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Der Anpfiff als Kriegserklärung

Was heißt hier Spielkultur? Die Oberhausener Fußballausstellung "Der Ball ist rund"

Rainer Rother

Einer der verlässlichsten Leitsätze Sepp Herbergers lautet: Die Leute kommen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht. Daran ändern auch Misserfolge wie jüngst bei der Europameisterschaft nichts. Jeder Spieltag steckt für den Fan voller Erwartungen, jedes Spiel könnte eine überraschende Wende nehmen. Daraus bildet sich, wie zum Beispiel der englische Schriftsteller Nick Hornby in seinen Fan- Bekenntnissen "Fever Pitch" beschrieben hat, eine besondere Erinnerung, in der die Momente von Triumph oder Niederlage konserviert sind. Und mit der Hilfe von Fernseh- und Video-Rückblicken lassen sich die entscheidenden Szenen immer wieder konsumieren. Die weltweit beliebteste und profitabelste Sportart ist weitgehend archiviert. Doch nur in Ausnahmefällen werden Spiele noch vollständig aufgezeichnet und verbreitet. Weil jeder weiß, wie es ausgegangen ist, zählen nur die Höhe- und Wendepunkte.

Das macht den Fußball zu einem undankbaren historischen Thema. Der Wunsch des deutschen Fußball-Bundes, sein hundertjähriges Jubiläum auch mit einer Ausstellung unter dem klassischen Titel "Der Ball ist rund" zu feiern, war also nicht unproblematisch. Immerhin hat der Welt größter Verband für die letzten Jahrzehnte mit einer ebenso vollständigen wie lebendigen Erinnerung der Fußballenthusiasten zu rechnen. Was könnte eine Ausstellung beschwören, was nicht ohnehin zur Grunderinnerung des idealen Fans gehörte? Dem könnten nur typische Mittel zeitgenössischer Ausstellungsdramaturgie begegnen wie Einübung in einen fremden Blick einerseits, Verweis auf den Kontext andererseits. Die Leute wissen schließlich, wie die Spiele ausgegangen sind - in die Ausstellung kommen sie, weil sie mehr als die Ergebnisse erfahren wollen.

Deshalb geht es in dem gigantischen Ausstellungsraum des Oberhausener Gasometers um den Fußball im Allgemeinen. Dazu gehört auch eine knappe kulturhistorische Abschweifung zu vorneuzeitlichen Formen des Ballsports in Japan, im vom Europäischen noch unbehelligten Mittelamerika, in Florenz und Venedig. Der Fan denkt sich vermutlich: Alles kein Fußball.

Was der ist, zeigt eine brillante Installation, die das Spiel wie den Ritus einer fremden Kultur ansieht. Die Instrumente des Kults gruppieren sich im Riesenzylinder der Industriearchitektur um einen Ball. Er ruht auf einem, trotz künstlicher Beleuchtung und Bewässerung an den Rändern schon verdorrten Rasen. Darum herum enthalten Vitrinen das Allerüblichste des Spiels. Alles, was wichtig ist, aber kaum ein Objekt ist etwas Besonderes: Ersatzbank, Talismane von Spielern, Trillerpfeifen, die gelben und roten Karten der Schiedsrichter, die Maschine, mit der Linien und Kreise auf dem Spielfeld markiert werden, dann ein Stück Rasen aus dem Olympiastadion in Rom, ausgewählt wegen der gewonnenen WM 1990. Das alles sind eigentlich belanglose Trophäen. Die Fahnen der Linienrichter, die Schienbeinschützer der Spieler, die Schals der Fans sind bloße Utensilien wie die Luftpumpe und der Koffer des Masseurs. Sie tragen keine Bedeutung, und wo sie doch einmal was Besonderes abgeben könnten - wie Fritz Walters Schuh aus dem WM-Finale 1954 oder der Pfosten, der einmal im Mönchengladbacher Stadion brach - siegt die fremde Perspektive. Ein Schuh ist ein Schuh, Spiel-Material.

Diese Objekte bestehen ohne jeglichen Erinnerungswert, nicht als Zeugnisse für ein bestimmtes Ereignis; sie definieren eine Gewohnheit. Der Blick auf sie ist ethnographisch, unter ihm werden sie fremd. Für sich genommen sind die Objekte ohne Aura. Erst die glänzende Idee, den Sport als unbekanntes, mit geheimnislosen Gegenständen verbundenes Ritual aufzufassen, ermöglicht der Ausstellung den distanzierenden Schritt von der Fanperspektive weg.

Dieser Auftakt ist fraglos die Stärke der DFB-Jubiläumsausstellung. Steigt man die Treppen hinauf zur zweiten Ebene des Gasometers, so landet man in einer anderen Darstellungswelt. Hier geht es um die Geschichte des Sports, der die Welt eroberte. Es beginnt in England, wo aus einer Raufe- rei mit ungezählten Beteiligten schließlich ein geregelter Ablauf für 22 Akteure plus Schiedsrichter wurde, geht weiter mit den Anfängen der Professionalisierung und der Ausbreitung auf den Kontinent. Dann folgt die Geschichte des Sports in Deutschland mit dem Kaiserreich, wo der Kronprinz als Schirmherr auftrat. Hier finden sich die ersten Beispiele des um den Sport herum blühenden Geschäfts mit entsprechenden Zeitungen, Sammelbildern, Anstecknadeln und Souvenirs. Alte Bälle, Trikots, Schuhe führen zurück in die Frühzeit.

