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Überholen, ohne einzuholen

"Leitkultur" statt "linker Gesinnungskultur" - wie die Junge Union Niedersachsen ihrer Mutterpartei den Weg weisen will

Brigitte Fehrle

GÖTTINGEN, 29. Oktober. Es ist ein trüber Samstagvormittag. Vor einem Hotel am Stadtrand von Göttingen, direkt an der vierspurigen Ausfallstraße zur Autobahn, haben sich zwei Gruppen junger Leute eingefunden. Die Junge Union Niedersachsen ist da, weil sie einen Kongress veranstaltet, auf dem sie sich mit der "herrschenden Generation der 68er auseinander setzen" will. Die anderen sind gekommen, um zu demonstrieren. Vor allem gegen den Gastredner Klaus Rainer Röhl, der von der hiesigen Presse in den vergangenen Tagen als "rechtsextremistisch" bezeichnet wurde. Über ein Megafon wird eine lange Rede gehalten und am Ende skandiert: "Ob schwarz, ob braun, Nazis auf die Fresse haun." Aber die Protestler sind noch müde, ein Mann in einem roten Sweatshirt mit Kapuze gähnt unentwegt, und bald gehen sie dann wieder nach Hause.

Der Chef der Jungen Union in Niedersachsen ist ein großer, rotblonder junger Mann. Er steht vor dem Hoteleingang hinter einer Reihe von Polizisten mit seinen Freunden zusammen und grinst: "Heute ist nur die Kindertruppe gekommen", sagt er, aber es klingt doch sehr erleichtert. Gerold Papsch, so heißt er, hat mit der Jungen Union Niedersachsen viel vor. "Wir wollen von hier aus die CDU aufmischen."

Und damit fangen sie an diesem Wochenende im ersten Stock des Hotels "Rennschuh" gleich an. Etwa 60 oder 70 Mitglieder oder Unterstützer der Jungen Union sind gekommen. Auf dem improvisierten Podium nimmt der Landeschef Papsch Platz. "Bei uns ist nichts tabu", sagt er, und dass die CDU aufpassen müsse, "dass sie keine Weicheipartei wird."

"Wir sind rechts"

Dabei helfen soll nicht nur Klaus Rainer Röhl, der Ex-Kommunist und ehemalige Ehemann von Ulrike Meinhof. Papsch hat auch den Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann aus Fulda eingeladen und den, wie Papsch betont, "Staatsminister a.D" Arnold Vaatz aus Sachsen. Und Hohmann, Jahrgang 1948, Jurist und früher im Studentenbund RCDS, dann beim BKA in der Abteilung Terrorismusbekämpfung tätig, sagt den jungen Leuten dann, was alles nicht tabu sein darf. Er geht zum Mikrofon und lobt den Landeschef für die Einladung an den heute nationalkonservativen Klaus Rainer Röhl, den "verehrten Altmeister". Sagt, es sei nicht zu akzeptieren, "dass jeder Konservative zum Rechtsradikalen erklärt wird", schimpft über die 68er, die jahrelang die "Faschismuskeule" geschwungen und die "Herrschenden" unter "Generalverdacht" gestellt hätten. "Wer will sich schon gerne als rechts titulieren lassen?", fragt Hohmann. Die Versammlung lacht, Papsch zeigt auf seinen Stellvertreter Andreas Schwegel, der neben ihm auf dem Podium sitzt, und ruft dazwischen: "Der da!" Dergestalt unterstützt wird Hohmann mutiger und fordert von den jungen Leuten sich zu bekennen: "Wir sind Demokraten, wir sind 98er, wir sind rechts."

Vorne wird geklatscht. In den hinteren Reihen des langgestreckten, kargen Saals wird es unruhig. "Schwachsinn", ruft eine Männerstimme. "Schwachsinn ist das, was sie denken", bellt Hohmann durchs Mikrofon zurück und fordert, "sich klar zur Nation zu bekennen".

Der CDU-Nachwuchs müht sich um einen Generationenkampf und hofft, den Gegner bei den 68ern zu finden. Andreas Schwegel nennt sie eine "politisch untaugliche und unseriöse Generation", die ein "gestörtes Verhältnis zur Gewalt" habe. Christian Wulff, Landesvorsitzender der CDU, hatte nach der Bundestagswahl zum Streit mit den 68ern aufgerufen und dafür die Bewegung der "98er" kreiert.

