Manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum." Dieses Gedicht Ernst Jandls aus dem Jahr 1966 ist inzwischen bekannter als die Volkswagen-Werbung aus derselben Zeit: "Er läuft und läuft und läuft." Kein experimenteller Dichter hat je einen ähnlichen Bekanntheitsgrad erreicht wie der Wiener Autor, der am Freitagabend kurz vor seinem 75. Geburtstag in seiner Heimatstadt verstarb. Jandl hat mehr als ein Dutzend Gedichtbände, fast ebenso viele Hörspiele und Theaterstücke verfasst.
Inhalte im engeren Sinne waren ihm dabei gleichgültig; Jandls Gedichte wollten auf radikale Weise frei sein, frei von Botschaften und Stellungnahmen sollte sich die Sprache als eigene Qualität zwischen den Autor und den Leser stellen - oder, besser noch: zwischen den Dichter und seinen Hörer. Denn so recht blühten Ernst Jandls Werke erst auf, wenn er sie las, wenn er beispielsweise einzelne Worte, von allen Vokalen gereinigt, ins Publikum spuckte. "schtzngrmm" war Jandls Version des "Schützengrabens", gefolgt von den messerscharf betonten Worten "ode auf n" und dann folgte, was Jandl die "explosive Schlusspointe" nannte: Hoch auffahrend bellte er hinaus, dass die p-Laute nur so knallten und die a-s mit voller Majestät im Hörsaal standen: "kneipp sebastian".
Sinn hatte das alles nicht, bis auf den einen, großen, dass die Sprache selber Wirklichkeit werden und sich von ihrer vertrauten Geläufigkeit als Transportmittel von Botschaften emanzipieren sollte. Artistisch flankierte er den politischen Aufbruch der 60er-Jahre und bot akustischen Stoff für den grassierenden Erfahrungshunger. Jandl war ein freiwilliger, extrem virtuoser Stotterer - so wie diese leiden unter dem zähen Eigensinn der sperrigen Laute, so bezog Jandl daraus alle Lust. Populär wurde er, weil er dieses Geschäft nicht so akademisch und bierernst betrieb wie viele seiner Kollegen von der "konkreten Poesie", sondern die letzten verqueren Sinngehalte seiner Sprache mit viel Spaß aufeinander hetzte: "aller Ingrimm rollender rrr gilt der Humorlosigkeit, dieser deutschen Krankheit, die auch Österreicher manchmal befällt."
In seinen späteren Gedichten wurde Jandl melancholischer; auch holte ihn der Inhalt wieder ein. Ihm, der seit vielen Jahrzehnten mit der Schriftstellerin Friederike Mayröcker zusammenlebte, gelangen dann sogar wunderschöne Liebesgedichte: "ich liege bei dir. deine arme / halten mich. deine arme / halten mehr als ich bin. / deine arme halten, was ich bin / wenn ich bei dir liege / und deine arme mich halten."