einen schalldichten Schrank gefangen. Die Bande, die sich "Symbionese Liberation Army" (SLA) nannte, forderte kein Lösegeld, sondern eine Armenspeisung.

Patricias Vater stellte dafür auch sieben Millionen Dollar zur Verfügung, doch seine Tochter wurde nicht freigelassen. Stattdessen erklärte Patty öffentlich, dass sie sich ihren Entführern angeschlossen habe - unter Zwang, wie mittlerweile bekannt ist. Zur Beglaubigung musste sie an einem Banküberfall teilnehmen, bei dem alle Räuber - außer ihr - vermummt waren. Ihr Gesicht sollte auf den Überwachungskameras erkennbar sein. Nach 18 Terroristen-Monaten wurde Patricia Hearst festgenommen und bald zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, von denen sie zwei absitzen musste. Auch außerhalb des Gerichtes glaubte damals kaum einer ihrer Geschichte, wonach sie nicht Täter, sondern Opfer war.

Heute scheint ihre Erklärung, man habe sie damals einer Gehirnwäsche unterzogen, glaubwürdig. Jetzt betreibt sie ihre Rehabilitierung. Doch ausgerechnet zwei Wochen nachdem Bill Clinton über ihren Fall beraten wollte, wurde ihr ein unbestelltes Drogenpaket ins Haus geliefert. Durch dieses 40 000- Dollar-"Geschenk", so glaubt sie, habe man sie kompromittieren wollen. Klugerweise hat sie es ungeöffnet der Polizei übergeben.

Patty Hearst umgaben in ihrer Kindheit Luxus und Überfluss wie eine Schutzhülle, die jede Begegnung mit den Realitäten anderer abfederte. Die Feiertage ihrer Kindheit verbrachte sie in einem gigantischen Schloss auf einem kalifornischen Felsen. Während ihrer Studentenjahre lebte sie im eigenen Apartment mit Koch und Chauffeur.

In ihrer Familie galt sie als unkonventionelle Wilde, da sie sich über alle Regeln des guten Geschmacks hinwegsetzte, manchmal sogar in Jeans auf die Straße ging und sich weigerte am traditionellen Debütantinnen-Ball teilzunehmen. Als Studentin teilte sie schließlich das Bett mit einem jungen Mann, statt zu warten bis einer ihr offiziell den Ring gab, um sie dann über die Schwelle des gemeinsamen Heimes zu tragen, wie ihre Eltern sich das gewünscht hatten. Schließlich war damals die Epoche der antiautoritären Bewegung, die Endphase des Hippie-Movements und des Vietnam-Kriegs.

Aber Patricia Hearst war eben nicht nur irgend ein reiches Mädchen, sie war die Enkelin des US-Zeitungs-Zaren und Medienmoguls William Randolph Hearst. Dem Mann gehörte nicht nur die Mehrheit aller amerikanischen Zeitungen, uramerikanisch war auch seine Begeisterung fürs Showbusiness. Er hielt sich in seinem Schloss mit Marion Davies einen echten Hollywood-Star als Mätresse. Um sie im Kino zu sehen finanzierte er sogar ihre Filme. Seine Firma "Cosmopolitan Productions" produzierte fast nur Stücke mit Marion Davies. Hearst war auch Gegenstand eines der bedeutendsten Kinowerke - "Citizen Kane" von Orson Welles. Doch er mochte sich nicht so sehen, wie Welles ihn sah. Hearsts Zeitungen sorgten dafür, dass Welles Meisterwerk ein kommerzieller Misserfolg wurde.

Weiterer Auftritt im Gerichtssaal

Die Begeisterung für Unterhaltungsmedien und Showbusiness teilt Patricia Hearst, die heute mit ihrem ehemaligen Bodyguard und den beiden Töchtern im wohlhabenden Connecticut lebt, mit ihrem Vorfahren. Sie selbst hat einen Kriminalroman über einen dunklen Flecken in William Randolphs Geschichte geschrieben (Titel: "Murder at San Simeon"), und auch ihre eigenen, unfreiwilligen Abenteuer im terroristischen Untergrund hat sie zu einem filmwürdigen Buch komprimiert ("Schreie im Dunkel"). Das Werk wurde vor zwölf Jahren von Paul Schrader verfilmt ("Patty"). Öffentlichkeit suchte Patricia Hearst auch auf dem Pariser Laufsteg, wo sie 1996 das Neueste vom Mode-Designer Thierry Mugler vorführte.

Nun kommt am 8. Januar 2001 ein weiterer prominenter Auftritt auf Patricia Hearst zu, dem sie nur mit Widerwillen entgegensieht. Sie soll als Zeugin im Prozess gegen Kathy Soliah aussagen, einem ehemaligen Mitglied der SLA, die 23 Jahre lang vom FBI gesucht wurde. Die ehemalige Terroristin Soliah lebte anerkannt und unerkannt als Arztgattin in den USA. Auch das gäbe eine schöne Kinogeschichte.

Die reiche Erbin // Patricia Hearst war in den USA bekannt als "Patty die Erbin". Ihr Großvater war der Medienmogul William Randolph Hearst.

Am 4. Februar 1974 wurde die damals 19 Jahre alte Patty Hearst entführt. Ihre Kidnapper forderten kein Lösegeld, sondern Essen für die Armen in den USA. Die Entführer zwangen Patricia Hearst damals, an einem Bankraub teilzunehmen.

Nach ihrer Festnahme zweifelten die Behörden zunächst an Hearsts Version, sie sei zu dem Überfall gezwungen worden. Sie wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, von denen sie zwei Jahre absitzen musste.

Der Kinofilm "Cecil B. " verlegt die Geschichte der Hearst-Entführung ins Filmmilieu.

AP Patricia Hearst auf dem Weg zum Gericht. Dass sie von ihren Entführern zum Bankraub gezwungen wurde, wollte ihr zunächst niemand glauben.

AP/KEVIN WINTER Heute ist sie Schauspielerin, Buchautorin und Model: Patricia Hearst.