"Unsere Generation hat eine hohe Liberalität", sagt Gerold Papsch, "das ist ein positives Ergebnis der 68er." Und wie grenzt man man sich nun ab gegen eine Generation der man, wie selbst der JU-Chef zugibt, einiges zu verdanken hat? Wie kämpft man mit den Freiheiten der Nachgeborenen für die alten Tugenden aus der Zeit, die die 68er in Frage gestellt haben? Wo findet die Generation der 20- bis 25-Jährigen in der CDU Vorbilder? Papsch sagt, die CDU müsse wieder "zurück zu den Wurzeln", müsse "konservativ und bodenständig" sein. Deshalb ist er, wie viele hier im Hotel Rennschuh, "froh", dass Parteichefin Angela Merkel sich einen neuen Generalsekretär geholt hat. Papsch sagt: "Wir brauchen Speerspitzen." Die "liberalen Brückenbauer", zu denen er auch den ehemaligen Generalsekretär Polenz zählt, "wollen immer an nichts schuld sein". Deshalb sei Polenz auch ein "Griff daneben" gewesen.

Ein schüchterner Student erzählt in der Kaffeepause von seinem Wohnheim und einem Ausländer, "der immer seinen Müll vor die Tür stellt". Darüber müsse man doch "reden dürfen". Er habe ja nichts gegen Ausländer, aber die einfachen Leute, die eine "unterbewusste Abneigung" hätten. Der junge Mann wünscht sich wieder mehr "Kampfkultur" in der CDU. Schwegel, der JU-Vize, sagt ins Mikrofon, man brauche eine deutsche Leitkultur, "weil wir derzeit eine linke Gesinnungskultur" haben. Ein Junge mit spitzer Nase und mit Gel im Haar sagt, die Lehrer versuchten einen zu beeinflussen und fragt, ob man sich denn "schämen müsste, ein Deutscher zu sein". Ein anderer sagt in der Debatte, die Gewalt gegen Ausländer zu Beginn der 90er-Jahre habe aufgehört, "nachdem das Asylgesetz geändert wurde". Die SPD sei schuld daran gewesen, "weil man darüber nicht sprechen durfte". Und im Flur vor dem Tagungsraum, neben der Treppe hängt ein Zettel: "10 Moslems haben einen Christen überfallen. Wo sind die Schlagzeilen?"

Mitten in dieses babylonische Gewirr von Meinungen und Gefühlen, in diese von Helmut Kohl hinterlassene Orientierungslosigkeit hinein breitet Klaus Rainer Röhl vor diesen jungen Leuten sein Feindbild aus: die Medien. Außerdem beschimpft dieser reisende Renegat die "vertrottelte politische Klasse", die es damals zugelassen habe, dass die 68er überall "einsickern" konnten. Er sagt, Ulrich Wickert betreibe in den Tagesthemen "Gehirnwäsche", es seien überall "Betroffenheitsprofis" und "fest angestellte Trauerarbeiter" am Werk. Röhl fasst sich nicht kurz und hält immer wieder eins seiner Bücher hoch, aus denen er fortwährend zitiert und sagt dann noch, dass er sie zum Vorzugspreis verkauft - mit Widmung.

In der zehnten Reihe sitzt eine junge Frau mit schwarzen, nach hinten gebundenen Haaren und einem runden Gesicht. Manchmal grinst sie, während Röhl spricht und schüttelt leicht den Kopf. Später sagt sie, dessen "Verschwörungstheorien" hätten sie amüsiert. Sie heißt Ibtisam Amara, ist Schülerin in der 13. Klasse und Landesvorsitzende der Schüleruion. CDU-Mitglied ist sie nicht. Amara möchte sich "frei machen von parteispezifischen Richtungen". Sie sei "an der Sache interessiert".

