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Woran das Herz sich erinnern mochte

Zum Tode des italienischen Schriftstellers Giorgio Bassani

Stephan Speicher

Ich bin in meinem Leben oft unglücklich gewesen, als kleines Kind, als Knabe, als Heranwachsender und schließlich als Erwachsener, und meine Verzweiflung hat oft den äußersten Punkt erreicht. Aber ich kann mich an keine Zeit erinnern, die schwärzer für mich gewesen wäre als die Monate vom Oktober 1929 bis zum Juni 1930 ..." So beginnt eines der eindrucksvollsten Bücher der Nachkriegszeit: "Hinter der Tür" von Giorgio Bassani. Es ist die Geschichte eines sechzehnjährigen Schülers, der, in die Oberstufe des Gymnasiums wechselnd, seine alten Freundschaften verliert, sich notgedrungen neuen Mitschülern anschließt, und an einem schrecklichen Nachmittag hinter der Tür hören muss, was sein Banknachbar über ihn und seine jüdische Familie erzählt. Und vor allem: Was über seine Mutter erzählt wird, die "wer weiß was im Bett" vermuten lasse. Der Erzähler kehrt nach Hause zurück; aus dem Schatten sieht er seine Familie beim Abendessen, den schwachen, schlaffen Vater in seinen Hausschuhen und der Pyjamajacke, die "unbedeutenden kleinen" Geschwister und die Mutter, eine schöne Dame, die dem Sohn in diesem Moment den Rücken zuwendet.

Für den Erzähler, der wie viele Figuren Bassanis autobiographische Züge trägt, ist die Welt seiner Kindheit untergegangen, das selbstverständliche Vertrauen in seine Familie. Das "ärmellose, leichte weiße Sommerkleid" der Mutter, das vor Stunden noch ganz unschuldig war, ist zur Möglichkeit der Verführung geworden, zeit seines Lebens wird der Erzähler ein stabiles Weltvertrauen nicht wiedergewinnen können. Wochen später, während der Ferien am Meer, wird er von seinem Klassenkameraden, der die derben Dinge über die Mutter zu sagen hatte, besucht. Es ist ein wunderbarer Tag, "wo sich Meer und Himmel miteinander vermischen .... und eine einzige helle Masse bilden, perlmutter- und milchfarben". Es wäre die letzte Gelegenheit, mit dem Verleumder ins Reine zu kommen, doch "der ganzen Wahrheit ins Gesicht zu sehen" ist der Erzähler nicht fähig, "schwerfällig im begreifen, unfähig zu einer einzigen Geste, einem einzigen Wort, der Sklave meiner Feigheit und meines Grolls".

Das Werk Giorgio Bassanis ist nicht umfangreich. Vor dem Kurzroman "Hinter der Tür" (1964) erschienen die Ferrareser Geschichten, zu denen auch "Die Brille mit dem Goldrand" gehört, und die "Gärten der Finzi Contini" (1962), sein umfangreichstes und (auch dank der Verfilmung durch de Sica) populärstes Werk; zuletzt "Der Reiher", 1968. Alle Werke trägt der Ton der Erinnerung, ein Ton, der um das Verlorene klagt und trauervoll ist, weil das, was auf das Vergangene folgte, sich als rücksichtslos oder wenigstens gedankenlos erwies. Es ist das Schicksal der Juden Ferraras, zu denen auch der 1916 geborene Bassani zählte, das den Autor bewegt hat. Ferrara, diese schöne, ruhige, bürgerliche Stadt, die so sehr eine Heimat der Toleranz und Humanität zu sein scheint, wird den Juden fremd und dann verderblich unter den Rassegesetzen der Faschisten und der Gleichgültigkeit der nichtjüdischen Nachbarn.

Bassanis Romane sprechen nicht von den Grausamkeiten der Vernichtungslager, doch der Leser soll sich verfangen in der milden, unaufgeregten Sprache und dem Wissen, was auf die jüdischen Protagonisten wartet. In deren Bildung, Wohlerzogenheit, in Selbstzweifeln und fehlender Entschlusskraft drückt sich die Krise des Bürgertums aus, das der brutalen Kraft des Faschismus ausgeliefert ist. Die Gärten, in denen die reiche Familie der Finzi-Contini ihre letzten Jahre verlebt, zwischen den italienischen Rassegesetzen und der Deportation nach Deutschland, sind das letzte Residuum.

Als Künstler ist Bassani oft unterschätzt worden: wie aus dem Erinnern beglaubigter Ernst und artifizielle Konstruktion sich verbanden, das hat man leicht übersehen zugunsten einer Oberseminar-Moderne. Die Nachwelt wird für die Versäumnisse der Mitwelt eintreten. Wenig Autoren gibt es, die so zwingend zu uns sprechen, über unsere Schwächen und die Schrecken unserer Epoche.

"Papa, fragte Giannina, warum sind alte Gräber nicht so traurig wie neue?"

Giorgio Bassani: Die Gärten der Finzi-Contini