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95 Prozent Papierleichen

Sind Deutschlands Literaten Schlappschwänze? Eine Tagung über die Kraft der Literatur

Harald Jähner

Dass ein Stern am Himmel leuchtet, bedeutet nicht, dass er noch existiert. So mag, während der Boom junger deutscher Literatur in der Öffentlichkeit seine Strahlen entfaltet, dessen Substanz schon wieder erloschen sein. 95 Prozent der Neuerscheinungen seien belanglos und überflüssig; die Kritiker bloß zu feige, das zu kritisieren, meint Maxim Biller, Keulenjongleur unter Deutschlands Kolumnisten und Erzählern, seit jüngstem auch Autor eines Romans mit dem Titel "Die Tochter". Maxim Biller hatte etliche Schriftsteller und deren stets überzählige Anverwandtschaft aus Verlagswesen, Publizistik und Kritik nach Tutzing am Starnberger See eingeladen, um übereinander zu sprechen.

Am vergangenen Wochenende versammelte man sich erwartungsfroh im Schlossambiente der Evangelischen Akademie. Wieder breitete sich jenes diffuse Gefühl aus, mitten im Anfang von etwas Neuem, Unbegriffenem aber doch irgendwie Epochalem zu stehen, das seit einiger Zeit die Zusammenkünfte junger deutscher Literatur prägt. Doch da warf Maxim Biller gleich zu Beginn den Fehdehandschuh in die Runde. In seinem Einleitungsvortrag flog er im Rund über unser "Wohlfühldeutschland" mit seinen Ja-Sagern, seiner moralischen Indifferenz, seiner harmlosen Spaßkultur und seinen neurotischen Ängsten, eines Tages könne es vorbei sein mit der komfortablen Langeweile. Die politisch und kulturell wertvollen Kräfte der Feindschaft hätten sich in die lähmenden der Angst verwandelt. Die "systematische Diskreditierung jeder Form von Idealismus und Moral" in der Ära Kohl hätte auch die Literatur der "Schlaff-Generation" geprägt. Sie produziere eine moralisch indifferente Literatur "totalen Einverstandenseins", Papierleichen, "die nichts wollen, nichts hassen, nichts lieben; die nicht fallen können, nicht schreien können, nicht töten können". Die gegenwärtige Literatur sei "Schlappschwanzliteratur" ohne moralische Vorstellungskraft, ohne Hass auf das Böse, ohne politische Willen.

Und wie um zu zeigen, was für ein ganzer Kerl er ist, wählte sich Biller aus den versammelten Autoren einen aus, mit dem ihn zwar eine Freundschaft verbinde, den er hier aber dennoch als Musterbeispiel eines "literarischen Schlappschwanzes" vorstellen müsse, den nur scheinbaren Dauerrebellen Rainald Goetz.

Mit diesem Eingangsstatement hatte Biller alles getan, damit die folgenden zwei Tage wie eine Bärbel-Schäfer-Talkshow abliefen. Moderator Claudius Seidel machte die Bärbel ganz gut; er warf seinen ganzen Charme in die Runde, um zwischen Charakterfragen und politischen Haltungen das Gespräch lavierbar zu halten. Nun hätte man eigentlich über die Gesellschaft reden müssen, ihren Mangel an Alternativen und Frontstellungen und über die Schwierigkeiten beim Finden eines Schuldigen für allerlei Unrecht. Doch da man über Literatur reden wollte, blieb es bei der Politik als Charakterfrage.