So wie Ibtisam Amara denken noch andere im Hotel Rennschuh. Es meldet sich Dieter Sturm. Er war es, der "Schwachsinn" gerufen hatte, als zu Beginn Hohmann forderte, man solle sich dazu bekennen, "rechts" zu sein. Sturm ist Stadtrat und stellvertretender Kreisvorsitzender in der CDU. Er sagt, "ich bin nicht rechts und ich bin nicht links". Diese Begriffe störten ihn grundsätzlich. Man solle doch lieber über Sachthemen diskutieren und sagen, ob man für oder gegen etwas sei. Bei ihm im Stadtrat, sagt er, stimme er oft mit der SPD zusammen, die würden ja schließlich nicht nur "dumm tüch" reden.

Aber auch Sturm und Ibtisam Amara haben nichts dagegen, dass ihre Parteichefin Angela Merkel, mit der sie "ganz einig" sind, ihren Generalsekretär ausgetauscht hat. Polenz sei "der richtige Mann am falschen Ort gewesen", sagt Sturm. Amara sagt, Polenz habe "nicht genug Profil" gehabt. Sie trauen - wenn auch aus anderen Gründen - ihren liberalen Vorbildern in der CDU ebenfalls nicht zu, in der öffentlichen Debatte zu bestehen.

Viele der jungen Christdemokraten hier hegen einen tiefen Groll gegen die Liberalen in der eigenen Partei. Manche aus dem Gefühl der Enttäuschung und Ratlosigkeit heraus, andere ganz offen, als Kampfansage. Das Resultat ist dasselbe. Und so darf an diesem Wochenende einmütig und kräftig gelacht werden - über Rita Süssmuth. Klaus Rainer Röhl macht sich gleich mehrfach über sie lustig, auch der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann, und natürlich der Sachse Vaatz. Und die Jungen stimmen ein. Ihre 68er heißen in Wahrheit Geisler, Süssmuth und Pflüger.

Die Flügeltheorie

Irgendjemand muss Gerold Papsch einmal gesagt haben, dass ein Landesvorsitzender integrieren muss. Wahrscheinlich betont er deshalb so sehr, er stehe in der Jungen Union "in der Mitte". Papsch hat sich die Flügeltheorie zu eigen gemacht und sagt: "Ich bin der Rumpf. Es gibt einen rechten und einen linken Flügel. Beide müssen schlagen." Er selbst sei der "Vermittler", sagt er und erzählt ein Beispiel. In der Drogenpolitik habe der linke Flügel gute Ideen, der rechte beharre auf den alten Regeln, da sei es seine Aufgabe, die beiden zueinander zu bringen. Doch aus irgendeinem Grund - es habe nichts mit seiner eigenen politischen Orientierung zu tun - glaubt Papsch, er müsse dem rechten Flügel besondere Fürsorge zukommen lassen. Er sagt zum Beispiel, die Junge Union in Niedersachsen müsse "konservativer werden". Das stand vor dem Treffen im Hotel Rennschuh in mehreren Zeitungen und hat einige der JU-Mitglieder sehr geärgert. Nicht nur den Stadtrat Dieter Sturm, der in die CDU gekommen ist, um "Freiheit und Gerechtigkeit zu verwirklichen".

Auch Carsten Schüler beklagt sich. Er ist ein gut aussehender junger Mann mit kurz rasierten Haaren. Er meldet sich zu Wort und sagt: "Es ist nicht meine Vorstellungen von Demokratie, wenn der Vorstand die Richtung vor unseren Beschlüssen festlegt." Schüler wird aber von Andreas Schwegel zurechtgewiesen. Dies sei jetzt nicht "das Thema", sagt er. Und Papsch meint später, das besagte Papier sei doch ganz harmlos, man habe versucht, alle zu berücksichtigen.

Dann lächelt Papsch und sagt: "Wir können auch anders."

"Die CDU muss aufpassen, dass sie keine Weicheipartei wird. " Gerold Papsch, Junge Union Niedersachsen BERLINER ZEITUNG/ANDREAS SCHOELZEL Mut zur Lücke: Gerold Papsch (r. ), Chef der Jungen Union Niedersachsens, tuschelt mit seinem Stellvertreter Andreas Schwegel, während der nationalkonservative Publizist Klaus Rainer Röhl, der "verehrte Altmeister", eine Rede hält.