Es findet sich sogar eine legendenträchtige Episode aus dem Ersten Weltkrieg. Der Sturmangriff des East Surrey Regiments soll am ersten Tag der Sommerschlacht 1916 von Captain Wilfred Nevill mit einem ins Niemandsland gekickten Fußball eingeleitet worden sein. Sofern nicht nur der Ball, sondern auch die schwer bepackten Angreifer die deutschen Linien erreichten, gehörten sie zu den Glücklicheren dieses verheerenden ersten Tages. Mag die Überlieferung zweifelhaft sein, an Stellen wie dieser gewinnt die Ausstellung Zugang zu einer Vergangenheit des Sports, die aus mehr als den jeweiligen Abschlusstabellen besteht.

Doch wachsen, je näher die Ausstellung der Gegenwart kommt, die profanen Erinnerungsstücke zu einer Fülle heran, in der die Darstellung ihre Distanz zu verlieren droht. Herbergers zahlreiche Aktenordner lassen etwas von der Akribie seiner Arbeit und vom Aufwand erahnen, der hinter den sportlichen Erfolgen steckt.

Und einmal setzt die Ausstellung den Sport auch in Beziehung zur Katastrophengeschichte dieses Jahrhunderts. Erinnerungsbilder der "Pariser Soldatenelf", die ihre Matches zur Unterhaltung der Landser im beschlagnahmten Prinzenparkstadion austrug, befinden sich im gleichen Raum wie die gezeichneten Spielpläne aus Theresienstadt. Die hier unter elenden Bedingungen zusammengepferchten Juden bildeten Mannschaften, die nach der Herkunft der von den Nazis aus allen Ländern Europas Zusammengetriebenen benannt waren oder nach der Funktion, die ihre Mitglieder im Lagerleben innehatten. Das Ende der Spielzeit erlebten viele von ihnen nicht mehr - Krankheiten, Todesfälle und Deportationen dezimierten die Insassen der Stadt, die ein einziges Lager war.

Zu selten öffnet sich auf diese Weise der Blick auf die Welt jenseits des Sportfeldes. Die nach dem "Anschluss" Österreichs gebildeten großdeutschen Mannschaften sind ein Beispiel für die Unvereinbarkeit zweier gegensätzlicher, aus Propagandagründen in ein Team gezwungener Spielsysteme. Mehr ist nicht mitzuteilen über Nazis und Fußball?

Je näher die Ausstellung der Gegenwart kommt, desto mehr wuchern Sportereignisse und Memorabilia. Eine immense Fülle von Trikots, Wimpeln, Pokalen, Fanzeitschriften und Videoeinspielungen verstellt den Blick. Er reduziert sich auf die Fanperspektive. Was fehlt, ist der Versuch, Fußball als Teil der Unterhaltungsindustrie verständlich zu machen; die Veränderung seiner soziokulturellen Grundlagen, seine gewachsene ökonomische Bedeutung, seine Rolle in der Durchsetzung des Privatfernsehens (und zukünftig des Pay-TV) fehlen.

Ebenso ignoriert wird, dass der Rassismus in den Stadien die DFB-Kampagne "Mein Freund ist Ausländer" erzwang. Hooligans kommen nur in einem Video von den Ausschreitungen deutscher Schlachtenbummler in Lens vor, wo sie den französischen Gendarmen Nivel zum Krüppel prügelten. Doch die Ausstellung erwähnt nicht, dass die Fanprojekte der Bundesligavereine keine Geste waren, mit der sich das DFB-Management volkstümlich gab, sondern eine Reaktion auf die übliche Gewalt vor, während und nach den Spielen.

Je näher die Ausstellung der Gegenwart kommt, desto weniger Fragen stellt sie an ihren Gegenstand. Der Besucher, ermüdet vom Rundgang, mag sich gegen Ende seiner Tour beim Schießen auf die Torwand etwas Bewegung verschaffen. Er hätte vielleicht auch bis zuletzt ein wenig mehr geistige Herausforderung zu schätzen gewusst. Für anderes bleiben schließlich die Spiele der jetzt beginnenden Bundesliga-Saison.

Von der Rauferei zum Mannschaftssport // Jubiläumsausstellung: Zu seinem hundertsten Geburtstag hat der Deutsche Fußball-Bund die Ausstellung "Der Ball ist rund" veranstaltet. Sie ist im Gasometer nahe der "Centro"-Einkaufsstadt in Oberhausen bis zum 31. Oktober täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Der Katalog erschien im Essener Klarsicht-Verlag und kostet 29,80 DM.

Themen: Die Ausstellung zeigt neben Trophäen und Devotionalien aus der Geschichte des Ballsports auch politische Ereignisse. So soll der Sturmangriff des East Surrey Regiments am ersten Tag der Sommerschlacht 1916 vom Captain Wilfred Nevill mit einem ins Niemandsland gekickten Fußball eingeleitet worden sein.

Kritik: Über das Unwesen der Hooligans und die totale Kommerzialisierung schweigt sich die Oberhausener Jubiläumsausstellung weitgehend aus.