Den Gegenpol zum "Hass-und-Moral-Amokmann" (Biller über Biller) bildete Joachim Bessing, einer der fünf Autoren des "Popliterarischen Quintetts", jener snobistisch-elitären Runde, die im Hotel Adlon anhand der Markenwarenwelt tagelang über gute und schlechte Lebensstile räsoniert hatten und daraus das Buch "Tristesse Royal" als Gesprächsprotokoll verfassten. Bessing sollte eigentlich über die "Verquickung von Popkultur und Literatur" sprechen, hatte aber stattdessen ein Manuskript über "Wärme" vorbereitet. Das hielt er jedoch auch nicht, "weil die Stimmung so schlecht sei", nachdem Biller seinen Freund einen Schlappschwanz genannt hatte. Außerdem sähe er überall Brillen und Bärte. So parlierte er, ein ernsthafter, empfindsamer junger Mann, ein wenig verloren auf dem Podium sitzend darüber, dass er am Vormittag gefehlt habe, weil er seine eigene Brille gesucht habe, und wie schön es war, dass er sich mit dem Feridun Zaimoglu, dem Kickbox- und Kanaksprak-Autor, über die McNeal-Hosen bei Peek & Cloppenburg unterhalten habe. Ansonsten weigerte sich Bessing standhaft und traurig, sich zu irgendwelchen Thesen zu bekennen, außer zu der Aussage, dass der Einfluss der Pop-Kultur auf seine Literatur "vermutlich" darin bestünde, dass er keine Geschichte in drei Sätzen erzählen könne.

Man könnte nun noch seitenlang über die Tagung berichten, über den wunderbar kommödian-tischen Vortrag von Joseph von Westphalen, der lieber für Geld als für die Ehre schreibt; über den geschliffenen, makellosen Slang von Feridun Zaimoglu, der ein wenig von "der Kraft und Herrlichkeit" der Außenseiterszenen in die verwöhnte Runde brachte; über den sperrigen Vortrag Alissa Walsers, die nicht willens oder unfähig war, ihr unverständliches Manuskript mündlich zusammenzufassen, so dass man lange diskutierte, ob sie ihren Text noch einmal lesen solle.

Doch richtig erhellend war allein der Gegensatz zwischen Maxim Biller und Jochen Bessing. Zwischen den herbeigesehnten politischen Frontstellungen Billers und den McNeal-Hosen Bessings spannt sich das diffuse Deutschland, das es dem neuen Erzähl-Elan so schwer macht, ein Thema zu finden, das denen der Gruppe 47 ebenbürtig sein könnte. Bessings melancholische Verweigerungshaltung provozierte das Publikum genauso wie die "rotzig piratenhaften" (Seidl) Attacken Billers. "Zeig doch dein Manuskript!" tönte es höhnisch von den Bärbel-Schäfer-Rängen, als wäre Bessing nur zu faul gewesen, eines zu verfassen. Bessing schwieg, so wie Alissa Walser und Christian Kracht schwiegen. Dieser verzog nicht einmal eine Miene, wenn es um seinen Roman "Faserland" oder um "Tristesse Royale" ging. Er las eine Geschichte und machte Erinnerungsfotos mit seiner Minikamera.

Biller, dessen Unverschämtheiten aus dem fast schon verzweifelten Wunsch herrühren, über ernsthafte Dinge ernsthaft zu sprechen, prallte an dem Schweigen ab, so sehr er sich auch mit erneuten Schlappschwanzschmähungen mühte, aus Bessing eine Definition für Popliteratur herauszulocken. Für ihn sei Pop Stalinismus, meinte Biller, es ginge nur um Ausschließungsmechanismen, darum, wer zur Gemeinde gehöre und wer nicht: "Für mich ist das Nazizeug."

Selbst Thomas Meinecke, einer der eloquentesten Pop-Literaten, schwieg. So offenbarte sich, während die übrigen weiter parlierten, der fortschreitende Zerfall literarischer Öffentlichkeit. Zwischen dem alten gesellschaftspolitischen und aufklärerischen Diskurs, der sich in Biller geradezu aufzubäumen schien, und dem resignativen, schmerzlich-schönen Oberflächenkult der jüngeren Popliteratur ist jedes Band zerrissen. In Sachen Metaphysik und politischer Theorie ist Deutschland wieder obdachlos geworden. Die junge Literatur will das Hinschauen lernen. Vermutlich ist sie so beliebt, weil das Publikum ihrer Lernbereitschaft vertraut. Eine andere Hoffnung bleibt nicht. "Mich interessiert nicht Gut und Böse, mich interessieren komplizierte Sozialverhältnisse", meinte Rainald Goetz, der durch strahlende Laune und pausenloses Mitschreiben auffiel: "Allein über diese Tagung könnte man drei Romane schreiben."

"Wo es keine Feindschaften gibt, gibt es keine Moral. Und wo die Moral fehlt, fehlt die Kunst. " Maxim Biller