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Der Sündige unter den Tugendhaften

Zum Tod des Schriftstellers und Politikers Andrzej Szczypiorski

Helga Hirsch

Er war wie der Ich-Erzähler Jean aus der "Messe für die Stadt Arras" hin- und hergerissen zwischen zwei Männern und zwei Wertesystemen. Hier der tugendhafte, aber auch unnachsichtige und fanatische Idealist, dort ein "unverwüstlicher Gauner, der Teufel in leibhaftiger Gestalt, ein Vielfraß, ein Lügner, voll wilden Stolzes und der verrücktesten Einfälle". "Jean", erklärte Szczypiorski einmal in einem Interview, "ist ein Portrait des europäischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert: so schmeichlerisch, so verführbar durch die Macht. Die Intellektuellen sind immer schwache Leute, deswegen sage ich immer, ich bin keiner."

Doch Andrzej Szczypiorski war einer. Und er war - folgt man seiner eigenen Definition - lange Zeit sogar ein typischer. Nachdem er als Sechzehnjähriger im Warschauer Aufstand gekämpft und anschließend vom Herbst 1944 bis April 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen gesessen hatte, zog es ihn nach dem Krieg in die Reihen eben dieser tugendhaften, unnachsichtigen Genossen, die die Lust am Leben missbilligten, dafür aber einen Zipfel von der Macht versprachen. "Jahrelang", sagte Szczypiorski später nicht ohne Sarkasmus, habe er als "Regime-Feuilletonist" gearbeitet.

Abwendung vom Ideal

Seine Abwendung vom Ideal erfolgte erst 1968 nach der vom Regime betriebenen antisemitischen Hetze, die etwa 25 000 Polen jüdischer Herkunft zur Emigration trieb. Da deckte er in der "Messe für die Stadt Arras", seinem wohl besten Roman, die Mechanismen der rassischen und religiösen Intoleranz auf, die er in der polnischen Wirklichkeit erfahren hatte - allerdings 14 Jahre nach seinem Schriftstellerkollegen Jerzy Andrzejewski, der in "Finsternis bedeckt die Erde" bereits das Bild der Inquisition benutzt hatte, um das Unmenschliche anzuprangern, das im Gewande des Guten auftritt. Doch seitdem näherte sich Szczypiorski Schritt für Schritt der Opposition.

1977 schrieb er im Vorwort von Kazimierz Moczarskis Autobiografie "Gespräche mit dem Henker" schon ohne jede Angst vor der Zensur über die Ermordung polnischer Offiziere durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD 1940 in Katyn. Als ihn das Regime daraufhin mit einem Publikationsverbot belegte, publizierte er in Emigrationsverlagen und im Untergrund. Nach Verhängung des Kriegsrechts 1981 saß er im Lager Jaworze, nach der Freilassung band er sich mehr und mehr an die Untergrund-Solidarnosc und bei den fast freien Wahlen 1989 zog er als Senator ins Parlament. Spätestens seit dieser Zeit gewann Andrzej Szczypiorski jene Autorität, die ihn zu einer gewichtigen politisch-moralischen Instanz seines Landes werden ließ.

Großen Anteil daran hatte sicherlich auch sein plötzlicher Ruhm im Ausland. Der Roman "Die schöne Frau Seidenman" machte ihn 1988 in Deutschland auf einen Schlag berühmt. In Polen, wo das Buch zwei Jahre zuvor in einer Exil- und Untergrundausgabe erschienen war, hatte es kaum Beachtung gefunden.

Plötzlicher Ruhm

Was polnische Rezensenten sowohl literarisch wie inhaltlich wenig überzeugend fanden, gefiel den deutschen Lesern umso mehr. Endlich nahm ihnen ein Pole einen Teil ihrer Schuld, indem er auch einen guten Deutschen kreierte: ein NSDAP-Mitglied, das die Jüdin Seidenman rettet, während ihr jüdischer Landsmann sie bei der SS denunziert. Da schienen die menschlichen Schwächen (fast) gleich verteilt auf Deutsche, Polen und Juden - und einigen Nationalisten in seinem Land galt Szczypiorski seither als Verräter.

Ihn störte das nicht, denn er liebte die Provokation. Je nach politisch-pädagogischer Intention verteilte er seine Hiebe in vielen Interviews und Essays, die in den letzten Jahren in Polen und Deutschland erschienen. So konnte er selbst seine Landsleute an einem Tag pauschal des Antisemitismus bezichtigen, sie am nächsten Tag aber vor ähnlicher Kritik amerikanischer Juden vehement in Schutz nehmen. So konnte er den Ostdeutschen einerseits als Strafe für ihren "Servilismus" und ihr "Lakaientum" den bitteren Weg der Aufarbeitung der Vergangenheit verordnen und für die schon immer abtrünnigen Polen Straffreiheit mit der Politik des "dicken Strichs" reklamieren, etwas später jedoch den deutschen Umgang als die klügere Entscheidung auch für sein Land loben. Mit nationalen Stereotypen und ihrer Entlarvung verstand er so kunstfertig zu jonglieren wie kaum noch ein anderer.

Szczypiorski konnte immer beides: seinen Landsleuten und seinen Nachbarn die Leviten lesen, ihnen aber auch begütigende Streicheleinheiten gewähren. Auf großen Werten beharren, sich und anderen aber auch kleine Sünden zugestehen. Er liebte den Witz, auch die Frivolität und griff doch gern - im Leben wie in der Literatur - auf die bewährten Formen zurück.

Bis zum Schluss bewahrte er in sich die Ambivalenz des Jean: Er sehnte sich immer noch (und wieder) nach einer großen geistigen Vision und wollte doch seine Lust am Leben nicht verleugnen. "Welcher vernünftig denkende Mensch", fragte er in seiner unnachahmlichen Art bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 7. April dieses Jahres in Köln, "kann (denn die europäische Einheit) in seiner Vision auf den Euro als einzig gültige Währung reduzieren, auf die Festlegung der Größe von Dosengurken, die innerhalb der EU vertrieben werden?"